GESCHICHTE

Tschetschenien – Wo Angst regiert

 

© Magnéto Presse

© Magnéto Presse

Tschetschenien galt jahrelang als Sinnbild für Krieg und Terror. Wie steht es heute um Russlands blutige Wunde? Interview mit Manon Loizeau über ihre erschütternde Reportage, die die Tragödie eines vergessenen Volkes dokumentiert.

 

Der Tschetschenienkrieg wurde 2009 offiziell für beendet erklärt. Was hat sich seitdem verändert? Die Journalistin Manon Loizeau, die jahrelang für die BBC und „Le Monde“ aus Tschetschenien berichtete, ist für ARTE in die Kaukasusrepublik zurückgekehrt – ein Land, das vom kremltreuen Präsidenten Ramsan Kadyrow mit eiserner Hand regiert wird.Über 20 Jahre nach Ausbruch der Gewalt, der circa 150.000 Menschen zum Opfer fielen, besucht sie heute ein Land, in dem die Spuren des Krieges systematisch verwischt wurden. Im Interview erzählt Manon Loizeau, warum die Erinnerung an den Krieg verboten, das tschetschenische Volk nur noch ein Schatten seiner selbst ist – und wie sie unter schwierigsten Bedingungen drehen konnte.

 

ARTE: Wie sieht Tschetschenien heute aus?

Manon Loizeau: Als ich im Oktober 2013 mit den Dreharbeiten zu meinem Film begann, war ich beim Anblick der neuen „Grosny City“ wie erstarrt: Die Stadt sah plötzlich aus wie Dubai.

ARTE: Warum?

Manon Loizeau: All diese jungen, fröhlichen Tschetschenen auf den brandneuen Flaniermeilen, die nach den Schlächtern von gestern benannt sind, all die glitzernden, fast menschenleeren Shoppingmalls, diese angestrahlten Moscheen … Und überall riesige Porträts, die den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow und Wladimir Putin zeigen. Noch augenfälliger war allerdings ein anderes Merkmal der neuen Zeit: die allgegenwärtige Angst. Eine Angst, wie ich sie selbst während des Krieges nicht erlebt habe. Dieses einst so stolze Volk war nur noch ein Schatten seiner selbst.

ARTE: Wie erklären Sie sich das?

Manon Loizeau: Putins Strategie, den Konflikt zu einem innertschetschenischen zu machen, hat noch besser funktioniert, als von ihm erhofft. In Grosny herrschen Zucht und Ordnung, nur sind es jetzt Tschetschenen, die mit den altbewährten Mitteln Russlands – Verschleppung, Folter und Mord – die Macht ausüben. Die von Kadyrow hinzugefügte nationale Komponente ist die islamische Moralordnung, die nun jede Frau dazu zwingt, sich zu verschleiern – oder, wie erst kürzlich geschehen, gegen „Charlie Hebdo“ auf die Straße zu gehen.

ARTE: Sollen mit dem rasanten Wiederaufbau alle Kriegsspuren beseitigt werden?

Manon Loizeau: Die Erinnerung an den Krieg ist verboten. An die Übergriffe der russischen Armee, an die Zerstörung darf nicht erinnert werden, geschweige denn an die zahllosen Massengräber. Kadyrow hat dank der großzügigen finanziellen Unterstützung Russlands seine Macht ausgebaut und kostspielige Bauprojekte aus dem Boden stampfen lassen. Doch das Ganze ist nur eine Fassade, denn fast niemand kann sich eine Wohnung in den Neubauten leisten oder in den Shoppingmalls einkaufen.

ARTE: Wie sah das Tschetschenien aus, das sie 2004, als der Krieg noch im Gange war, verließen?

Manon Loizeau: Bei meinem letzten Besuch war Tschetschenien noch unter russischer Besatzung. Man hat zu dieser Zeit Grosny mit Dresden nach der Bombardierung 1945 verglichen. Die Zahl der Opfer wurde auf 100.000 bis 200.000 geschätzt, was bei einer Bevölkerung von knapp über einer Million Menschen gewaltig ist. Zehntausende waren nach Inguschetien und Dagestan geflohen.

© Magnéto Presse

© Magnéto Presse

ARTE: Wie äußert sich Russlands Einfluss heute?

Manon Loizeau: Ramsan Kadyrow ist durch und durch ein Vasall des Kremls. Dafür erhielt er 2007, als Putin ihn zum Präsidenten kürte, die uneingeschränkte Regierungsgewalt. Solange in Grosny Ordnung herrscht, gewährt man ihm alle Freiheiten. Unter Kadyrows eiserner Hand hat das Volk, das zuvor stets Widerstand geleistet hatte, die Waffen gestreckt. Die einst moderaten tschetschnischen Separatisten sind durch den russischen Terror extrem radikalisiert worden. Viele von ihnen kämpfen noch in den Bergen oder sind sogar in den Dschihad nach Syrien gezogen. Der Rest der Bevölkerung hat resigniert. Offiziell gaben 2012 bei den letzten Präsidentschaftswahlen 99,8 Prozent der Tschetschenen ihre Stimme Wladimir Putin.

ARTE: Wie erklären Sie sich, dass Tschetschenien derart in Vergessenheit geraten ist?

Manon Loizeau: Ein Krieg folgt auf den nächsten und die tschetschenischen Kämpfer wurden nach dem 11. September alle unterschiedslos als Terroristen gebrandmarkt. Zudem hat sich die vage Vorstellung breitgemacht, dass der Krieg schon lange zurückliegt. Es ist sehr schwierig, vor Ort zu drehen, weshalb es nur wenige Reportagen von dort gibt.

ARTE: Wie ist es Ihnen gelungen, in diesem kon-trollierten Polizeistaat zu drehen?

Manon Loizeau: Tschetschenien ist Teil der Russischen Föderation und ich bin dort als Journalistin noch immer akkreditiert. Daher benötige ich für die Einreise kein Visum. Journalisten sind aber dazu angehalten, die Behörden über ihre Reise zu informieren – angeblich zu ihrer „eigenen Sicherheit“. Das habe ich ganz einfach nicht getan.

ARTE: Wie haben Sie Ihre Überwacher ausgetrickst?

Manon Loizeau: Es ist ein kleines Land, in dem sich alles sehr schnell herumspricht. Ich blieb immer nur wenige Tage am selben Ort, wohnte stets bei Einheimischen – meine größte Sorge war, dass ich die Menschen, die mir behilflich waren, Repressalien aussetzen könnte. Im Film sind alle, die nicht identifiziert werden sollen, unkenntlich gemacht und ihre Stimmen verfremdet. Wir haben auch Vorkehrungen zum Schutz der Informanten nach der Ausstrahlung getroffen.

ARTE: Welche Risiken sind Sie während der Dreharbeiten eingegangen?

Manon Loizeau: Ich selbst war erst am letzten Drehtag einem konkreten Risiko ausgesetzt: Wir drehten die Urteilsverkündung in einem schmutzigen Schauprozess gegen den angesehenen Oppositionspolitiker Ruslan Kutajew. Hier musste ich meinen Namen nennen. In erster Linie riskierte ich dabei, dass man mich des Landes verweist und das Filmmaterial beschlagnahmt. Wir wussten bis zum Schluss nicht, ob wir den Film zu Ende bringen konnten. Wer sich dagegen in ernsthafte Gefahr begeben hat, waren die Tschetschenen durch ihre Zusammenarbeit mit mir. Doch der Mut all derer, die es gewagt hatten, das Schweigen zu brechen, spornte uns zum Weitermachen an.

ARTE: Wer half Ihnen vor Ort?

Manon Loizeau: Ich konnte auf die Organisation „Mütter Tschetscheniens für den Frieden“ zählen, die seit 20 Jahren darum kämpft, das Schicksal ihrer während der Tschetschenienkriege verschwundenen Söhne, Ehemänner und Brüder aufzuklären. Sie glauben, dass sie nichts mehr zu verlieren haben. Aus diesem Grund zeigen sie sich offen vor der Kamera. Auch die jungen russischen Juristen des Interregionalen Komitees gegen Folter, das sich konkret für einzelne Fälle einsetzt und dabei erstaunliche Ergebnisse erzielt, halfen engagiert.

ARTE: Haben Sie als Kennerin der Region trotz der herrschenden Ungerechtigkeiten Hoffnung?

Manon Loizeau: Ich hätte nicht gedacht, dass es dort so bedrückend sein würde. Das tschetschenische Volk, das so sehr leiden musste, hat sich dem Terror gebeugt. Die Menschen sind gebrochen und haben resigniert. Einen kleinen Hoffnungsschimmer verbreiten höchstens jene russische Juristen. Sie stehen vielleicht für eine neue Generation.

 

Irene Berelowitch für das ARTE Magazin

 

 

ARTE Interview

Manon Loizeau

Die Journalistin Manon Loizeau, 1969 in London geboren, erhielt 2006 den Albert-Londres-Journalistenpreis. Für ARTE drehte sie bereits 2003 die Reportage „Die Babys von Grosny“ in Tschetschenien

 

ARTE Plus

Erster Tschetschenienkrieg

Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 erklärt Präsident Dschochar Dudajew die Unabhängigkeit Tschetscheniens, das bis dahin als Autonome Republik (ASSR) an die UdSSR gebunden ist. Moskau verliert zusehends die Kontrolle über die Republik. Russlands Truppen ziehen am 11. Dezember 1994 in Tschetschenien ein. Nach 13 Monaten endet der Krieg mit einer Niederlage Russlands

Zweiter Tschetschenienkrieg

Nach Terroranschlägen auf russischem Gebiet marschiert Russlands Armee am 1. Oktober 1999 erneut in Tschetschenien ein. Es beginnt eine breitangelegte Antiterror-Operation,Tausende Menschen sterben. 2009 erklärt Russland den Krieg offiziell für beendet

 

ARTE Themenabend

Tschetschenien, Vergessen auf Befehl

Dienstag, 3.3., Gespräch, 21.45, Dokumentarfilm, 22.00

Bitte beachten Sie auch die Reportage „Die Babys von Grosny“ unter:

info.arte.tv/de/arte-reportage-blick-zurueck

 

Neugierig geworden? Das ARTE Magazin präsentiert jeden Monat alles, was Sie zum aktuellen ARTE TV-Programm wissen müssen. Testen Sie jetzt 2 Ausgaben des ARTE Magazins gratis! Oder entdecken Sie das ARTE Magazin als E-Paper-Version für unterwegs!

Kategorien: März 2015