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On The Road Again

© Vincent TV/Andrea Mokosch

© Vincent TV/Andrea Mokosch

Sechs Länder, 3.800 Kilometer am Meer entlang: Für die ARTE-Reihe „Unterwegs auf dem Nordseeküstenradweg“ hat sich Radfahrlegende Rudi Altig wieder auf den Sattel geschwungen. Ein Besuch bei ihm zu Hause, wo er uns seine Highlights verriet.

Januar 2015: Ein halbes Jahr nach seiner Tour an der Nordsee empfängt uns Rudi Altig in Sinzig bei Bonn. Im schummrigen Licht wandelt der drahtige Ex-Radfahrprofi durch seinen Keller. An der Wand hängen Erinnerungen an seine Zeit als Weltmeister, Olympiasieger und Etappensieger der Tour de France. Altig mit Fahrrad auf Plakaten, Fotos, auf Zeitschriftencovern. Zwischen 1959 und 1966 wurde er viermal Weltmeister. Er ist zum Sportler des Jahres 1966 gewählt worden. „Heute fahre ich lieber in der zweiten Reihe“, sagt er, umringt von seinen Erfolgen. Er ist für viele immer noch eine Legende.Die zweite Reihe war auch Altigs Lieblingsplatz bei der Tour auf Europas längstem Radweg, für die er insgesamt 3.800 Kilometer zurückgelegt hat – von Belgien nach Norwegen. Die Strecke bewältigte er mit seinen zwei Teamkollegen Jeannie Longo, einer französischen Profifahrerin, und Joey Kelly, Extremsportler und Sprössling der Kelly Family. 2012 waren sie bereits auf dem ersten Teil des Radwegs unterwegs, durch Großbritannien. „Ich habe drei Monate für die Fahrt trainiert“, gesteht Altig. Uns erzählt er, was ihm von der Tour besonders in Erinnerung geblieben ist: belgische Pralinen, ein Bad in Schafswolle und die Schönheit deutscher Strände.

 

© Vincent TV/Andrea Mokosch

© Vincent TV/Andrea Mokosch

Belgische Schokolade

„Ich bin nicht unbedingt ein Süßer, ich esse lieber mal eine Gurke. Aber bei der Schokolade von Dominique Persoone in Brügge konnte ich nicht widerstehen. Ich war überwältigt von der Pralinenvielfalt, am liebsten hätte ich sie alle probiert. Die mit Marzipan waren lecker, nur die modernen Kreationen, etwa mit Lachsgeschmack, mochte ich nicht. Als ich noch aktiver Radrennfahrer war, habe ich mir auch ab und zu Schokolade gegönnt. Mein Prinzip: Man darf im Leben alles. Man muss nur wissen: wie lange, wie viel und wie oft.“

 

 

Niederländische Wolle

„Wunderschöne Tulpenfelder haben den Weg zum Fähranleger zur Insel Texel gesäumt. Meine Kollegen aus den Niederlanden habe ich früher zum Spaß ‚Tulpenköpfe‘ genannt. Da musste ich schmunzeln, als ich durch die Blumen fuhr. Auf Texel hat mich besonders überrascht, dass es dort mehr Schafe als Menschen gibt. Im sogenannten ‚Woolnesshotel‘ habe ich mich von Kopf bis Fuß in Schafswolle einwickeln lassen. Jeannie Longo und ich lagen weich umhüllt in kleinen Holzbetten. Natürlich war der Schafsgeruch präsent, es wäre komisch gewesen, wenn es nach Parfum gerochen hätte. Ich kann auf Knopfdruck an nichts denken und entspannen, das habe ich beim Yoga gelernt. Mein erster Radtrainer hat mich in eine Yogaschule geschickt, da war ich noch ein Jugendlicher. Die Ruhe auf Texel hätte ich gerne länger genossen. Aber ob Schafswolle eine besondere Wirkung hat? Man muss daran glauben. Ob ich daran glaube? Jein.“

 

Deutscher Strand

„Sand, so weit das Auge reicht: Der Strand von Sankt Peter-Ording war wunderbar. Die Deutschen müssen immer möglichst weit weg in den Urlaub fahren. Sie denken, in der Ferne sei es schöner als im eigenen Land. Dass es auch im Schwarzwald oder an der Nordsee wunderbare Ecken gibt, vergessen viele. Ich stamme aus dem Süden Deutschlands und habe bei der Tour den Norden für mich entdeckt. Den Strandseglern zuzuschauen, war ein Spektakel. Die Wagen mit ihren großen Segeln wurden vom Wind über den Sandboden gepeitscht. Ich selber wollte mich aber nicht hinters Steuer setzen. Ich brauche diesen Nervenkitzel nicht mehr. Heute habe ich es gerne etwas ruhiger, arbeite viel im Garten und spiele Golf. Hätte mir jemand vor 40 Jahren eine Fahrt mit im Strandsegler angeboten, wäre ich dabei gewesen.“

 

Schwedische Elche

„Auf unserer Fahrt haben wir eine Elchfarm bei Ed, einem Ort in der Region Dalsland besucht, wo zwölf Tiere ihr Zuhause haben. Ich dachte immer, Elche seien so groß wie Kühe. Aber die Burschen sind viel größer mit ihrem imposanten Geweih. Als ich neben ihnen stand, war ich beeindruckt. Ich hatte keine Angst vor ihnen, aber Respekt. Das hat mich jedoch nicht davon abgehalten, sie zu streicheln. Ihre ausladenden Schnauzen haben sich weich angefühlt, wie die Nüstern eines Pferdes. Das Fell war borstig wie bei Hirschen. Sie haben in einem großen Freigehege gelebt. In einer Bude neben dem Gehege wurden Elch-Mitbringsel verkauft: In allen Farben, aus Plastik, und sogar Strick-Elche hatten sie dort im Angebot. Ich habe nichts gekauft, mir reichen meine Erinnerungen.“

 

Norwegische Schärenküste

„Norwegen fand ich von den drei skandinavischen Ländern am schönsten. Der Radweg führt hier an wunderbaren Landschaften vorbei. In Bergen, einer mittelgroßen Stadt wie Wiesbaden, kommt nur ab und zu ein Kreuzfahrtschiff vorbei. Ansonsten ist die Stadt beschaulich. Wir sind mit einer Seilbahn den Berg Fløyen am Rand der Stadt hochgefahren. Der Ausblick war überwältigend. Die Gegend ist ein Idyll: Die Schärenküste und die Natur dort sind unglaublich schön. Um dort hinzukommen, sind wir zum Teil auf schmalen Straßen gefahren, bergauf, bergab – das war anstrengend! Zwischendurch konnten wir uns ausruhen, wenn wir wieder eine Fähre genommen haben – eine angenehme Art, die unzähligen Fjorde zu überqueren. Die Felsen, die am Wasser hoch in den Himmel ragen, haben mich beeindruckt. Mich interessiert, wie es vom Ende des Radwegs in Bergen weitergeht im Norden. Den nächsten Urlaub verbringen meine Frau Monique und ich in Norwegen, das ist beschlossen. Aber diesmal ohne Fahrrad.“

 

Hanna Gieffers für das ARTE Magazin

 

 

ARTE Dokureihe

„Unterwegs auf dem Nordseeküstenradweg“

(1) Von Flandern nach Friesland

(2) Von Emden nach Sylt

(3) Von Rømø nach Grenå

(4) Von Göteborg nach Bohuslän

(5) Von Oslo nach Bergen

 von Montag 9.3. bis Freitag 13.3., jeweils um 19.30

 Bitte beachten Sie auch die Folgen zur britischen Etappe des Nordsee- küstenradweges vom 2.3. bis 6.3., jeweils um 19.30

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Kategorien: März 2015