TYPISCH FRANKREICH
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Typisch Frankreich: Krieg der Sterne

(c) Drushba Pankow

(c) Drushba Pankow

Die Franzosen sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Das ARTE Magazin geht auf Spurensuche. Im Februar regnet es Sterne … Über den Guide Michelin, Institution der Esskultur.

 

Wieder ein „Typisch Frankreich“ übers Essen? Unbedingt! Das Thema ist unerschöpflich, ein Dauerbrenner. Franzosen tauschen sich überall und ständig aus, was sie wo gegessen oder gekocht haben: das beste Tarte-Rezept für den Geburtstag der Tochter, das herrlich exotische Soufflé am Vorabend bei Freunden, der neue Weinhändler im Quartier …

Und jetzt, jetzt ist Februar. Der Monat, in dem es in Frankreich traditionell Sterne regnet, kulinarische Sterne. Der rote Guide Michelin erscheint, die Bibel unter den Restaurantführern. Vor seinem Diktum zittert die gastronomische Welt, die Presse fiebert mit, Wochen vor Erscheinen brodelt die Gerüchteküche: Wer kriegt wie viele Sterne? Wer geht leer aus? Ein Krimi, jedes Jahr aufs Neue. Die Spannung ist immens, fast wie bei der Papstwahl: Nichts konnten wir für diesen Text vorab in Erfahrung bringen über den Guide 2015, nicht einmal die Auflage, als wir beim Reifenhersteller Michelin anfragten.

Was aber haben Reifen mit Restaurants zu tun? 1900 erfanden die Brüder und Reifenfabrikanten Édouard und André Michelin ihr Kundenmagazin, einen roten Reiseführer, um den Verkauf anzukurbeln. Ab 1926 listet er Restaurants, seit 1936 per Drei-Sterne-System: ein Stern für „ein sehr gutes Restaurant in seiner Kategorie“, zwei für „eine hervorragende Küche: verdient einen Umweg“, drei für „eine der besten Küchen: ist eine Reise wert“.

Um die Sterne ranken sich Mythen. Und sie machen Stars. Paul Bocuse hat ein Jahresabo mit drei Sternen seit 50 Jahren. Auch ganz vorn: Joël Robuchon mit 21 und Alain Ducasse mit 17 Sternen für ihre Lokale weltweit. Und nein, kein Koch hat sich ins Jenseits befördert, weil er einen Stern verlor. Dafür treten die Testesser so anonym auf wie 1976 Louis de Funès als Restaurantkritiker im Film „Brust oder Keule“. Und: Sternerestaurants machen nur fünf Prozent der Empfehlungen aus. Der Guide Michelin steht für Esskultur, sie muss nicht teuer sein. Das Michelin-Männchen, Bibendum oder Bib genannt, weist auch auf günstige Adressen hin.

Fassen wir zusammen: Ein Gummi-fabrikant schickt eine Elitetruppe von Undercover-Inspektoren in Restaurants. Ihr Urteil entscheidet über Aufstieg und Fall der begnadetsten Küchenchefs. Eine solche Story kann nur aus Frankreich stammen, dem Land, das von sich sagt, es habe die beste Küche der Welt. Ja, Frankreichs Esskultur zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Ja, 2014 hatte das Land 610 Sternerestaurants, vor Japan (537), Italien (332), Deutschland (282). Doch die andere Wahrheit ist, dass „la MacDonaldisation“ voranschreitet und ein Viertel aller französischen Kinder nicht weiß, woraus Pommes gemacht sind. Sterneköche, in die Schulen mit euch!

 

Katja Ernst für das ARTE Magazin

 

Weitere französische und auch deutsche
Eigenheiten in „Karambolage“, sonntags, 19.30,

arte.tv/karambolage

 

 

DVD-TIPP: „Karambolage“ aus der ARTE Edition

 

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Kategorien: Februar 2015