GESCHICHTE

Gegen das Vergessen

 

(c) Springfilms

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ARTE gedenkt in einem Schwerpunkt der Befreiung der Konzentrationslager 1945. „Night Will Fall – Hitchcocks Lehrfilm für die Deutschen“ erzählt die bewegte Geschichte eines vergessenen Films über das dunkelste Kapitel des 20. Jahrhunderts.

Der Frühjahr 1945: Die Alliierten befreien die Konzentrationslager von Bergen-Belsen bis Auschwitz. Unter ihnen sind Kameramänner, die alles dokumentieren sollen. Ihre Aufnahmen dienen später als Beweis bei den Nürnberger Prozessen. Filmemacher wie Sidney Bernstein und Alfred Hitchcock sollen aus dem Filmmaterial einen Lehrfilm für die Deutschen machen – „German Concentration Camps Factual Survey“. Doch die Produktion wird gestoppt und die Aufnahmen landen in den Archiven. Erst 70 Jahre nach der Befreiung der KZ wird der Film fertiggestellt. „Night Will Fall“ erzählt erstmals die bewegte Geschichte dieses Filmprojekts. Ein Interview mit Regisseur André Singer über unfassbare Bilder und unerzählte Wahrheiten.

 

ARTE: Sidney Bernstein sollte aus den Aufnahmen der Kameramänner der britischen, amerikanischen und russischen alliierten Truppen einen Film machen. Wer erteilte diesen Auftrag?

ANDRÉ SINGER: Bernstein beriet während des Zweiten Weltkriegs das Britische Informationsministerium. Zudem leitete er eine von den Alliierten gegründete Abteilung für psychologische Kriegsführung mit Sitz in London, die Propagandafilme realisierte. Als britische Soldaten am 15. April 1945 das Konzentrationslager in Bergen-Belsen entdeckten und von den Schrecken berichteten, schickte die britische Regierung Bernstein als Filmexperten vor Ort. Er sollte aus den Aufnahmen der anwesenden Kameramänner den Lehrfilm produzieren.

ARTE: Wieso wurden renommierte Regisseure wie Alfred Hitchcock und Billy Wilder für das Projekt angeworben?

ANDRÉ SINGER: Als Produzent kannte sich Bernstein in der Filmszene aus und war ein guter Freund Alfred Hitchcocks. Die Kameramänner in den Konzentrationslagern hatten vor seiner Ankunft das meiste Material schon abgedreht. Es handelte sich bei dem Projekt also um eine reine Postproduktionsarbeit. Bernstein benötigte einen talentierten Regisseur an seiner Seite. Zudem war Hitchcock schon damals ein großer Filmemacher, dessen Name dem Film mehr Prestige verleihen konnte. Und Billy Wilder war aus Österreich in die USA geflohen, wo er für die US-Army Propagandafilme realisierte. Als die Amerikaner von Bernsteins Projekt erfuhren, fiel die Wahl sofort auf Wilder. Er reiste nach Europa, um das Filmmaterial zu sichten und für die US-Version aufzuarbeiten.

ARTE: Wieso wurde Bernsteins Filmprojekt nach nur wenigen Monaten plötzlich gestoppt?

ANDRÉ SINGER: Im Grunde genommen war Bernstein zu langsam: Er war ein Perfektionist, der einen Film mit künstlerischem Anspruch machen wollte, bis er den richtigen Zeitpunkt verpasste. Im Mai war der Krieg zu Ende und plötzlich gab es andere politische Prioritäten. Die europäischen Staaten und die USA wollten nur wenige Flüchtlinge aus den Konzentrationslagern aufnehmen. Diese begannen also nach Palästina auszuwandern, was wiederum der britischen Regierung, die das Gebiet als Mandatsmacht verwaltete, missfiel. Im Juli befanden die Briten, dass der Film zu viel Sympathie für die Flüchtlinge wecken und deren Auswanderung nach Palästina womöglich rechtfertigen könnte.

ARTE: Man zog es also vor, die Deutschen nicht mit ihrer Schuld zu konfrontieren?

ANDRÉ SINGER: Deutschland war nach dem Krieg verwüstet, der Winter rückte näher und die Bevölkerung litt Hunger. Den Briten war wichtig, dass die Deutschen in ihrer Besatzungszone beim Wiederaufbau halfen. Anstatt ihnen einen Film zu zeigen, der sich mit ihrer Schuld auseinandersetzte, wollten sie ihnen Mut machen. So verschwand der Film unvollendet in den Archiven. Billy Wilder hingegen brachte die kürzere amerikanische Version des Films, „Death Mills“, zu Ende.

ARTE: Wie sind Sie 70 Jahre danach auf das Filmmaterial gestoßen?

ANDRÉ SINGER: Unsere Produzentin arbeitete an einem Projekt im Imperial War Museum in London. Dort fand sie heraus, dass ein Museumsteam im Auftrag von Sidney Bernsteins Familie die Aufnahmen von 1945 restaurierte. Das Filmmaterial war in Vergessenheit geraten und selbst Bernsteins Kinder wussten lange Zeit nichts davon. Als wir von derGeschichte des Orginalfilms erfuhren, sahen wir sofort Potenzial für einen Film über diesen Film. Der 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz rückte näher und es war die letzte Gelegenheit, die Geschichte mithilfe von Zeitzeugen zu erzählen, die unmittelbar an dem Projekt beteiligt waren.

ARTE: Wie haben Sie die Kameramänner, Soldaten und Überlebenden von damals ausfindig gemacht?

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ANDRÉ SINGER: Museen auf der ganzen Welt durchwälzten Namensverzeichnisse für uns. Und auch die Armeen halfen uns dabei herauszufinden, wer in welchen Konzentrationslagern drehte und ob diese Personen noch am Leben waren. Zwei Zeitzeugen sind kurz vor Drehbeginn gestorben …

ARTE: Der heute 91-jährige Kameramann Arthur Mainzer filmte für die US-Armee die Befreiung Buchenwalds. Er ist immer noch von den Bildern traumatisiert. Wie verliefen die Dreharbeiten damals?

ANDRÉ SINGER: Das, was die Kameramänner in den Lagern sahen, begleitete sie ihr Leben lang. Obwohl sie alle für die Armee gearbeitet hattenund Kriegsszenen gewöhnt waren, war das, was sie in den Konzentrationslagern vorfanden, mit nichts vergleichbar. Sie sollten alles dokumentieren und möglichst viele Nahaufnahmen machen, ohne zu wissen, was mit ihren Bildern geschehen würde. So filmten sie einfach stundenlang ohne weitere Anweisungen. Der Schock sollte später folgen, als ihnen die Bilder wieder in den Kopf schossen.

ARTE: Mike Lewis, der für die britische Armee die Befreiung Bergen-Belsens filmte, sagte, dass Sidney Bernsteins Film wie kein anderer den Horror dieser Zeit zeige. Was ist an den Aufnahmen einzigartig?

ANDRÉ SINGER: Heinrich Himmler hatte während des Krieges verordnet, dass niemand die Verbrechen filmen durfte. Somit waren die Aufnahmen der Alliierten der einzige visuelle Beweis für die Gräueltaten der Nazis. Die Ausschnitte, die Bernstein daraus für seinen Film gewählt hat, wie die Nahaufnahmen lebloser Körper, sind schockierend. Doch es ist zwingend nötig, sie zu zeigen, denn nur wenn die jüngeren Generationen sehen, was in den Lagern geschehen ist, gerät es nicht in Vergessenheit. Bilder sind der authentischste Eindruck, den wir aus dieser Zeit bekommen können.

ARTE: Wieso haben Sie für Ihren Film den Titel „Night Will Fall“ gewählt?

ANDRÉ SINGER: Es sind die letzten Worte in „German Concentration Camps Factual Survey“ und womöglich die wichtigste Botschaft des Films. „Finsternis kommt über die Menschheit“, wenn die Welt aus diesen Bildern keine Lehre zieht. Mein Film sowie der Originalfilm verfolgen das gleiche Ziel: die Hoffnung, dass die Menschen aus diesen Aufnahmen lernen.

 

Christine Amtmann für das ARTE Magazin

 

ARTE INTERVIEW

ANDRÉ SINGER

André Singer, kurz vor Kriegsende am 4. Mai 1945 in England geboren, studierte an der Universität von Oxford Anthropologie. In den 90ern leitete er die Dokumentarfilmabteilung der BBC. Er produzierte zahlreiche prämierte Filme, darunter Werner Herzogs „Mein liebster Freund“ (1999) und „Tod in Texas“ (2011) sowie „The Act of Killing“ (2012)

 

 

ARTE SCHWERPUNKT

JAHRESTAG DER BEFREIUNG VON AUSCHWITZ

 

Dienstag · 13.1.

Frühjahr 45, Dokumentarfilm · 20.15

Night Will Fall – Hitchcocks Lehrfilm für die Deutschen, Dokumentarfilm · 21.45

Sonderkommando Auschwitz-Birkenau, Geschichtsdoku · 23.05

Zeugnis geben über Auschwitz, Geschichtsdoku · 00.00

Die Auschwitz-Ärzte des Todes, Geschichtsdoku · 01.20

Sonntag · 25.1.

Nie wieder Theresienstadt! Die Kinderoper Brundibár, Kulturdoku · 17.35

Die Roma und Sinti Philharmoniker, Musikdoku · 23.35

Montag · 26.1.

Numbered, Gesellschaftsdoku · 23.55

 

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Kategorien: Januar 2015