WISSENSCHAFT

Wir sind nicht allein

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(c) Christian Roth

Sie sind unsere Mitbewohner: Billionen von Bakterien, die unseren Körper besiedeln und mit dem Immunsystem kooperieren. Dieses gerät jedoch bei immer mehr Menschen in den Industrieländern aus den Fugen. Wer stört permanent den häuslichen Frieden?

 

Der Mensch ist nicht allein. Auch wenn er sich noch so gut die Hände wäscht, Bad und Küche putzt und sogar die Computertastatur regelmäßig sauber macht: Er bleibt eine riesige Wohngemeinschaft. Auf und in ihm tummeln sich sagenhafte 100 Billionen Bakterien, die zusammen 1,5 Kilogramm wiegen. Und die Keime sind damit nicht nur so schwer wie das menschliche Gehirn: Sie scheinen auch fast ebenso wichtig zu sein.
Mikroben, eine unterschätzte Spezies

„Wir haben immer auf die bösen Bakterien geachtet“, sagt der Mikrobiologe Willem de Vos von der Universität Wageningen in den Niederlanden. „Dabei sollte der Mensch mehr auf seine guten Keime aufpassen.“ Wenn diese durch übertriebene Hygiene, falsche Ernährung oder wahllos eingenommene Antibiotika absterben, können Krankheiten die Folge sein. Mit einem gestörten Keim-Gleichgewicht bringen Wissenschaftler inzwischen Allergien, Asthma, Übergewicht, Herzkreislaufleiden, Depressionen und sogar Krebs in Zusammenhang.

Die winzigen Wesen sind überall – sie besiedeln Augen, Ohren, Haut, Mund und vor allem den Darm. „Mikrobiom“ heißt die Gesamtheit allen Kleingetiers auf und im Menschen. Aber wehe, wenn die falschen Bakterien besser gedeihen als die guten: Dann wächst zum Beispiel die Krebsgefahr. Dass es gesunde und ungesunde Nahrungsmittel gibt, ist bekannt. Verkohltes Fleisch vom Grill ist aber erst dann gefährlich und kann krebserregend wirken, wenn die in ihm enthaltenen heterozyklischen Amine im Darm von Bakterien in aggressive Radikale umgewandelt werden. Diese greifen dann die Körperzellen an und können sie entarten lassen. In ähnlicher Weise können manche Darmbewohner die Gefahr fürs Herz erhöhen: So gibt es Bakterien, die Lecithin, wie es vor allem in Eigelb und rotem Fleisch vorkommt, chemisch in die Substanz TMAO umwandeln, die die Wände der Arterien verhärtet und die Herzinfarktgefahr erhöht.

Sogar auf die Stimmung kann sich unsere Darmflora auswirken. Für die aktuelle irische Eldermet-Studie vom University College in Cork wurden Bewohner eines irischen Altersheims untersucht. Sie sahen tatsächlich positiver in die Zukunft, wenn sie regelmäßig Joghurt zu sich nahmen, der gesundheitsfördernde Bakterien, Probiotika, enthielt. Forscher gehen davon aus, dass manche Darmbewohner das Glückshormon Dopamin produzieren.

Dass ein Übermaß an Hygiene das Ökosystem im Körper schwächt, ist seit ein paar Jahren unter dem Begriff Bauernhof-Effekt bekannt. Man fand heraus, dass Kinder vom Bauernhof seltener Allergien als Stadtkinder haben. „Wir brauchen diese Freunde in der Natur“, sagt Harald Renz von der Universität Marburg. Welche Freunde die besten sind, untersucht er mit der Analyse von Staubproben aus Ställen, in denen mehrere Tierarten gehalten werden, denn diese erwiesen sich als besonders hilfreich für den gewünschten positiven Effekt.

Wissenschaftler wie der irische Mikrobiologe Kieran Tuhoy setzen zudem auf Ernährung. „Schon nach einem Tag hat sich die Keim-Besiedlung an eine veränderte Nahrung angepasst“, so Tuhoy. Es vermehren sich zum Beispiel jene Bakterien, die Fett und Eiweiß verdauen, wenn ihr Mensch viel Fleisch isst. Und dann ensteht ein Ungleichgewicht im Darm, dass unterschiedliche Beschwerden auslösen kann. Ernährungsempfehlungen sind wie so oft: wenig Zucker, viele Ballaststoffe und selten Fleisch. Außerdem sind zum Beispiel in Zwiebeln, Chicoree und Artischocken Präbiotika enthalten – ein natürliches Bakterienfutter, das die Keime besser wachsen lässt, die unser Körper braucht.

Nicht unverwüstlich, aber unverzichtbar

Medikamente, die Bakterien abtöten, wie Antibiotika, sind dagegen ein Angriff auf das Ökosystem im Darm. Dabei macht eine einzelne Antibiotika-Behandlung wenig aus, weil sich die Mikroben-Zusammensetzung im Darm erstaunlich schnell wieder erholt. Schon nach kurzer Zeit finden sich bei einem Menschen dieselben Keime wie vor dem Kahlschlag durch eine Antibiotika-Therapie. Doch es gibt keine Garantie für diese Rückkehr zum Status Quo: „Wer häufig Antibiotika schluckt, kann seine Darmflora dauerhaft verändern“, warnt David Relman von der Stanford University. Sein Körper wird die guten Keime schmerzlich vermissen. Säuglinge sollten deshalb möglichst keine Antibiotika bekommen. Sonst neigen sie nicht nur verstärkt zu Asthma, sondern auch zu Übergewicht. Das liegt wohl daran, dass verschiedene Bakterien-Grüppchen im Bauch Nahrung mehr oder weniger effizient verwerten. Wie genau die Darm-WG auf die menschliche Gesundheit wirkt, wird derzeit noch erforscht. Doch sicher ist, dass ihr Einfluss deutlich größer ist als bisher angenommen: Die kleinen Mitbewohner, so eine längst nicht mehr verlachte Hypothese, könnten uns mit ihren Stoffwechselprodukten sogar beim Denken helfen..

 

Christina Berndt für das ARTE Magazin

 

ARTE-GASTAUTORIN: CHRISTINA BERNDT IST WISSENSCHAFTSJOURNALISTIN BEI DER „SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG“

 

ARTE PLUS

BUCHTIPPS

Hanno Charisius und Richard Friebe:„Bund fürs Leben“ (Hanser Verlag 2014);

Anne Katharina Zschocke: „Darmbakterien als Schlüssel zur Gesundheit“ (Knaur 2014);

Giulia Enders: „Darm mit Charme: Alles über ein unterschätztes Organ“ (Ullstein 2014);

Klaus-Dietrich Runow: „Der Darm denkt mit: Wie Bakterien, Pilze und Allergien das Nervensystem beeinflussen“ (Südwest 2011);

Idan Ben-Barak: „Kleine Wunderwerke: Die unsichtbare Macht der Mikroben“ (Spektrum Akademischer Verlag 2010) (Auswahl)

ARTE THEMENABEND

WAS MACHT UNSERE KINDER (CHRONISCH) KRANK?

Dienstag · 6.1. · 21.40

Alte Freunde – neue Feinde, Dokumentarfilm · 21.50

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter future.arte.tv

 

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Kategorien: Januar 2015