MUSIK

Benda Bilili

© Sophie Dulac

© Sophie Dulac

Rumba im Rollstuhl

Aus den Slums von Kinshasa schafften sie es auf die Bühnen der Welt: die Musiker der Band Benda Bilili. Ein bewegender Dokumentarfilm zeigt, wie die kongolesischen Straßenmusiker und Habenichtse zu gefeierten Stars wurden.

Der Zufall ist der beste Geschichtenbaumeister, findet François de la Tullaye. 2004 reiste der französische Filmemacher mit seinem Kollegen Renaud Barret nach Kinshasa, um über Straßenmusiker in der kongolesischen Hauptstadt zu drehen. „Wir kamen gerade aus einer Bar, als wir plötzlich über eine Gruppe obdachloser, behinderter Musikanten stolperten“, erzählt der Regisseur. Was sich den beiden Filmemachern unvermittelt vor der Bar bot, begeisterte sie: eine bunte Truppe von Künstlern, die mitten in Kinshasa ein musikalisches Feuerwerk abfackelten. Das Thema ihres nächsten Filmprojekts war geboren. Das Ergebnis ist der Dokumentarfilm „Benda Bilili!“, der sich wie eine afrikanische Version von Wim Wenders berühmtem „Buena Vista Social Club“ liest.

 

Hymnen ans Leben.

Fünf Jahre lang begleiteten die Filmemacher die Band Benda Bilili fortan auf ihrem Weg, der sie aus den Slums von Kinshasa bis auf die Bühnen der Welt führen sollte. Den Regisseuren ist dabei ein Film voller bewegender Momente gelungen. „Benda Bilili!“ wagt einen intensiven Blick auf das Elend in den Straßen Kinshasas – und zeichnet ein persönliches Porträt der ambitionierten Straßenmusiker: unaufdringlich, ohne wohlfeile Klischees vom armen Afrika, ohne falsche Sozialromantik.

„Benda Bilili!“, der Name der Band ist Programm: Auf Lingala, der kongolesischen Nationalsprache, bedeutet das so viel wie „Verborgenes sichtbar machen“. Die Botschaft: „Schau nicht auf unsere Behinderung, sie existiert nur vordergründig. Schau nicht auf unsere Armut, sondern darauf, was wir aus ihr machen.“ Und so taucht man mit dem Film ein in nächtliche Musiksessions auf den Straßen von Kinshasa, und man folgt der Band in den stillgelegten Zoopark, wo unter freiem Himmel geprobt wird. Die zehn Musiker der Band sitzen teilweise auf Dreirädern und in Rollstühlen, zusammengeschweißt aus alten Fahrrad- und Mopedteilen. Allen voran Ricky, der Bandleader, Anfang 50, von den Straßenkindern liebevoll „Papa Ricky“ genannt. Er begrüßt seine Gitarristen und Sänger Theo und Coco mit lässigem Handshake. Sie alle strahlen Stolz und Würde aus, trotz ihrer von Polio gezeichneten Körper. Und noch bevor beim Zuschauer Mitleid aufkommen kann, breiten die Musiker stante pede einen Klangteppich aus Rumbasound und explosiver Weltmusik aus. Sie tanzen Soukous, einen körperbetonten Tanzstil, der wie eine eigenwillige Variante des Breakdance anmutet. Dazu werden sie begleitet von Roger, mit zwölf Jahren das jüngste Bandmitglied, der seinem selbstgebastelten Musikbogen aus einer alten Blechbüchse und einer Metallsaite ungeahnte, zitherähnliche Töne entlockt. Benda Bilili singen Hymnen an das Leben – und trotzen so ihrem Schicksal.

 

Musik als Hoffnung.

Der Alltag der Überlebenskünstler in Kinshasa ist hart, ihre Armut groß. Hoffnung und ein wenig Glück bietet ihnen nur die Musik. Die ist geprägt von einfachen Wünschen auf ein besseres Leben: „Gestern schlief ich auf einem Karton, bald hab’ ich ’ne Matratze!“, singen Benda Bilili und strotzen dabei vor Energie und Lebenslust. Es ist eine Textzeile, die den Zuschauer über die Dauer des Films begleitet. Und die mehr ist als bloße Anklage gegen alle Unbill des Lebens. Sie ist der Leitsatz der Band und spiegelt ihren unerschütterlichen Glauben an eine bessere Zukunft.

 

© Sophie Dulac

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Rückschläge meistern.

Diesen Glauben teilen sie mit den beiden Filmemachern, die noch während der Dreharbeiten versuchten, Geld für die Aufnahme einer CD aufzutreiben. Doch auf der Suche nach finanzieller Unterstützung stießen sie nur auf Widerstand: „In Europa sagte man uns: Afrikaner, Musiker und dazu noch Behinderte … das schafft ihr nie“, erzählt de la Tullaye. So geriet das verheißungsvolle Film- und Musikprojekt ins Stocken – und zur Langzeitstudie. Als eines Nachts das Notquartier der Band niederbrannte, wurde alles auf Eis gelegt. Für die ambitionierten Kongolesen ging es nur noch ums nackte Überleben, die Musik, die Produktion der CD und der Film rückten in weite Ferne. Und doch: De la Tullaye und Barret wollten sich nicht damit abfinden, zu sehr waren die französischen Filmemacher selbst Teil der Geschichte geworden – eine Tatsache, die ihnen auch Kritik einbrachte. Man warf ihnen vor, schlicht abzubilden, was sie selbst produziert hätten – ein Verstoß gegen strikte Objektivitätsregeln des Dokumentarfilms. Dass die Geschichte der Band mit der des Films eng verbunden ist, macht den Film aber gerade sehenswert und authentisch. Denn „Benda Bilili!“ ist nicht nur Zeugnis des Alltags und Schicksals armer kongolesischer Straßenmusiker, sondern auch eine bewegende Geschichte über die Entstehung eines Films, mit all ihren Höhen und Tiefen.

 

Von Kinshasa nach Cannes.

„Mit euch werden wir die berühmteste Band Kongos“, sagten die Musiker den Regisseuren zu Beginn des Projekts. Sie sollten recht behalten: 2009, vier Jahre nach Drehbeginn und einige Rückschläge später, erschien doch noch ihr Album „Très Très Fort“. Und wieder erwies sich dabei eine schlichte Songzeile als Verheißung: „Das Glück kommt unverhofft. Auch zu dir, mein Freund.“ Plötzlich ging alles ganz schnell. Das Album schlug ein. Im Kongo, dann auch in Europa. Der Dokumentarfilm selbst, der bei den Filmfestspielen in Cannes 2010 die Kritiker begeisterte, trug entscheidend dazu bei. Er war der Startschuss für die internationale Karriere der Band: Vom Festival Eurockéennes in Frankreich ging es auf Tournee durch ganz Europa. Der Wunsch, eine Matratze zu besitzen, hatte sich für die Musiker da längst erfüllt.

Während der Rhythmus ihrer Musik konstant dynamisch ist, änderte sich der Rhythmus ihres Lebens: Der Erfolg hatte seinen Preis, der Zwist untereinander wuchs, die Band trennte sich. Einige der Mitglieder treten nun als „Mbongwana Star“ auf. Was bleibt von der Geschichte der Musiker und des Films? Trotz fehlenden Happy Ends ist sie mehr als eine Chronik vom Aufstieg, Erfolg und Zerwürfnis einer Band. Die zentrale Botschaft von „Benda Bilili!“, so Regisseur de la Tullaye, sei eine allgemeingültige: „Dem Herzen zu folgen und beharrlich zu bleiben, lohnt sich. Das gilt für die Musiker ebenso wie für uns alle.“

 

Julian Windisch für das ARTE Magazin

 

ARTE PLUS

Musik in Kinshasa

Die Hauptstadt des Kongos ist bekannt für ihre innovative Musikszene und -geschichte. Zur traditionellen Tanzmusik, dem Soukous, mischen sich ab den 1940ern Rumbaelemente. Bands wie African Jazz werden europaweit bekannt. Heute gehören u. a. Papa Wemba und Kanda Bongo Man zu den bekanntesten Vertretern der kongolesischen Weltmusik. Neueste Entwicklung: der Congotronic-Stil, ein schriller Sound auf Likembes, Fingerklavieren, der als Mischung aus traditioneller Musik und westlichem Elektro zum Exportschlager avanciert

Diskografie Benda Bilili

„Bouger le monde“ (Crammed, 2012); „Très Très Fort“ (Crammed, 2009)

 

ARTE Dokumentarfilm

Benda Bilili!, Mittwoch,18.3., 22.55

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Kategorien: März 2015