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König von Deutschland

 

© Frisbeefilms

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Er ist Deutschlands beliebtester Imbissbuden- philosoph und profiliertestes Imitationsgenie: Bei ARTE brilliert Olli Dittrich als Biedermann – im Film „König von Deutschland“. Porträt eines großen Komikers mit Faible für den kleinen Mann.

 

Das Tolle an Olli Dittrich ist: Er kann verschwinden. Wenn er, wie er es manchmal tut, in Hamburg-Eppendorf zum Bäcker Junge geht, um zu frühstücken und die „Bild“ zu lesen, dann geht er unter im naturfarbenen Mobiliar, zwischen den Braun- und Beigetönen, vor den ockerfarbenen Wänden – Olli Dittrich fällt einfach nicht auf. Kein Starflimmern, kein Promiglanz funkelt über den Mettbrötchen, kein heller Schein leuchtet über der Kaffeetasse, man hat Mühe, ihn zu entdecken. Für einen Schauspieler, der – betrachtet man die Liste seiner Preise – als einer der Besten gilt, ein günstiger Umstand. So kann er selbst bestimmen, ob er als Normalbürger wahrgenommen werden will oder ob er, eine Elton-John-Brille würde genügen, sich als Star zu erkennen gibt, dem Hamburger Hausfrauen den Bauch hinhalten, auf dass er darauf unterschreibe.

 

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Müller, Meier, Mustermann. Die Figur, die Olli Dittrich in dem Film „König von Deutschland“ spielt, hat diese Wahl nicht. Thomas Müller verschwindet im Interieur der deutschen Durchschnittlichkeit und würde nicht einmal mit einer Glitzerbrille ein anderer werden. Thomas Müller ist der Michael Schmidt unserer Gesellschaft. Ihr Frank Meier, ihr Max Mustermann – ein Durchschnittsbürger, gefangen in der anspruchslosen Biederkeit der Deutschen und ihrem schlechten Geschmack. Als eben dieser Mustermann – 46 Jahre alt, 1,78 Meter groß, mit Ehefrau Sabine und Sohn Alexander – wird Müller in dem Filmdebüt von David Dietl, Helmut Dietls Sohn, von einem Meinungsforschungsinstitut entdeckt, mit Kameras heimlich überwacht und benutzt. Zunächst fühlt sich Müller gebauchpinselt ob der Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird. Dann wundert er sich, dass er Dinge, die er sich in Anwesenheit des Institutsleiters herbeiwünscht, wie etwa Bierflaschen mit schraubbaren Kronkorken, plötzlich im Alltag wiederfindet. Als Müller sich entschließt, aus seiner Totalüberwachung auszubrechen, nutzt er die Gelegenheit, auch sein normiertes Leben hinter sich zu lassen – der klassische Bürgertraum. Und während Thomas Müller gemäß dem Drehbuch nicht mehr weiß, wo oben und unten ist, öffnet Olli Dittrich den Sack seiner Zuneigung zum kleinen Mann und spielt diesen mit so viel Achtung, dass man sich fragt, wo der Dittrich aufhört und der Müller anfängt.

Klar ist, der Müller im Dittrich fängt beim Vornamen an. Als Oliver Michael Dittrich 1956 in Offenbach geboren wurde, war Michael der beliebteste Vorname der Deutschen, Oliver kam vier Jahre später unter die Top 35. Auch der Ort, an den die Eltern, eine Modezeichnerin und ein Journalist bei Axel Springer, den Sohn verpflanzten, Hamburg-Langenhorn, mag als Inbegriff der Bungalow-Durchschnittlichkeit der 1960er Jahre gelten.

 

Erfolglos zum Erfolg. Ihre Träume vom Sohn mit Abitur – damals stand das Gymnasium noch für Elite – konnten die Eltern mit diesem Kind vergessen. Ein Zeugnis soll sechs Fünfen und eine Sechs ausgewiesen haben, zwei Mal blieb Oliver Michael sitzen, bevor er auf die Realschule verfrachtet wurde. Anders aber als viele Mittelschüler machte er keine Lehre zum Einzelhandels- oder Versicherungskaufmann, er ließ sich zum Theatermaler ausbilden. Und fing an, Musik zu machen. Er lernte, Waschbrett zu spielen und hatte mit 16 Jahren seine erste Band. Sie spielten Skiffle, den aus dem Folk und Jazz entstandenen Sound einer SPD-geprägten, biergeschwängerten Republik. Aber nicht nur die Wahl seines Musikinstruments – in Hamburg waren damals das Klavier- und Akkordeonspiel verbreitet – befreite Dittrich vom Mittelmaß des Realschülers: Es war auch die Erfolglosigkeit seiner Bands und Projekte, die ihn im Versuch, sich als Künstler zu etablieren, auszeichnete. Dem „Spiegel“ sagte er, er habe „die ersten 20 Jahre eine herausragende Ausbildung in Sachen Erfolglosigkeit“ genossen. Im Vergleich zu seinem eigenen Werdegang erscheint die Filmfigur Thomas Müller, die Texte für Navigationsgeräte schreibt, geradezu als Erfolgsgranate.

Anders als Müller, der im Hier und Jetzt ohne viele Fragen lebt und dessen Traum einzig der feuchte vom Sex mit seiner Kollegin ist, beschreibt Dittrich in seiner Autobiografie „Das wirklich wahre Leben“ (2011) ausführlich seine Ängste und Neurosen in den 1980er Jahren. Jene zwanghaften Abläufe, denen er sein Leben unterordnete und die ihn vielleicht so sensibel in der Beobachtung anderer Menschen und ihrer Schwächen gemacht haben. Aber ihm eben auch jene Achtung mitgaben, die kleinen Leute nicht zu denunzieren. Ein großer Name, ein Prominenter wie Franz Beckenbauer oder Beate Uhse muss schon mal was abkönnen, wenn er in den Fokus von Dittrich gerät. Da werden die Macken und Allüren so genau an die Oberfläche gezerrt, dass es später schwerfällt, die Person zu betrachten, ohne an Dittrichs Parodie zu denken.

 

Standvögel und Innenbier. Allen Neurosen zum Trotz ist Olli Dittrich heute einer der profiliertesten Komödianten dieses Landes. Er hat als Teil von „RTL Samstag Nacht“ im Zusammenspiel mit Wigald Boning den Boom der Comedy und der Comedians mitbegründet und mit „Dittsche“ einen Humor ins Fernsehen gebracht, den endlich auch die Feuilletonisten verstehen. In der gleichnamigen WDR-Serie „Dittsche – das wirklich wahre Leben“ spielt Dittrich einen arbeitslosen Trinker, der mit einem Bademantel bekleidet in seinem Stammimbiss die Welt erklärt. Etwa, dass Vögel, die nicht gen Süden ziehen, „Standvögel“ seien, oder dass das Bier, das anders als die Dusche ja nicht auf dem Körper perlt, „Innenbier“ sei.

 

Das Prinzip Dittrich. Das Prinzip Dittrich funktioniert in zwei Varianten: Entweder spielt er Figuren, die eben jene Biederkeit auszeichnet, von der man Deutschland so gern befreit sähe. Wie etwa jene in Fröhlichkeits- und Betroffenheitsakrobatik verharrenden Moderatoren und Moderatorinnen, die Dittrich in seiner vielfach gelobten Parodie „Frühstücksfernsehen“ darstellt. Oder seine Arbeit mündet in einer Groteske, die man getrost auch als Kratzen am Lack des Selbstverständnisses der Deutschen verstehen kann, etwa in der mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Serie „Dittsche“.

Als Thomas Müller in der Satire „König von Deutschland“ seine Funktion für die Meinungsforscher klar wird, stellt er fest: „Die brauchen mich als Durchschnittsidioten.“ Das deutsche Publikum hingegen braucht Olli Dittrich als den, den er selbst in sich sieht: als Menschendarsteller. Nicht, weil dieses Land noch mehr Biedermänner benötigt, die im Interieur der Bäckerei untergehen, sondern weil jemand das Licht auf diese Biedermänner lenken und den einzigen gangbaren Weg beschreiben muss, durch den die Durchschnittlichkeit auszuhalten ist: Humor. b

 

Silke Burmester für das ARTE Magazin

 

ARTE SATIRE

KÖENIG VON DEUTSCHLAND

 Freitag 27.2., 20.15

 

 

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Kategorien: Februar 2015