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Gangs of Birmingham

© Tiger Aspect

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Sie nennen sich „Peaky Blinders“ und sehen aus wie Gentlemen, doch unter ihren Tweedsakkos blitzen die Pistolen. ARTE taucht tief ein in die brodelnden Straßen Birminghams der 1920er Jahre – in der aufsehenerregenden Gangsterserie aus Großbritannien.

 

Wenn er auf seinem Rappen durch die matschigen Straßen reitet, verkriechen sich die Menschen wie vor einem dräuenden Gewitter. Sein dunkler Maßanzug sitzt perfekt, die polierten Schuhe glänzen. Die Schiebermütze tief ins Gesicht gezogen, streift sein stählerner Blick über die elenden Bewohner der Arbeitersiedlung Small Heath. Der Mann auf dem Pferd, das ist Thomas Shelby – Clanchef der Gangsterbande „Peaky Blinders“. Wir schreiben das Jahr 1919 in Birmingham. Es ist die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, wo Chaos, Gewalt und Armut die dreckigen Straßen und schlammigen Viertel von Birmingham regieren. Idealer Nährboden für die Familie Shelby und ihre Bande, die sich rund um Pferderennen ein solides Standbein mit Wettbetrug aufgebaut haben. Denn es ist auch die Zeit der 1920er, der Eskapaden und Vergnügungen, in der reiche Gangster für die High Society salonfähig werden. Die schicke Fassade kann die brutale Realität aber nicht übertünchen: Unter den Tweedsakkos der „Peaky Blinders“ blitzen Pistolen, in ihren Schiebermützen stecken Rasierklingen. Polizisten versuchen vergeblich, in der brodelnden Arbeiterstadt Recht und Ordnung wiederherzustellen. Bis eines Tages Polizeichef Chester Campbell, von Winston Churchill höchstpersönlich in die Stadt geschickt, auf den Plan tritt. Er soll das mysteriöse Verschwinden von Waffen der britischen Armee aufklären – und funkt damit in ein weiteres lukratives Geschäft der „Peaky Blinders“ hinein. Es wird ein Kampf auf Messer und Blut werden, Campbells bullige Schlägertruppen gegen die Gangster im Gentlemanlook.

 

Whiskey und Pumpgun

Das ist der Plot der preisgekrönten britischen Serie „Peaky Blinders“, die vor allem durch eine brillante Inszenierung überzeugt. Da sind die Allüren des Clanchefs Thomas Shelby, sein nonchalanter und doch kalter Blick, der Whiskey, der aus dickwandigen Gläsern gekippt wird, die rauchigen Bars, kurz: eine Atmos-phäre, die der in Erfolgsserien wie „Mad Men“ gleicht. Minimalistische Bilder und gekonnt eingesetzte Zeitlupe hauchen der Serie Kino-optik ein, sodass Kampfszenen zum ästhetischen Feuerwerk à la Quentin Tarantino werden: Gesichter, die nach einem Schlag auf die Schläfe langsam in Unschärfe verschwinden; Männer, die kühl mit der Pumpgun posieren. Dazu weht ein Hauch von Western durchs Bild, wenn sich die unprätentiöse Eckkneipe zum Saloon wandelt, der auch in den Weiten Wyomings hätte stehen können. Männer mit Pistolen schreiten durch die Kneipentür, Trinker bilden eine Gasse, ein Warnschuss an die Decke: „Drinks für diese Herren“, sagt Thomas Shelby gelassen. Alle anderen schickt er nach Hause. Der Name für die Gang „Peaky Blinders“ stammt wahrscheinlich von den Rasierklingen, die sie in ihren Mützenschirmen („peak“) trugen und die sie als Waffen nutzten. Inspiriert wurde die Serie von realen Begebenheiten. Philip Gooderson, Historiker, hat das Buch „Gangs of Birmingham“ veröffentlicht. Zwar sei im Film die „Atmosphäre der 1920er Jahre in Birmingham sehr gut gezeigt“, sagt er, die Familie der Shelbys sei allerdings erfunden. Die Charaktere ähnelten denen der Brummagem Boys, die von 1910 bis 1930 tatsächlich ein kriminelles Imperium von Nordengland bis nach London aufgebaut hatten. Wettbetrug auf der Pferderennbahn und ausgiebige Barprügeleien waren auch damals, bei den echten Vorbildern der „Peaky Blinders“, an der Tagesordnung. Das echte Birmingham war ein Hort der Kriegsheimkehrer, der Krüppel, der Männer, die in Gedanken noch immer knietief in den Schützengräben steckten, in die sie der Erste Weltkrieg gedrückt hatte. Auch Clanchef Thomas Shelby wird in der Serie von seinen Erinnerungen verfolgt. Vier Jahre nach Kriegsende hört er in seinem Kopf immer noch das Klopfen der Spitzhacken aus den Tunneln unter den deutschen Stellungen. Betäubende Züge aus der Opiumpfeife verscheuchen seine Wahnvorstellungen. Äußerlich treten er und seine Gang als harte Kerle auf, in Wirklichkeit sind sie gebrochene Männer.

 

© Tiger Aspect

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Charmeur und Gangster

Gespielt wird Thomas Shelby von einem brillanten Cillian Murphy, der – nur durch den minimal changierenden Ausdruck in seinen stahlblauen Augen – von einer Sekunde auf die andere vom mitfühlenden Charmeur zum mordenden Gangster werden kann. Der irische Schauspieler wurde einem breiten Publikum vor allem durch den Film „Batman Begins“ als Bösewicht Scarecrow bekannt. Zwar hatte Murphy sich ursprünglich für die Hauptrolle beworben, die dann Christian Bale ergatterte; Regisseur Christopher Nolan war aber so begeistert von dem Schauspieler, dass er ihn auch in bislang vier weiteren seiner Filme engagierte, unter anderem dem Erfolgsfilm „Inception“ (2010).

 

 

Rock und Röhren

Der Autor und Erfinder der Serie, Steven Knight, hat sich für das Drehbuch von Erinnerungen seines Vaters inspirieren lassen, der als zehnjähriger Junge noch die Gangs in Birmingham erlebt hat. „Zunächst dachte ich, die Geschichten seien alle übertrieben“, sagt er in einem Interview. Doch während der Recherche fand er heraus, dass „die Realität weitaus traumatischer“ war. Darum wollte er die Geschichte unbedingt auf die Leinwand bringen. Wichtig war ihm bei der Umsetzung vor allem, die Geschichte ins Heute zu transponieren: „Die Idee, die Menschen von damals als modern in ihren Emotionen, ihrem Ausdruck und ihren Hoffnungen herauszustellen, stand dabei im Mittelpunkt.“ Es ist vor allem der Soundtrack, der die Serie so modern erscheinen lässt – die dunklen Rocksongs von Nick Cave, die zeitgenössischen Beats der White Stripes oder das Röhren eines Tom Waits – auch wenn das im ersten Moment nicht so ganz in die damalige Zeit zu passen scheint. Was die echten Gangs von Birmingham angeht, so war ihre Ära Ende der 30er Jahre zu Ende. Wie es für Thomas Shelby und seine „Peaky Blinders“ weitergeht? Sehen Sie selbst!

 

Hanna Gieffers, Diana Aust für das ARTE Magazin

 

 

ARTE PLUS

DIE WAHREN PEAKY BLINDERS

 

Ab 1900 beherrschen die sogenannten Brummagem Boys Birmingham, deren Anführer Billy Kimber ein ehemaliger Taschendieb ist. Die Gang kontrolliert die lukrativen Pferdewetten, die damals sehr populär waren. Kimber wandert jedoch nach einem Streit mit einer rivalisierenden Gang mit circa 45 Jahren Ende der 1920er Jahre nach Arizona aus. Der Rest der Brummagem Boys muss sich wenige Jahre später der Polizei geschlagen geben. Der Name „Peaky Blinders“, den die Serie aufgreift, ist inspiriert von einer losen Bande raufender Krimineller, die in Birmingham um 1890 gelebt hat.

 

ARTE SERIE

Peaky Blinders – Gangs of Birmingham (1–6) donnerstags ab 12.3. je zwei Folgen, 20.15

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter arte.tv/peakyblinders

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Kategorien: März 2015