GESELLSCHAFT

Mein wunderbarer Arbeitsplatz

© Productions Campagne Première

© Productions Campagne Première

 

Was würde geschehen, wenn Unternehmer ihre Chefetage feuerten und jedem einzelnen Mitarbeiter mehr Verantwortung gäben? Chaos oder Umsatzsteigerung? Letzteres ist der Fall. Der überraschende Themenabend zur neuen Arbeitswelt.

Als „stinkende Iltisse“ beschimpft er seine Ange-stellten, stellt sie voreinander bloß und hält sich dennoch für den besten Chef der Welt: die tyrannische Comedy-Serienfigur Bernd Stromberg. Kaum einer, der ihn nicht hasst – vor allem aus einem Grund: weil Stromberg die Strukturen unseres Arbeitsalltags nur allzu gut widerspiegelt. Der Chef an der Spitze der Hackordnung und die Mitarbeiter, die in Schockstarre seine Kommandos ertragen.

 

Verkrustete Hierarchien. Das Bild des cholerischen Chefs ist freilich satirisch überspitzt, doch vielerorts ist es Realität: Der Angestellte folgt dem Teamleiter, dieser bekommt Anweisungen vom Geschäftsführer, und der wiederum muss sich vor dem Vorstand verantworten. Mit diesem von Hierarchien geprägten System bedienen sich die meisten Firmen noch heute einer Regierungsform, die ursprünglich aus dem Militär adaptiert wurde. Macht da Arbeit Spaß? Kann man in einer derart verkrusteten Herrschaftsform kreativ und leistungsstark sein – und ist sie noch zeitgemäß? Nein, sagen Glücksforscher und Soziologen, und einige Arbeitgeber sind schon aktiv geworden. Insbesondere bei jungen Arbeitskräften der Generation Y, die alte Strukturen hinterfragt, werben sogenannte befreite oder demokratische Unternehmen mit flachen Hierarchien, zeitlicher und räumlicher Flexibilität sowie mehr Mitspracherecht. Denn dass eine hierarchische Pyramide hemmt, statt zu motivieren, hebt auch das US-amerikanische Markt- und Meinungsforschungsinstitut Gallup Organization mit seiner Studie von 2013 hervor: Demnach sind nur 16 Prozent der deutschen Arbeitnehmer bereit, sich aktiv für die Ziele ihrer Firma einzusetzen, 67 Prozent führen ihre Arbeit aus, ohne sich mit dieser zu identifizieren und 17 Prozent der Befragten haben sogar schon „innerlich gekündigt“. Die Folgen: zahlreiche Fehltage, wenig Produktivität und eine hohe Mitarbeiterfluktuation.

 

Der Chef als Coach. Seit über 100 Jahren beschäftigt sich die Sozialforschung mit der Auswirkung von Arbeit auf unsere Psyche. In den letzten drei Jahrzehnten, so der Arbeitssoziologe Ludger Pries von der Universität Bochum, haben sich die Ansprüche der Beschäftigten drastisch geändert. Ein Job soll nicht nur Geld einbringen: Angestellte wollen auch Spaß an ihrer Arbeit haben und möglichst mitbestimmen. Dabei spiele die Entwicklung in Richtung Wissensgesellschaft mit mehr kreativen Arbeitsplätzen eine große Rolle, erklärt Pries: „Früher gab es mehr Arbeitsabläufe, die bis auf die Hundertstelsekunde durchgetaktet waren. Heute müssen sich die Menschen mehr einbringen und ihre Kreativität größtenteils selbst koordinieren.“ Damit haben sich auch die Ansprüche an den Chef in befreiten Unternehmen verändert: „Von der autoritären Figur, die bestimmt, was zu tun ist“, sagt Pries, „ist der Chef zu einem Coach geworden, der Aufgaben koordiniert und bei Spannungen schlichtet.“ In dieser Hinsicht hat der US-Amerikaner Bill Gore längst die Moderne überholt. In den 1950er Jahren arbeitete er als Ingenieur in einem Chemiekonzern, wo er an die Grenzen seiner Möglichkeiten stieß: Hatte er innovative Ideen, verhallten diese ungehört in der komatösen Bürokratie der Firma. Von Gore stammt das Bonmot: „In einer hierarchischen Firma ist der Parkplatz der einzige Ort, an dem sich Menschen frei unterhalten können.“

© Productions Campagne Première

© Productions Campagne Première

Umsätze in Rekordhöhe. Er beschloss, es anders zu machen. 1958 gründete Gore seine eigene Firma und schuf damit das erste befreite Unternehmen: W. L. Gore & Associates. Zwar gibt es Vorgesetzte, die die Arbeit der einzelnen Teams koordinieren, doch zentrale Entscheidungen liegen bei den Mitarbeitern selbst. Die Angestellten sind Firmenteilhaber und arbeiten in kleinen Teams. Die Anzahl der Mitarbeiter pro Filiale ist beschränkt auf höchstens 250 und die Filialleiter werden demokratisch gewählt. Zudem ermuntert man die Angestellten dazu, zehn Prozent ihrer Arbeitszeit auf die Entwicklung neuer Ideen zu verwenden. Mit Erfolg: Die Schöpfer der Marke Goretex zählen zu den innovativsten Unternehmen der Kunststofftechnik mit einem Umsatz von mehr als drei Milliarden Dollar jährlich. Dass befreite Unternehmen wegen ihrer motivierten Mitarbeiter Umsätze in Rekordhöhe erzielen, zeigen auch der Psychologe Isaac Getz und der Journalist Brian M. Carney in ihrem Buch von 2013 „Liberté & Cie – Quand la liberté des salariés fait le bonheur des entreprises“ (im Deutschen etwa: Freiheit & Co. – Wenn die Freiheit der Arbeitnehmer zum Glück der Unternehmen wird) auf. Ihre These: Wenn die Angestellten bestimmen können, was die besten Entscheidungen für das Unternehmen sind, profitiert dieses in zweierlei Hinsicht. Einerseits können die Mitarbeiter zielführender arbeiten, da sie selbst Entscheidungen treffen dürfen. Andererseits werden die Arbeitnehmer zu wahren Promotern und werben für die Ideen, an denen sie mitwirken. Die Abkehr von traditionellen Arbeitsmethoden findet sich nicht nur in der Privatwirtschaft, sondern auch im öffentlichen Dienst wieder. Das Belgische Ministerium für Soziale Sicherheit etwa suchte 2002 verzweifelt kompetente Nachwuchskräfte – doch keiner wollte dort arbeiten. Manager kamen zu dem Schluss: Die nachkommende Generation will sich nicht sagen lassen, wie sie zu arbeiten hat. Also wurden Zeitpläne komplett abgeschafft. Einmal im Jahr bewerten die Mitarbeiter ihren Vorgesetzten. Bekommt der keine guten Ergebnisse, muss er gehen. Seither bewerben sich nicht nur mehr Menschen, auch die Effizienz und das Arbeitsklima haben sich verbessert. Die zwei Zauberworte lauten: Flexibilität und Mitbestimmung.

 

Kleine Selbstunternehmer. Was sind die Kehrseiten dieser neuen Arbeitswelt? Arbeitssoziologe Ludger Pries ist durchaus auch kritisch, denn Menschen bräuchten Rahmen, so seine Auffassung. „Ohne Normen und geteilte Verantwortung wird Arbeit für alle Beteiligten eher noch stressiger“, sagt er. Bei Unternehmen mit extrem flachen Hierarchien seien die Menschen letztlich dazu angehalten, wie kleine Selbstunternehmer zu arbeiten. Wie und wann sie ihr Arbeitspensum bewältigen, bleibe ihnen selbst überlassen, so Pries. Dies mag für Arbeitnehmer, die mehr Verantwortung tragen wollen, genau das Richtige sein. Andere wiederum können damit auch überfordert sein und brauchen den Vorgesetzten, der Verantwortung übernimmt. Jedes Unternehmen muss auf dem Weg in eine neue Kultur der Zusammenarbeit an seine Rahmenbedingungen und an sein Umfeld angepasste Lösungen finden – im Dialog mit den Mitarbeitern. Ein autoritärer Chef jedenfalls wie Stromberg wird bald schon ein Anachronismus sein.   Franziska Langhammer für das ARTE Magazin

 

ARTE PLUS

Buch-Tipps

 

Klaus Hurrelmann/Erik Albrecht: „Die heimlichen Revolutionäre: Wie die Generation Y unsere Welt verändert“ (Beltz 2014); Ulf Brandes/Pascal Gemmer/Holger Koschek/Lydia Schültken: „Management Y: Agile, Scrum, Design Thinking & Co.: So gelingt der Wandel zur attraktiven und zukunftsfähigen Or- ganisation“ (Campus Verlag 2014); Gregor Schonborn: „Unternehmenskultur als Erfolgsfaktor der Corporate Identity: Die Bedeutung der Unternehmenskultur für den ökonomischen Erfolg von Unternehmen“ (Springer VS 2014); Gernot Pflüger: „Erfolg ohne Chef: Wie Arbeit aussieht, die sich Mitarbeiter wünschen“ (Econ Verlag 2009)

 

Neugierig geworden? Das ARTE Magazin präsentiert jeden Monat alles, was Sie zum aktuellen ARTE TV-Programm wissen müssen. Testen Sie jetzt 2 Ausgaben des ARTE Magazins gratis! Oder entdecken Sie das ARTE Magazin als E-Paper-Version für unterwegs!

Kategorien: Februar 2015