TYPISCH FRANKREICH
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Typisch Frankreich: Zum Totlachen

(c) Drushba Pankow

(c) Drushba Pankow

Die Franzosen sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Das ARTE Magazin geht auf Spurensuche. Im März: Warum Franzosen alle irgendwie ein bisschen Charlie sind. Über Satire.

  Mal ganz ehrlich: Dass sich Millionen Franzosen nach dem Attentat am 7. Januar um „Charlie Hebdo“ reißen, hätte auch keiner gedacht. Plötzlich werden sieben Millionen Exemplare von einer Zeitung verkauft, die – rein rechnerisch – mit einer Auflage von 60.000 um ihre Existenz kämpfte. Das macht eine Auflagensteigerung von 13.900 Prozent. Einfach nur Reaktion und Sensationsgier oder echtes Bekenntnis zu Werten und Tradition? Sicher beides, denn: Das Herz der Franzosen schlägt seit Jahrhunderten für die Satire. Sie ist ein Symbol der Freiheit, und die ist nicht verhandelbar. Seit 1789 die Meinungsfreiheit festgeschrieben wurde, gilt: freie Presse, freie Republik! Und wenn es gegen die Werte der Republik geht, springen die Franzosen direkt vom Kanapee auf die Straße, zack. König, Klerus oder politische Gegner ins Visier nehmen, Missstände anprangern, das Volk mobilisieren – Satire war immer eine mächtige Waffe, Frucht der Aufklärung und der Revolution. La Fontaine schrieb seine späten Fabeln (1677, 1679) mit spitzer Feder gegen die Verhältnisse von „oben“ und „unten“. Montesquieus „Persische Briefe“ (1721) sind ein Schlüsseltext der Aufklärung, Voltaires Streitschrift „Traité sur la tolérance“ (1763) zielte gegen religiösen Fanatismus. Der Band war im Januar in Frankreich vergriffen. Anarchisch darf Satire sein, obszön. Der Hintern von Mohamed, der Penis des Staatspräsidenten? Alles erlaubt, es geht schließlich um die nackte Wahrheit.

 

Und die Karikatur, das Bild der Satire? Sie war die SMS, der Tweet der Aufklärung, sie war lesbar und mobil, erreichte Massen. Die Karikatur begleitet Frankreichs Geschichte bis heute, meist unter dem Risiko von Zensur oder Verfolgung. Zwar ist sie seit den 1960er Jahren ein akzeptierter Teil der Kultur; trotzdem wurde 1970 das Magazin „Hara-Kiri“ verboten, weil es den Tod von Charles de Gaulle böse verulkte, ausgerechnet auf dem Titelblatt. Die Redaktion machte weiter und gründete „Charlie Hebdo“. Schärfster Konkurrent, wenn auch das gemäßigtere Satireblatt, ist „Le canard enchaîné“. Und dann gibt es noch Comiczeitschriften wie „Fluide Glacial“ – deftig, freizügig.Wir Deutschen können da in diesem Maße nicht mithalten, wir lachen nicht gern über Dinge, die zum Heulen sind. Kanzler Kohl nannten wir „Birne“ und fanden das verwegen, bloß hatte die Idee mit dem Obst schon ein Franzose, als das noch gefährlich war: Der Karikaturist Honoré Daumier zeichnete König Louis Philippe als Birnenkopf und ging dafür 1832 in den Knast. Wie tödlich Humor bis heute sein kann, wissen wir nun. Fast könnte man denken, das Wort Satire stamme von „Ça tire“ ab – „Es schießt“.   Katja Ernst für das ARTE Magazin

Weitere französische und auch deutsche

Eigenheiten in „Karambolage“, sonntags, 19.30

arte.tv/karambolage

DVD-TIPP: „Karambolage“ aus der ARTE Edition

 

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Kategorien: März 2015