TYPISCH FRANKREICH

Parlez-vous verlan?

(c) Drushba Pankow

(c) Drushba Pankow

Die Franzosen sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Das ARTE Magazin geht auf Spurensuche.
Im Januar: Wie Frankreichs Jugend mit Sprache spielt. Über einen Geheimcode.

  

Franzosen beherrschen viele Dinge: Haute Cuisine, Haute Couture, nur Fremdsprachen nicht. Jeder Deutsche kriegt ein paar Brocken Englisch über die Lippen, Franzosen nicht. Wenn sie es trotzdem versuchen, versteht man sie kaum. Sie brauchen ja auch keine Fremdsprachen, sie sprechen Französisch. Sprache hält die Nation zusammen: Diese Haltung kommt von ganz oben, seit Jahrhunderten. Doch was für eine Ironie, ausgerechnet Frankreich hat eine Fremdsprache mitten im Land. Und was für eine! Sie wuchert wild und unkontrolliert. Nicht einmal die Sprachpäpste der Académie Française, die über das pure und wahre Französisch wachen, können hier etwas ausrichten. Denn diese Sprache ist ein Geheimcode. Sie ist – die Sprache der Jugend.

Frankreichs Jugend spricht in Rätseln. Nicht ein bisschen „chillen“ hier und „Willst du mich dissen“ da, oder womit sonst deutsche Teens ihren Alten zeigen, dass sie in der Pubertät sind. Nein, „ados“ („adolescents“, Jugendliche) artikulieren sich komplett unverständlich, vor allem die in den Banlieues, den Vorstädten. Das zieht Kreise, durch alle Schichten: Unverständlich ist in. Und es hat System. Stellen Sie sich vor, deutsche Teens würden sich bei der alten Gaunersprache Rotwelsch bedienen und sie neu interpretieren. Genau das tun junge Franzosen: Sie benutzen Argot, im Mittelalter die Geheimsprache der Bettler und Ganoven – nur eben, sagen wir, Argot 3.0.

Argot ist eine große Spielwiese für alle, die unter sich bleiben, die nicht verstanden werden wollen. Wer ein Wort verschlüsseln will, kann es abkürzen. Oder er macht Buchstabensalat aus ihm. Eine berühmte Methode ist der Verlan: Ein Wort wird umgebaut, indem man Buchstaben oder Silben tauscht oder weglässt. So ist das Wort Verlan aus „l’envers“ konstruiert (die Umkehrung); aus „problème“ wurde „blème“ oder „blèmepro“, aus „femme“ (Frau) „meuf“, aus „mec“ (Typ) „keum“. Aus „okay“ „kéo“, aus „fête“ (Party) „teuf“, aus „n’importe quoi“ (total bescheuert) „portnawak“. (Und nun bauen Sie sich das Gespräch in obiger Illustration zusammen!) Seit 100 Jahren hält sich Verlan in den Banlieues, in den 1980er Jahren aber wurde er populär, auch durch Rapper MC Solar oder Renauds Lied „Laisse béton“ (von „Laisse tomber“, „Lass es bleiben“).

Viele Argot-Wörter schwappen in die Alltagssprache über, längst gibt es Dictionnaires. Sie sind aber nie auf dem neuesten Stand: Ist ein Wort im Mainstream angekommen, wird es neu verschlüsselt. Schön geht das mit dem Verlan des Verlans. „Meuf“ für Alte, Mädel versteht ja inzwischen fast jeder, also entstand „feumeu“, dann „feum“. Und sicher ein Haufen anderer Varianten, die Menschen über 20 nicht kennen. Piertka?

 

Katja Ernst für das ARTE Magazin

Weitere französische und auch deutsche
Eigenheiten in „Karambolage“, sonntags, 19.30,

arte.tv/karambolage

 

DVD-TIPP: „Karambolage“ aus der ARTE Edition

 

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Kategorien: Januar 2015