FILM

Tandem: Doppeltes Spiel

Eine französische Komödie, ein deutscher Thriller, ein gemeinsames Thema: Atomenergie. Wie unterschiedlich es Deutsche und Franzosen inszenieren, veranschaulicht der Auftakt des Fernsehfilmprojekts „Tandem“.

 

(c) SWR

Der Thriller „Tag der Wahrheit“ (c) SWR

 

Auf einem Tandem radelt ARTE zum Jahresbeginn in die Wohnzimmer. Denn „Tandem“ heißt das Projekt, das im Bereich Fernsehfilm die Koproduktionen zwischen Frankreich und Deutschland verstärken soll. Das Ziel: Themen aus deutscher und französischer Sichtweise mit jeweils mehrheitlich deutschen und französischen Filmteams in enger Kooperation in spannende Geschichten zu verpacken. Den Auftakt bildet das Gespann „Tag der Wahrheit“, ein deutscher Politthriller mit Florian Lukas in der Hauptrolle, und die französische Komödie „Das gespaltene Dorf“ mit Katja Riemann als umweltengagierte Bürgermeisterin. Das Thema der Filme: Atomenergie.

Reizthema zum Auftakt. Die Einstellungen zur Atomkraft sind dies- und jenseits des Rheins höchst unterschiedlich. Während sich auf deutscher Seite mehr als die Hälfte der Bevölkerung für einen Ausstieg ausspricht, ist es auf französischer Seite kaum jeder Fünfte. Zugleich sind die Energiebranchen beider Länder eng miteinander verflochten. Ein Widerspruch, so scheint es. Doch was, fragte ARTE- Vizepräsident Gottfried Langenstein anlässlich der Jahrespressekonferenz von ARTE Ende November, „könnte vielversprechender für eine spannende Filmstory sein als widersprüchliche Situationen und Charaktere?“

 

(c) ARTE F

Die Komödie „Das gespaltene Dorf“ (c) ARTE F

Spannung pur versus Leichtigkeit. Vor diesem Hintergrund geht es in den beiden so unterschiedlichen Filmen um große Themen wie Wahrheit, Lüge, Macht und Ohnmacht, aber auch um Liebe, Freundschaft und Solidarität. „Tag der Wahrheit“ unter deutscher Federführung inszeniert die gewaltsame Besetzung eines störanfälligen Kernkraftwerks nahe der gemeinsamen Grenze im Elsass. „Das gespaltene Dorf“ vorwiegend von Franzosen verantwortet, geht auf Endlagersuche in das fiktive Dörfchen namens Saint-Lassou in Südwestfrankreich. Ein weiterer Aspekt der Verflechtungen: Der in Frankreich bekannte Schauspieler Laurent Stocker, Mitglied der renommierten Comédie Française, und die Luxemburgerin Vicky Krieps (bekannt aus ihren Rollen in „Wer ist Hanna“ und „Die Vermessung der Welt“) wurden für beide Filme besetzt. Im Politthriller der Münsteraner Regisseurin Anna Justice nach dem Drehbuch von Johannes Betz („Die Spiegel-Affäre“) bedroht der ehemalige AKW-Arbeiter David Kollwein alias Florian Lukas zwei Jahre nach dem Tod seiner leukämiekranken Tochter seinen alten Arbeitsgeer mit einer Kernschmelze, falls die Betreiber nicht öffentlich ihre Schuld gestehen. Gelegen kommen ihm dabei die Ermittlungen von Staatsanwältin Marie Hoffmann, gespielt von Vicky Krieps, die inmitten der Vorbereitungen zum Sturm des Meilers das Vertuschen zahlloser Störfälle aufdecken möchte. Trotz der Hilfe des Polizisten Jean-Luc Laboetie steuert der Kampf gegen die Uhr unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu. Spannung pur verspricht dieser Plot, zu lachen gibt es naturgemäß wenig. Ganz im Gegensatz zum Beitrag aus Frankreich. Regisseur Gabriel Le Bomin geht die Sache mit seinen Ko-Autoren Eric Eider und Ivan Piettre leichter an und realisiert sie strikt komödiantisch. Mit der Absicht, die Endlagerung atomarer Abfälle zu organisieren, reist Ingenieur Antoine (Laurent Stocker) von Paris in die idyllische Provinz und erlebt dort sein grünes Wunder. Bürgermeisterin Anne, verkörpert von Katja Riemann, ist nämlich eifrige Streiterin für die Umwelt und bläst zum Widerstand gegen den dubiosen Kernkraftkonzern AERA. Weil Stockers Auftraggeber dem klammen Dorf jedoch Geld, Arbeit und Wohlstand verheißen, rasseln die Ideologien mit fröhlichem Schwung aneinander. Hier Action, dort Humor. Hier die knallharte Realität in Form einer atmosphärisch bedrückenden Kriminalstory, dort die federleichte Lässigkeit in Form eines munteren Sozialdramas.

Im Kern deutsch-französisch. Dass ihr Film „Tag der Wahrheit“ im Elsass spielt und die Figuren zwischen den beiden Sprachen manchmal sogar innerhalb eines Satzes springen, fand Regisseurin Anna Justice besonders charmant an diesem Projekt. Gereizt habe sie zudem das Genre des Politthrillers in der Mischung von fiktionalen und authentischen Elementen. Die umfassende Recherche war wichtige Grundlage, um den Film zu realisieren: „Ich weiß jetzt mehr über Kernkraft und die damit verbundenen Risiken, über die Funktionsweise von Druckwasser- oder Siedewasser-Reaktoren, über Sicherheitsstandards und den Rückbau von Atomkraftwerken, als mir lieb ist“, sagt sie im Interview. Zusätzlich wurde das Team natürlich von mehreren Fachleuten beraten. Den Regisseur der Komödie Gabriel Le Bomin begeisterte die Arbeitsweise und Kreativität der deutschsprachigen Schauspielerinnen Katja Riemann und Vicky Krieps, „wie sie sich durch intensive Vorbereitung völlig von sprachlichen Hindernissen befreiten“. Manch ein Klischee habe er bewusst überzeichnet, die Figuren allerdings sollten subtil gestaltet werden, so Le Bomin: „Die von Laurent Stocker gespielte Figur könnte ein arroganter, widerlicher Ingenieur sein, der von seinem Konzept und den Ideen seines Auftraggebers überzeugt ist; Katja Riemann eine süße Öko-Träumerin mit unerschütterlichen Prinzipien. Doch sie entwickeln sich weiter und stellen ihre Gewissheiten in Frage“.

Neue Impulse am Set. Gedreht wurde überwiegend im südbadischen Dreiländereck und der französischen Region Limousin. Von dort hat die französische Produzentin Nelly Kafsky eine besonders gute Erinnerung: „Unsere französischen Schauspieler Laurent Stocker, Claude Gensac, Eric Savin und Philippe Duquesne haben sich mit Katja und Vicky wunderbar verstanden. So ein Projekt ermöglicht uns auch, unser Publikum über Ländergrenzen hinaus zu erweitern und mit neuen Leuten zusammenzuarbeiten, die anders denken und handeln.“ Die deutsche Produzentin Alexandra Kordes von Kordes & Kordes betont die inhaltliche Relevanz des gewählten Themas: „Letztendlich kann man die Atomkraftdebatte nicht allein national führen, denn im Falle eines GAUs sind alle Grenzen hinfällig und eine intensive Auseinandersetzung ist für Europa und seine Zukunft von großer Bedeutung.“ Als ehemalige Demonstranten gegen Kernenergie in den 1980er Jahren hätten sie und ihre Schwester Meike durch ihre umfassende Recherche die Idee zum Thriller entwickelt. Europaweit gab es nur einen Ort, wo man dieses Setting drehen konnte – das österreichische Atomkraftwerk Zwentendorf, das zwar fertig gebaut wurde, aber nie ans Netz ging. Alle Beteiligten wünschen sich natürlich, dass das Konzept aufgeht, die Filme ihr Publikum überzeugen, und ihre Begeisterung für dieses Projekt auf den Zuschauer übergeht. Die „Tandem“-Filme sollen nicht nur großartig unterhalten, sondern die Debatte über Kernenergie europaweit vertiefen, so der Wunsch der Macher. Sie sind hochmotiviert, das Projekt weiter voranzutreiben, als Initialzündung für weitere deutsch-französische Fernsehfilm-Koproduktionen.

 

Jan Freitag für das ARTE Magazin

 

ARTE Projekt

TANDEM

Tag der Wahrheit · Thriller

Donnerstag · 8.1. · 20.15

Das gespaltene Dorf · Komödie

Freitag · 9.1. · 20.15

 

ARTE PLUS

ATOMENERGIE IN FRANKREICH UND DEUTSCHLAND

Deutschland gewinnt 15 Prozent seines Stroms aus Kernenergie, Atomstrom steht damit an vierter Stelle. In Frankreich wird Energie zu 75 Prozent aus Kernkraft gewonnen. Neun Reaktoren sind derzeit in Deutschland am Netz; in Frankreich sind es 58. Damit hat das Land nach den USA die zweitgrößte Anzahl an Kernkraftwerken weltweit. Während die deutsche Energiepolitik seit der Atomkatastrophe von Fukushima 2011 die schrittweise Abschaltung aller noch laufenden Anlagen bis 2022 vorsieht, hält die französische Regierung bislang an Atomkraft fest. Im Oktober 2014 beschloss die Nationalversammlung aber die Reduzierung der Stromgewinnung aus Atomenergie von 75 auf 50 Prozent bis 2025. Der Senat wird in diesem Jahr über den Gesetzentwurf abstimmen.

 

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Kategorien: Januar 2015