MUSIK

Philippe Jaroussky

 

(c) Ozango

(c) Ozango

 

„Ich brauche nicht immer Applaus“

  

Der charismatische Countertenor Philippe Jaroussky plädiert für mehr Offenheit in der Musik, fachsimpelt über Lady Gaga – und erklärt, warum andächtige Stille jedem Beifall Konkurrenz machen kann.

Als wir den französischen Countertenor Philippe Jaroussky im Dezember zum Interview treffen, hat er am Vorabend das Hamburger Publikum mit Sakralmusik von Vivaldi begeistert. Heute gibt es erst einmal Kamillentee. Philippe Jaroussky kämpft mit der komplizierten Teesieb-Konstruktion – begegnet dem Kratzen im Hals aber gelassen, mit Druck kann der Star des Gesangs in hohen Lagen offenbar umgehen. Anlass unseres Treffens ist ein weiteres Werk der Sakralmusik, das er wenig später zusammen mit der ungarischen Sopranistin Emöke Barath in der prächtigen Schlosskapelle von Fontainebleau darbieten wird: Pergolesis Vertonung des mittelalterlichen Gedichts Stabat Mater.

 

ARTE: Ein Blick auf eine Liste Ihrer Lieblingsmusik zeigt: Sie hören auch gerne Pop.

PHILIPPE JAROUSSKY: Mir geht es um eine spannende Mischung aus Klassik und Pop. Lorraine Hunt und Cecilia Bartoli neben Lady Gaga und Bruno Mars. Ich habe kein sonderliches Interesse an Lady Gaga, aber kürzlich sah ich im Internet einen Auftritt von ihr: Sie sang Nancy Sinatras „Bang Bang“, trug einen dramatisch roten Lederanzug, eine enorme Perücke – aber es war keinerlei Übertreibung in ihrem Gesang. Man hört die Bandbreite ihrer Stimme, ihre klassische Ausbildung. Sie könnte eine der größten Jazzsängerinnen unserer Zeit sein und ist eben kein Pop-Monster. Wir sollten alle ein bisschen offener sein. Ich muss gestehen, dass ich erst vor acht Jahren begonnen habe, Sängerinnen wie Ella Fitzgerald und Mercedes Sosa für mich zu entdecken. Ein gewaltiger Schock.

ARTE: Warum das?

PHILIPPE JAROUSSKY: Als Opernsänger trägst du deine Stimme vor dir her. Sänger hingegen, die ein Mikrofon benutzen, sind freier, viel entspannter, weil es nicht so sehr um die Stimme geht, sondern um die Bedeutung der Worte.

ARTE: Sie stöbern in Archiven nach unbekannten Werken, beschäftigen sich mit vergangenen Zeiten. Was nehmen Sie davon mit ins Heute?

PHILIPPE JAROUSSKY: Klassische Musik ist so reich an Gefühlen. In unserer Gesellschaft jedoch muss alles immer positiv und leicht zugänglich sein, Musik muss tanzbar sein. Ich finde das total hysterisch!

ARTE: Wir verschließen also unsere Emotionen?

PHILIPPE JAROUSSKY: Wir können ja nicht einmal über den Tod sprechen. Wir versuchen, all das Schwere zu vergessen und tanzen lieber. Wenn wir nun aber das „Stabat Mater“ hören, beschäftigen wir uns mit dem Tod. Und es gibt Anzeichen für eine Abkehr vom leicht Konsumierbaren. Viele sind ja doch gelangweilt davon, dass im Radio immer nur dieselben zehn Songs laufen. Vielleicht bringt diese Veränderung mit sich, dass wieder mehr Klassik gehört wird.

ARTE: Das „Stabat Mater“ wurde über Jahrhunderte immer wieder neu vertont. Was ist das Besondere an Pergolesis Komposition von 1736?

PHILIPPE JAROUSSKY: Pergolesi war sich bewusst, dass das Gedicht tieftraurig ist. Dennoch fordert er, dem Wortsinn mit etwas Distanz zu begegnen. Manche Passagen sind musikalisch heiter, ganz im Gegensatz zum Text. Er weiß, dass er die volle Emotion zum Ende nur erreicht, wenn er zwischendrin Druck rausnimmt, andere Gefühlslagen einbindet.

ARTE: Wie gelingt es Ihnen, auf der Bühne Gefühle zu zeigen und doch stimmlich exakt zu bleiben?

PHILIPPE JAROUSSKY: Letztlich ist es im Gesang wie im Schauspiel. Man reproduziert Emotionen, man zeigt sie, obwohl man sie in dem Moment nicht empfindet. Das musste ich erst lernen.

ARTE: Sie haben das „Stabat Mater“ bereits dreimal mit verschiedenen Partnern gesungen. Was verändert sich dabei jedes Mal?

PHILIPPE JAROUSSKY: Ich denke, man singt jedes Mal anders. Emöke Baraths Sopran ist zart und menschlich, mit Julia Lezhnevas reicher, tiefer Stimme war unsere Darstellung zurückhaltender und mit meinem Countertenor-Kollegen Valer Sabadus kam es mir vor, als sängen zwei Engel.

ARTE: Ich dachte, diesen Vergleich mögen Sie nicht.

PHILIPPE JAROUSSKY: Ich kann ihn inzwischen besser annehmen. Vielleicht ist das eine Fähigkeit, die Countertenöre haben: die Zuhörer in eine andere Welt zu versetzen.

ARTE: Welche Reaktion des Publikums ist Ihnen denn die liebste?

PHILIPPE JAROUSSKY: Manchmal wird anfangs viel gehustet, am Ende dann gar nicht mehr. Das mag ich, wenn die Zuhörer vergessen zu husten. Ich genieße oft den Moment nach langsamen Arien, in dem das Publikum mit mir ein paar Sekunden Stille zulässt, in denen kein Geräusch im Raum ist. Musiker brauchen nicht immer Applaus.

ARTE:Ist es nicht manchmal so, dass sich schlicht niemand traut, als Erster zu klatschen?

PHILIPPE JAROUSSKY: Viele Jüngere sind es gewohnt, auf Popkonzerte zu gehen, wo man sich während der Stücke unterhält. In Klassikkonzerten stellen wir Stille her. Möglicherweise ist es heute ungewohnt für uns, zwei Stunden still zu sein.

 

Dorthe Hansen für das ARTE Magazin

 

 

ARTE PLUS

Philippe Jaroussky

Geboren 1978 bei Paris begann Philippe Jaroussky als Elfjähriger mit dem Violinspiel, später kam Klavierunterricht hinzu. Er studierte beide Instrumente, dazu Komposition. Mit 18 Jahren entstand der Wunsch, Sänger zu werden. Dreimal (2008, 2012, 2013) wurde er mit dem Musikpreis ECHO Klassik ausgezeichnet

 

Diskografie

„Green – Mélodies fran-çaises sur des poèmes de Verlaine“ (Erato 2015); „Pergolesi – Stabat Mater“. Mit Julia Lezhneva (Erato 2013); „Caldara in Vienna – Forgotten Castrato Arias“ (Erato 2010): „Magnificat/Dixit Dominus“ (Erato 2008) (Auswahl)

 

ARTE Konzert

Stabat Mater – P. jaroussky & E. Barath singen Pergolesi, Sonntag,· 22.3., 18.30

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter concert.arte.tv/de/jaroussky-pergolesi

Neugierig geworden? Das ARTE Magazin präsentiert jeden Monat alles, was Sie zum aktuellen ARTE TV-Programm wissen müssen. Testen Sie jetzt 2 Ausgaben des ARTE Magazins gratis! Oder entdecken Sie das ARTE Magazin als E-Paper-Version für unterwegs!

Kategorien: März 2015