GEOPOLITIK

Was zählt, ist der Mensch

(c) ARTE/Marcel Mettelsiefen

(c) ARTE/Marcel Mettelsiefen

Das TV-Magazin „ARTE Reportage“ zeigt die Menschen hinter den Schlagzeilen, seine Beiträge sind preisgekrönt.
Zur 500. Sendung bringt ARTE eine Nacht lang das Beste aus elf Jahren. Interview mit dem Redaktionsleiter.

 

Schwangere Frauen im Tschetschenienkrieg, Tagelöhner aus Japan, Kinder aus dem kriegsgebeutelten Syrien, aber auch talentierte Jungs aus den Favelas Brasiliens, die von einer Karriere als Fußballprofi träumen: Bei „ARTE Reportage“ sind es die Menschen, die zu Wort kommen. Ihre Erlebnisse machen deutlich, welche Schicksale hinter den Ereignissen der Geopolitik stehen. Ihre Geschichten sind es auch, die Kriegen, Katastrophen, aber auch hoffnungsvollen Geschichten ein Gesicht geben und schildern, wie es der Welt wirklich geht. Die Sendung begann 1998 als tägliches, 26-minütiges Reportagemagazin. Seit 2004 berichtet „ARTE Reportage“ jeden Samstag 52 Minuten lang aus allen Ecken der Welt. Im Interview schildert Redaktionsleiter Philippe Brachet den journalistischen Anspruch seines Teams und warum sie trotz der Berufsrisiken immer weiter berichten werden.

 

 

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ARTE MAGAZIN: Was macht „ARTE Reportage“ anders als andere Magazine?

Philippe Brachet: Oft wird uns gesagt, dass bei uns Themen behandelt werden, die anderswo keine Beachtung finden. Während die Berichterstattung eines Nachrichtenmagazins eher auf Erklärung und Kontextualisierung setzt, beruht das Konzept von „ARTE Reportage“ auf drei Säulen: Aktualität, einem originellen Fokus und dem menschlichen Aspekt. Wir wollen die großen gesellschaftlichen Umbrüche deutlich machen. Dabei liefern wir nicht permanent Schreckensmeldungen. Vielmehr geht es uns auch darum, mit neuen, originellen Formaten zu experimentieren.

ARTE MAGAZIN: Was ist ein konkretes Beispiel dafür?

Philippe Brachet: Letzten Sommer haben wir einen Beitrag über eine Gruppe französischer Jugendlicher gezeigt, die entlang der Anden durch Südamerika reist. Wir entdeckten die Länder durch ihre Augen. Sie schrieben ihre eigenen Texte und trafen ihre redaktionellen Entscheidungen, die nicht unbedingt unseren entsprechen mussten. Ich glaube, dieses Risiko geht kaum ein anderer Fernsehsender ein. Derzeit befindet sich unser Journalist Michael Unger in Madagaskar und dreht einen Beitrag über die Kinderarbeit in den Saphirminen. Begleitet wird er von einem Comiczeichner. Eine solche Zusammenarbeit zwischen Fernsehreportage und Comic habe ich sonst noch nirgends gesehen.

ARTE MAGAZIN: ARTE feiert die 500. Sendung mit einer ganzen Reportage-Nacht. Welche Highlights werden zu sehen sein?

Philippe Brachet: Zu unserem Best-of gehört der Beitrag aus der ersten Sendung vom 7. Januar 2004, der exemplarisch für „ARTE Reportage“ steht: Inmitten der tschetschenischen Kriegswirren schildern Manon Loizeau und Philippe Lagnier die Geschehnisse auf einer Entbindungsstation in Grosny. Dieser besondere Fokus auf ein Land, das im Chaos versinkt, sagt viel darüber aus, was Menschen während des Krieges ertragen müssen.

ARTE MAGAZIN: Welche Reportage gehört zu Ihrem persönlichen Best-of?

Philippe Brachet: Für mich ist es die preisgekrönte Reportage von Marcel Mettelsiefen und Anthony Wonke „Syrien: Die Kinder von der Front“ (2014), die den syrischen Bürgerkrieg aus der Sicht der Jüngsten erzählt. Sie ist das perfekte Beispiel für unsere Arbeit, oder wie es eine Journalistin sagte: „Es ist die Reportage, die jeder von uns gern gemacht hätte“. Drei Tage lang begleitet der Film den Alltag der Kinder eines Kommandanten der Freien Syrischen Armee in Aleppo, die sich entschieden haben, bei ihrem Vater zu bleiben. Trotz fehlender Kampfszenen ist es ein erschütterndes Zeugnis des Krieges.

ARTE MAGAZIN: Sie sind seit zwei Jahren Redaktionsleiter der Sendung. Was ist Ihre Linie?

Philippe Brachet: Mir geht es weniger darum, die Sendung zu verändern, als vielmehr neue Formate weiterzuentwickeln. Gemeinsam mit dem Leiter der Nachrichtenabteilung, Marco Nassivera, wollen wir die Beiträge bimedial gestalten und durch Webinhalte ergänzen – in Onlinedossiers mit Interviews, Hintergrundartikeln und Fotostrecken. Damit bieten wir dem Zuschauer die Möglichkeit, die Themen selbst zu entdecken und eine gesellschaftliche Debatte anzustoßen.

ARTE MAGAZIN: Die Deutsche Andrea Fies und der Franzose William Irigoyen führen abwechselnd durch die Sendung. Was muss ein Moderator leisten?

Philippe Brachet: Was ich an beiden schätze, ist, dass jeder für sich und seiner Kultur entsprechend die Werte von „ARTE Reportage“ verkörpert: Sie sind fachlich auf höchstem Niveau, menschlich und haben ein Gespür für den richtigen Blickwinkel. Sie sind es, die dem Zuschauer vermitteln, warum der Beitrag sehenswert ist, auch wenn es nicht das Land oder der Krieg ist, von dem er hören will.

ARTE MAGAZIN: Ihre Reporter sind oft in Krisengebieten unterwegs. Erst im August 2014 wurden Thomas Dandois und Valentine Bourrat in Indonesien verhaftet und für zweieinhalb Monate festgehalten. Wie gehen Sie mit diesen Risiken um?

Philippe Brachet: Es ist schwierig, Regeln aufzustellen. Immer wieder kommt es dazu, dass wir die rechtlichen Rahmenbedingungen, denen wir unterliegen, umgehen müssen, nur um unseren Beruf auszuüben. So war es bei Thomas Dandois und Valentine Bourrat. Sie sind für ihren Beitrag in die indonesische Provinz Papua mit einem Touristenvisum eingereist. Erstens, weil Papua kein Journalistenvisum ausstellt, und zweitens, weil einem die Polizei nie von der Seite gewichen wäre. Unter diesen Umständen wäre es unmöglich gewesen, eine Reportage über die Unabhängigkeitsbewegung im Land zu drehen. Ihr Fall ist das perfekte Beispiel für unser Dilemma. Die beiden sind das Risiko eingegangen und wir haben verloren. Es gibt auch einige Verbote, die der ARTE-Vorstand ausgesprochen hat: keine Reisen mehr nach Syrien zum Beispiel.

ARTE MAGAZIN: Sie können diese Regionen aber schwer ausklammern …

Philippe Brachet: Wir finden andere Möglichkeiten. Auf unserer Website gibt es die Webdoku „Syrien – Tagebücher einer Revolution“, in der Syrer selbst in kurzen Videos über die Lage in ihrem Land berichten. Somit machen wir Syrien weiterhin zum Thema. Oder wir drehen einen Beitrag an der türkischen Grenze, gehen aber kein Risiko ein. Die Gefahren sind nicht zu verleugnen. Zuerst drohte einem die Inhaftierung, dann die Entführung, nun die Enthauptung. Doch wir können nicht einfach aufhören, über die Missstände in der Welt zu berichten. Das ist, als würde man einem Arzt sagen, er dürfe keine Patienten mehr behandeln.

 

Kristin Bartholmess für das ARTE Magazin

 

ARTE REPORTAGE

immer samstags · 17.05

ARTE Reportage Spezial

Sonderprogrammierung

Samstag · 24.1. · ab 00.30

Mehr informationen kurz

vor Ausstrahlung unter

arte.tv/artereportage

 

ARTE INTERVIEW

 

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PHILIPPE BRACHET

Philippe Brachet berichtete als Korrespondent für französische Radio- und Fernsehsender aus Bordeaux, Moskau, Südafrika und Prag. Seit 2012 leitet er die Redaktion von „ARTE Reportage“

 

 

 

 

 

 

 

ARTE PLUS

PREISGEKRÖNTE ARTE-REPORTAGEN

„Syrien: Die Kinder von der Front“ (von Marcel Mettelsiefen und Anthony Wonke, 2014);

„Guantanamo Limbo: Hölle des Vergessens“ (von Marjolaine Grappe, Christophe Barreyre, Emmanuel Charieras, 2013);

„Tunesien: Im Namen des Dschihad“ (von David Thomson, Gwenlaouen Le Gouil, Hamdi Tlili, Nicolas Baudry d’Asson, 2013);

„Tunesien: Die Entdeckung der Freiheit“ (von Thomas Dandois, Candice Baudin, Alexandra Kogan, 2011);

„Unter der Brücke von Miami“ (von Sebastian Kuhn, Wolfgang Schoen, 2010);

„Somalia: Flüchten oder Sterben“ (von Gwenlaouen Le Gouil, Jean-Laurent Bodinier, 2007)

(Auswahl)

 

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Kategorien: Januar 2015