FILM

Überleben

© HR/UFA Fiction

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Jahrelang saß Murat Kurnaz unschuldig im US-Gefangenenlager Guantánamo. Mit „5 Jahre Leben“ zeigt ARTE die erschütternde Chronik seines Leidenswegs und zugleich eine filmische Anklage gegen die Anti-Terror-Politik der USA.

  Kurnaz schlingt das Essen hinunter. Ein Mithäftling fährt ihn an: „Du musst nicht so hetzen, du hast hier genug Zeit.“ Ein kurzer Satz nur, der jedoch einen Vorgeschmack gibt auf das, was Murat Kurnaz, gespielt von Sascha A. Geršak, blühen wird: inhaftiert zu sein, ohne zu wissen wie lang, ohne Gerichtsverhandlung, ohne Urteil. „5 Jahre Leben“ heißt der Film, der von Murat Kurnaz’ Gefangenschaft in Guantánamo erzählt. Und davon, wie die USA das Recht des Stärkeren walten ließen, nicht die Stärke des Rechts. Die Bilder aus Guantánamo haben sich ins öffentliche Bewusstsein gebrannt: Männer mit orangefarbenen Overalls, an den Füßen zusammengekettet, in Käfigen gehalten wie Tiere. Es sind Bilder aus einem rechtsfreien Raum, die mit dem Folterbericht des US-Senats vergangenen Dezember eine neue Brisanz erhalten. Der Report stellt fest, dass die US-Regierung gezielt Menschen hat foltern lassen, um im Namen der „nationalen Sicherheit“ brauchbare Informationen zu erzwingen – die sie allerdings nicht bekam.

 

Ungleicher Kampf ums Recht. Vor diesem Hintergrund legt der Film „5 Jahre Leben“ von Stefan Schaller Zeugnis ab von Machtmissbrauch – und davon, wie ein Einzelner staatlich verordneter Folter über Jahre standhalten kann, ohne daran zu zerbrechen. Basierend auf der Autobiografie von Murat Kurnaz zeichnet das Drama ein verstörendes Bild von dessen Überlebenskampf. Im Film wie in der Realität ist der Kampf um das eigene Recht von Beginn an ein ungleicher: Hier die USA, gedemütigt durch al-Qaida, getrieben von Rache und posttraumatischem 9/11-Angstfanatismus; dort Murat Kurnaz, ein 19-jähriger Deutsch-türke, der zur falschen Zeit am falschen Ort war. Kurz nach dem 11. September bricht er zu einer religiösen Bildungsreise nach Pakistan auf, gerät als vermeintlicher Terrorist ins Visier der CIA und wird nach Guantánamo verschleppt. Beweise für seine Schuld gibt es nicht, dennoch hält man ihn fest. Fünf Jahre dauert sein Albtraum. Bis heute hat Kurnaz keine Entschädigung erhalten. Die ersten zwei Jahre dieses Albtraums werden in „5 Jahre Leben“ aufgerollt: Kurnaz wird gefoltert und verhört. Immer wieder. Vor allem der Willkür der Gefängniswärter ist er ausgeliefert, die ihre Blockwartmentalität ungezügelt hinausprügeln. Es sind derart intensive Bilder, dass man sich kaum vorstellen mag, was in den restlichen drei Haftjahren passiert ist. Kurnaz selbst gibt die Antwort im Gespräch: „Wie schlimm es war, sieht man im Film nicht. Eigentlich ging es erst nach diesen zwei Jahren richtig los.“ Er lacht, als er das erzählt. Warum? „Ich darf lachen. Schließlich habe ich das alles durchgemacht. Entweder du lachst oder du wirst verrückt.“ Trotz teilweise heftiger Szenen sitzt der Film keinem Gewaltvoyeurismus auf. Regisseur Schaller ging es insbesondere darum, den Fall Kurnaz von der politischen Komplexität losgelöst zu begreifen: „Ich wollte zeigen, was mich besonders berührt hat: dass Kurnaz eine Taktik, ja fast ein Spiel entdeckt hat, wie er überleben kann.“

© HR/UFA Fiction

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Psychospiel. Schaller spitzt das Drama auf das Duell zwischen dem CIA-Verhörspezialisten Gail Holford, gespielt von Ben Miles, und Kurnaz zu, das durch filmische Rückblenden auf Kurnaz’ früheres Leben in Bremen durchbrochen ist. Die Verhöre werden zum Psychoduell, zum Kampf um Wahrheit, Lüge und Vertrauen. Dabei geht Holford, der gewiefte CIA-Mann, subtiler vor als seine Schergen. Doch auch er muss seinen Vorgesetzten Ergebnisse liefern. Mal täuscht er Kurnaz Haftentlassung vor, mal ködert er ihn mit Fastfood, dann wieder gibt er den verständnisvollen Kumpel. Doch Kurnaz geht nicht darauf ein: Mit seinem Bart wächst sein Widerstand. Und auch seine moralische Überlegenheit. Er weiß: Ein Geständnis würde die Folter rechtfertigen. „Ich kann einfach nichts gestehen“, sagt er. Nicht, weil er etwas verheimlicht, sondern weil es schlicht nichts zu gestehen gibt. Und so wird er weiter misshandelt: Kälte- und Hitzefolter, Schlafentzug, Beschallung mit Countrymusik. Die gesamte Bandbreite der von der CIA erprobten „verschärften Verhörmethoden“ wird zwar nicht durchexerziert in „5 Jahre Leben“, aber angedeutet. Umso eindrücklicher ist die Bildsprache des Films, etwa beim Kontrast Innen-Außen: Die Weite des Gefängnishofs, die dem Inhaftierten nur kurz das Gefühl von Freiheit vermittelt, kontrastiert mit der Enge der Gefängniszelle – und verdichtet sich so zu einer beklemmenden Atmosphäre. Dass „5 Jahre Leben“ mit einer bemerkenswerten filmischen Reife überzeugt, liegt nicht zuletzt an Sascha A. Geršak. Sichtlich geht er an seine eigenen und die Grenzen des Darstellbaren – was auch Murat Kurnaz honoriert, der den Film über sein eigenes Schicksal hinaus in größeren Zusammenhang stellt: „Es geht eigentlich nicht um mich, sondern darum, was Politiker im Namen der Demokratie alles machen dürfen.“

 

Julian Windisch für das ARTE Magazin

 

ARTE PLUS 30 Jahre UN-Antifolterkonvention Im Dezember 1984 wurde die UN-Antifolterkonvention verabschiedet. Völker-rechtlich verbindlich, ergänzt sie die Genfer Konventionen von 1949. Artikel 1 der Konvention definiert Folter als „Handlung, durch die einer Person vorsätzlich große körperliche oder seelische Schmerzen oder Leiden zugeführt werden, um (…) eine Aussage oder ein Geständnis zu erlangen“. Die Konvention verbietet ausdrücklich, Folter mit Verweis auf „außergewöhnliche Umstände“ zu rechtfertigen. Von den 196 Mitgliedstaaten der UNO haben bislang nur 156 die Konvention ratifiziert, darunter alle fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates

ARTE FILM

5 Jahre Leben

 Freitag · 6.2., · 20.15

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Kategorien: Februar 2015