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Fleisch – Ein tierisches Geschäft

 

© MDR/tvntv GmbH

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Fleisch auf Abwegen

Deutsches Qualitätsfleisch – eine Illusion? Um den Verbraucherschutz steht es hier jedenfalls schlecht. Wie skrupellose Geschäftemacher europaweit oft ungestört agieren können, zeigt der investigative ARTE-Themenabend. Bestandsaufnahme.

 

Nach dem Skandal ist vor dem Skandal. Für kaum eine andere Branche gilt das so sehr wie für die Fleischindustrie. Wie kann es passieren, dass immer wieder Gammelfleisch in Umlauf kommt oder Tausende Tonnen Pferdefleisch in der Lasagne landen, ohne dass es Kontrolleuren oder Lebensmittelherstellern auffällt? Alles nur unglückliche Zufälle oder einfach Schlamperei? Weder noch. Dahinter steckt System. Das zeigt eine Spurensuche, die durch ganz Europa führt und aufdeckt, was wirklich vorgeht hinter den Kulissen einer Branche, die eine heile Welt mit glücklichen Tieren und idyllischen Bauernhöfen vorgaukelt. Die Realität erweist sich als grausam und ernüchternd: Fleisch ist ein knallhartes Geschäft, in dem es um Milliardengewinne geht. Viele Konsumenten wollen zwar billig einkaufen, doch viele wünschen sich auch mehr Transparenz, um bewusster einkaufen zu können. Viehhalter, Fleischkonzerne und Lebensmittelhersteller haben mithilfe der Politik ein System aufgebaut, das genau das verhindert. Nur so sei die große Nachfrage zu günstigem Preis zu decken, so Vertreter der Lebensmittelbranche. 66 Kilogramm Fleisch isst jeder Europäer im Schnitt pro Jahr. Ein Bundesbürger verzehrt im Laufe seines Lebens 1.094 Tiere, genauer gesagt vier Rinder, vier Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, 46 Schweine, 46 Puten und 945 Hühner – so die Zahlen im „Fleischatlas“, den die Heinrich-Böll-Stiftung und der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) regelmäßig veröffentlichen.

 

Immer mehr, immer billiger

Viele der Schlachttiere haben einen weiten Weg hinter sich, bevor sie als Fleisch oder Wurst im Kühlregal landen. Nur ein Beispiel: Geboren in Dänemark, gemästet in Deutschland, geschlachtet in Polen und verarbeitet in einer deutschen Wurstfabrik – ein Schwein und seine Einzelteile werden nicht selten kreuz und quer durch Europa gekarrt, bevor sein Fleisch verarbeitet wird und sich die Spur in unzähligen Produkten und einer Vielzahl von Supermarktfilialen verliert. „Fleisch kann sieben oder acht verschiedene Länder durchlaufen, bevor es im Supermarkt landet“, sagt Monique Goyens, Chefin der europäischen Verbraucherschutzorganisation BEUC in Brüssel. Der gemeinsame europäische Markt sorgt dafür, dass sich Produzenten innerhalb der EU frei bewegen können. Sie produzieren dort, wo es am billigsten ist, und profitieren von den unterschiedlichen Gesetzen innerhalb der Eurozone.

Die Aufzucht und das Schlachten von Tieren ist mittlerweile ein hochindustrialisierter Prozess. In den vergangenen Jahrzehnten fand in der Branche ein Konzentrationsprozess statt, dem viele kleine und mittelgroße Produzenten zum Opfer fielen. Mastanlagen mit Tausenden Schweinen und Zehntausenden Hühnern sind nichts Besonderes mehr. In riesigen Schlachthäusern wird im Akkord getötet und zerlegt. Größe und nicht Qualität ist der entscheidende Faktor in diesem Wettbewerb, es geht um viel Geld: Die Fleischindustrie macht mit 32 Milliarden Euro Jahresumsatz fast ein Viertel der gesamten deutschen Ernährungsindustrie aus. Die Rahmenbedingungen für die Tierhaltung werden vor allem in Brüssel gemacht. Doch die Lobbyisten der Lebensmittelhändler gehen dort ein und aus und wissen ihre Interessen durchzusetzen.

 

Der getäuschte Verbraucher

Oft genug tappt der Verbraucher im Dunkeln. Schlachthöfe sind hochgesicherte Sperrzonen und die Werbung setzt alles daran, uns eine heile ländliche Idylle vorzugaukeln, die es so nicht gibt und nie gab. Auch die Handelskonzerne werben mit wohlklingenden vielversprechenden Namen wie etwa „Gut Ponholz“ (Netto), „Qualitätsmetzgerei Wilhelm Brandenburg“ (Rewe) oder „Landjunker“ (Lidl). Dass diese Markennamen fiktiv sind und Großunternehmen dahinterstecken, wissen die Wenigsten. „Labels führen Verbraucher in die Irre. Der Konsument hat keine Ahnung, woher sein Fleisch kommt, und so kann er auch nicht nachvollziehen, aus welcher Haltung das Tier stammt“, kritisiert Reinhild Benning vom BUND. Zwar muss jedes in Europa gehaltene Schwein oder Rind nach EU-Regeln eine Ohrmarke tragen, um eine Rückverfolgbarkeit zu ermöglichen. Die Herkunftsangabe wird vom Schlachthof aber nicht überprüft, da am Ende ohnehin alles vermengt wird: Eine Packung Hackfleisch aus dem Supermarkt kann Fleisch von etwa 150 Schweinen und 60 Rindern enthalten, da es aus einem Mischer kommt, der zwei Tonnen Fleisch fasst. Exakte Herkunftsangaben für jedes einzelne Tier seien bei so riesigen Produktionsmengen schlicht unmöglich, verteidigen sich Hersteller. Verpackungsangaben informieren in der Regel nur über den Ort der Schlachtung. Auch die ab April geltende neue Herkunftskennzeichnung für verpacktes Schweine-, Schaf-, Ziegen- und Geflügelfleisch greift zu kurz: Diese Pflichtkennzeichnung, die es für Rindfleisch schon länger gibt, betrifft nur frisches, gekühltes oder gefrorenes Fleisch, gilt also nicht für Wurst oder Fertigprodukte.

 

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Kontrolle ungenügend

Eine der größten Schwachstellen im System sind die Kontrollen. Wie einfach es ist, mit gefälschten Papieren illegale Ware in legale umzuwandeln, hat der Pferdefleischskandal 2013 gezeigt. Dass dieses Geschäft lange Zeit unentdeckt blieb, liegt daran, dass jeder Betrieb nur zur Eigenkontrolle verpflichtet ist. Ob die Angaben stimmen, die sein Lieferant macht, muss er nicht prüfen. Die staatlichen Stellen, die Industrie und Viehhalter überwachen sollen, sind unterbesetzt. Wegen ihrer Zuständigkeitsbereiche, die nicht einmal regionsübergreifend, geschweige denn länderübergreifend sind, sind ihnen die Hände gebunden. Eine global vernetzte Fleischindustrie lässt sich so kaum kontrollieren. Wer gegen Gesetze verstoßen will, kann es fast ungestört tun. So dauert es oft Jahre, bis schwere Verstöße überhaupt auffallen oder gar eine Strafe nach sich ziehen. Wie ohnmächtig Amtsveterinäre sind, deren Aufgabe es ist, Schlachthöfe und Mastbetriebe zu kontrollieren, macht eine Anfrage beim Landwirtschaftsministerium in Magdeburg deutlich. Dort wurden 2013 von rund 4.000 Schweinehaltern nur sechs Prozent kontrolliert. Woanders ist die Quote kaum besser. Der Wille der Branche, billig zu produzieren, geht nicht nur zu Lasten der Verbraucher, sondern auch der Tiere. Das machen zunehmende Verstöße gegen den Tierschutz in der Massentierhaltung deutlich. Laut Bundesregierung hat sich die Zahl der Fälle zwischen 2009 und 2013 auf über 10.000 Fälle fast verdoppelt. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.

Wer ist schuld an der Misere? Der Verbraucher, der viel Fleisch angeblich nur günstig einkaufen will? So stellt es die Lebensmittelindustrie dar. In der Verantwortung steht aber die Politik. Gesetze müssten Transparenz schaffen, das Leid der Tiere minimieren und der Fleischindustrie Grenzen setzen – mit Kontrollbehörden, die über Landesgrenzen hinweg vernetzt sind. Die Weichen müssen in Berlin und Brüssel gestellt werden. Doch das kostet Geld, das derzeit niemand bereitstellen will. Tiere, ausgebeutete Arbeitskräfte und nicht zuletzt alle Steuerzahler bezahlen für ein System, von dem nur Wenige profitieren.

 

Silvia Liebrich für das ARTE Magazin

 

ARTE PLUS

Fleischproduzent Deutschland

Mit jährlich ca. 58 Millionen geschlachteten Schweinen steht Deutschland auf Platz eins der europäischen Spitzenproduzenten, bei Rindfleisch auf Platz zwei hinter Frankreich; bei Geflügel gehört es zu den Top fünf. Mehr als die Hälfte der Schweinefleischproduktion teilen sich die drei größten Konzerne Tönnies, Vion und Westfleisch. Bei Rindfleisch teilen sich die fünf größten Unternehmen etwa die Hälfte des Marktes, bei Geflügel führt die PHW-Gruppe die Branche an, bekannt durch die Handelsmarke Wiesenhof. Deutschland ist Billiglohnland, in den Schlachtbetrieben arbeiten vor allem rumänische, bulgarische und polnische Leiharbeiter. Die niedrigen Löhne führen dazu, dass Nachbarländer ihre Tiere zur Schlachtung nach Deutschland bringen. (Quelle: „Fleischatlas 2014“)

 

 

ARTE Themenabend

Fleisch!

Dienstag, 31.3.

Der Weg des Fleisches, Gesellschaftsdoku, 20.15

Tote Tiere, kranke Menschen, Gesellschaftsdoku, 21.15

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung

finden Sie hier

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Kategorien: März 2015