LITERATUR

150 Jahre Max und Moritz

 

© fernsehbüro

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Ein Streich kommt selten allein

Seit Generationen gehören sie zum kollektiven Humorgedächtnis der Deutschen: Max und Moritz. 150 Jahre nach ihrem Erscheinen zeigt ARTE, wie Wilhelm Buschs Kinderbuch vom Ladenhüter zum Bestseller wurde.

 

Dass er einmal mit sieben Streichen in die Literaturweltrangliste aufsteigen würde, kann Wilhelm Busch nicht ahnen, als er im November 1863 mit dem Zeichnen und Reimen eines eigenen Buches beginnt. „Aber wehe, wehe, wehe / Wenn ich auf das Ende sehe!!“, heißt es im Vorwort seiner „Bubengeschichte in sieben Streichen.“ Und Busch könnte dieses geflügelte Wort auf sich beziehen, scheint das Buch doch nichts als ein Misserfolg zu werden. Der Verleger Heinrich Richter lehnt das Manuskript wegen mangelnder Verkaufsaussichten ab. In seiner Not wendet sich der 32-jährige Busch an den Verleger Kaspar Braun: „Ich schicke Ihnen nun hier die Geschichte von Max und Moritz (…) mit der Bitte, das Ding recht freundlich in die Hand zu nehmen und hin und wieder ein wenig zu lächeln.“ Das „Ding“ wird im Oktober 1865 veröffentlicht, Auflage 4.000 Stück, doch der Absatz bleibt gering, auch aufgrund heftiger Proteste von Erziehern.

 
Wein fließt in Strömen. Zum Zeitpunkt von Wilhelm Buschs Tod 1908 ist „Max und Moritz“ in der 54. Auflage mit mehr als 400.000 Stück verbreitet und in unzählige Sprachen übersetzt. Heute ist es eines der erfolgreichsten Kinderbücher weltweit.
Dabei war sein Schöpfer Wilhelm Busch jahrelang überzeugt, zum klassischen Maler geboren zu sein. 1854, gut zehn Jahre vor Erscheinen von „Max und Moritz“, bricht er seine Malerausbildung an den Akademien in Düsseldorf und Antwerpen ab, um sich an der Königlichen Akademie der Künste in München einzuschreiben. München allerdings macht keinen akademischen Maler aus ihm. Wohl aber nimmt dort sein Leben die entscheidende Wendung, denn das Studieren langweilt ihn bald; viel lustiger ist das Vereinsleben der Künstlergesellschaft „Jung-München“. „Der Wein floß in Strömen“, schreibt Busch. Er zeichnet Karikaturen für die Kneipzeitung (von dem Wort „Kneipe“) von „Jung-München“. Die Karikaturen bekommt jener Verleger Kaspar Braun zu sehen, der später „Max und Moritz“ herausgeben wird, und trägt ihm die Mitarbeit an seinen „Fliegenden Blättern“ und den „Münchener Bilderbogen“ an. Hier wird Busch reichlich Erfahrungen beim Entwerfen, Zeichnen und Texten von humoristischen Geschichten sammeln, ja er wird die noch kaum etablierte Gattung der Bildergeschichte auf sich zuschneiden – „in Bildern schreiben“ nennt er das.

 

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Böse Buben, böses Ende. Max und Moritz sind „böse Kinder“, die sich über „weise Lehren“ lustig machen, Gottesdienst und Schule schwänzen, stattdessen „Übelthätigkeit“ zu ihrem Lebenszweck erklären. Was heißt Übeltätigkeit! Die beiden sind jugendliche Straftäter: Tierquälerei, Beleidigung, Diebstahl, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, schwere Körperverletzung, Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz – ihr Strafregister ist lang.

Es ist ein bewährtes Erzählschema, das Busch in „Max und Moritz“ wählt. Zuerst listet er die Misse-taten der Buben auf: „Menschen necken, Thiere quälen, / Äpfel, Birnen, Zwetschen stehlen.“ Der Hauptteil in der Bildergeschichte dient dem stets neu erbrachten Beweis von Bosheit und Unbelehrbarkeit, konsequent gekrönt von tödlicher Strafe. Am Ende finden sich die Geschädigten zusammen, um zu beteuern, das höllische Ende ihrer Peiniger tue ihnen kein bisschen leid. Witwe Bolte, die um ihre Hühner gebracht wurde, Lehrer Lämpel, Opfer des Schwarzpulveranschlags, Schneider Böck, von den Buben auf die angesägte Brücke gelockt – alle stimmen ein in den Kanon: „Gott sei Dank! Nun ist’s vorbei / Mit der Übelthäterei!!“

 

Ratsch. Puff. Knacks. Buschs Bilderwelt ist brutal, dynamisch und wirkt unmittelbar auf den Betrachter. Sein Verdienst ist es, Sprache in Bilder zu übersetzen, die er in Sequenzen anordnet. Damit nimmt er die Struktur moderner Comics vorweg, in deren Bildfolgen die Geschichten bis zur Ab-straktion zugespitzt werden. Was Busch auch zum Urvater des Comics macht, sind die legendären Lautmalereien, die heute zum gängigen Repertoire gehören: Ratsch! Puff! Knacks! Schwapp!

Doch woher stammen die beiden Buben? Busch selbst antwortet verblümt: „Max und Moritz, diese Knaben, / Sollen, hör ich, Eltern haben, / Einen Der und eine Die, / Nämlich Scherz und Phantasie.“ Es mögen ihn die eigene Kindheit und der Jugendfreund, Müllerssohn Erich Bachmann, angeregt haben. Und doch sind Max und Moritz keine richtigen Kinder, sondern lediglich Archetypen. Sie sind Produkte des einzigen Glaubensbekenntnisses, das Busch je ablegte: dass „wir nicht viel taugen von Jugend auf“. Das gilt für alle – auch für die Dorfbewohner, auch für uns. Oder haben wir etwa Mitleid mit Onkel Fritz, wenn er in Nachthemd und Zipfelmütze umherspringt? Sind wir empört, wenn Frau Böck das Bügeleisen auf den Gatten presst, als gälte es, den Mann und nicht das Hemd zu plätten? Das eigentliche Thema der Geschichte lautet: Schauen wir doch mal, was passiert, wenn Unordnung in ein verschlafenes Nest einzieht. Mit der finalen Schrotung der Bösewichte aber zerfallen zur allgemeinen Zufriedenheit die Urheber von Anarchie und Übeltäterei in saubere Stückchen.

 

Fröhlich gesündigt. Wilhelm Busch war vielseitig, auch wenn er der Nachwelt vor allem als Zeichner bekannt ist. Er schrieb Gedichte und Prosa, 1874 etwa erschien sein Lyrikband „Kritik des Herzens“. Wäre es nach dem Publikum gegangen, Busch hätte bis zum Lebensende Abenteuer gemalt, in denen fröhlich gesündigt und gestorben wird. Doch da er nach heutigen Maßstäben Millionär geworden war, leistete er sich den Vorruhestand und hörte mit
52 auf, Bildergeschichten zu zeichnen.

Welche Bilanz konnte er ziehen? Manches war nicht aus ihm geworden: Berufsmaler, Ehemann, Vater. Etwas war definitiv aus ihm geworden: ein scharfer Beobachter. Etwas war zufällig aus ihm geworden: einer der berühmtesten deutschen Humoristen. Doch was ihn einzigartig macht, ist sein Eigensinn. Völlig unbeeindruckt von kurzlebigen Strömungen, schuf er abseits von der großen Welt als Zeichner und Dichter Herausragendes, erfand die Bildergeschichte und brachte sie mit „Max und Moritz“ zu ihrer Vollendung. Und das alles mit einer Schärfe und einem Understatement, für die es einen Begriff gibt: modern.

 

ARTE-Gastautorin: Gudrun Schury ist Autorin von „Ich wollt, ich wär ein Eskimo. Das Leben des Wilhelm Busch“

 

 

ARTE PLUS

Wilhelm Busch

1832 in Wiedensahl im Schaumburger Land geboren, studierte Wilhelm Busch am Polytechnikum in Hannover, brach vorzeitig ab und ging 1851 an die Kunstakademie Düsseldorf. 1852 wechselte er fürs Kunststudium nach Antwerpen, 1854 nach München, wo ab 1859 erste Zeichnungen erschienen. Busch lebte in München, Frankfurt, Wiedensahl und starb 1908 in Mechtshausen

 

 

 

ARTE Kulturdoku

Max und Moritz: Die unglaubliche Geschichte eines Kinderbuchs“

Sonntag, 5.4., 16.50

 

 

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Kategorien: April 2015