MUSIK

Natalie Dessay: Ich mach‘ mir die Welt …

 

Natalie-Dessay

… wie sie mir gefällt: Natalie Dessay, einer der größten Opernstars, macht nun Radio und Jazz – und nimmt kein Blatt vor den Mund. Sich selbst bezeichnet sie als „optimistische Jüdin“. Treffen mit der wandel- und wunderbaren Natalie Dessay in Paris.

 

Treffpunkt Café Français an der Place de la Bastille, draußen hinter der Scheibe donnert der Verkehr, drinnen dudelt Hintergrundmusik aus den Lautsprechern. Natalie Dessay ist schon sehr in Fahrt, es ist das zweite Interview an diesem Abend. Die Sopranistin hat auf den größten Bühnen der Welt gesungen, ob Wiener Staatsoper, New Yorker Metro politan Opera oder Mailänder Scala. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angelangt, verabschiedete sich Natalie Dessay 2013 von der Oper – von der Musik aber nicht. Interview über Jazz, Glücksmomente und inkompetente Dirigenten mit einer Frau, die sagt, was sie denkt.

ARTE: Haben Sie genug von der Klassik?

Natalie Dessay: Keineswegs. Ich habe einfach einen Strich gezogen unter meine bisherige Tätigkeit als Opernsängerin. Das Repertoire für meine Stimme ist beschränkt. In 23 Jahren Opernkarriere habe ich fast alles ausgeschöpft. Ich habe keine Lust, nun einfach immer wieder „Lucia di Lammermoor“, „Traviata“ oder „Manon“ zu singen. Was nicht bedeutet, dass ich mit dem Singen aufgehört habe. Ich gebe weiterhin Liederabende.

ARTE: Sie machen aber auch ganz andere Dinge, zum Beispiel eine Sendung beim französischen Radiosender France Inter.

Natalie Dessay: Darin geht es ebenfalls um Klassik. Ich möchte Querverbindungen herstellen zwischen klassischer Musik, Chanson und Jazz. Eine frühere Sendung auf France Inter hieß: „Es ist klassisch, macht aber nichts“. Ich finde das nicht gut, man braucht sich für Klassik nicht zu entschuldigen. Ich hasse dieses Denken in Kategorien.

Dessay_LegrandARTE: Sie singen heute Lieder von Michel Legrand, einem Komponisten, der die Musik zu Kinofilmen wie „Die Thomas Crown Affäre“ oder Jacques Demys „Die Regenschirme von Cherbourg“ geschrieben hat. Wie kam es zu dieser Begegnung?

Natalie Dessay: Wie Jacques Demy sagte: „Michel ist ein Springbrunnen der Musik.“ Ich bewundere ihn seit Langem. Der Kontakt mit ihm kam vor vier Jahren über das Théâtre National de Toulouse zustande. Und es wurde eine Liebesgeschichte – eine platonische natürlich.

ARTE: Was schätzen Sie an seiner Musik besonders?

Natalie Dessay: Er ist ein außerordentlicher Melodienerfinder, keiner verbindet die Stile so wie er, der von der Klassik zum Jazz kam. Er verkehrte mit den Größten – Ray Charles, Quincy Jones, Barbra Streisand. Diese Offenheit ist faszinierend.

ARTE: Hat sich Ihr Blick auf die Oper verändert, seit Sie der Opernbühne den Rücken gekehrt haben?

Natalie Dessay: Nein, für mich ist die Oper immer noch das Schönste, was es gibt, manchmal allerdings auch hochgradig grotesk: Da gibt es gute Aufführungen, die absolute Glücksmomente sind, aber auch schlechte von tödlicher Langeweile. Rou Routine, Fehlbesetzungen, inkompetente Dirigenten, egozentrische Regisseure gehören zu den hauptsächlichen Tücken des Genres.

ARTE: Nervte Sie das Opernpublikum mit seiner Scheu vor Neuem manchmal?

Natalie Dessay: Das kann ich nicht sagen. Es kam vor, dass Inszenierungen, die mir gefielen, ausgepfiffen wurden, aber das gehört mit dazu. Das macht die Oper lebendig. Für mich ist das Publikum nie eine anonyme Masse. Es sind vielmehr Personen, deren Gegenwart ich im Saal spüre.

ARTE: Sie sprechen hervorragend Deutsch …

Natalie Dessay: Ich hatte einen Lehrer, der mein Interesse für die deutsche Sprache und Literatur geweckt hat. Am Gymnasium war Deutsch meine erste Fremdsprache. Bei all meiner Liebe zum Land und meinen Sprachkenntnissen erhielt ich aber noch nie eine Einladung für einen Abend nach Deutschland. Doch das kann ja noch kommen. Ich könnte dem Publikum zeigen, was für tolle Sachen das französische Liederrepertoire zu bieten hat.

ARTE: Während der ganzen Zeit, in der wir hier im Café sprechen, läuft eine ziemlich aufdringliche Hintergrundmusik. Was halten Sie davon?

Natalie Dessay: Das ist musikalischer Mainstream – einfach furchtbar. Irgendwann wird er uns verschlingen, doch bis dahin will ich mich dagegen wehren. Unlängst erklärte mir jemand den Unterschied zwischen einem optimistischen und einem pessimistischen Juden. Der pessimistische sagt: zum Verzweifeln. Der optimistische sagt: Könnte schlimmer sein. Ich bin eine optimistische Jüdin.

Joseph Hanimann für das ARTE Magazin

 

ARTE -Gastautor: Joseph Hanimann ist seit 1986 Kultur-Korrespondent in Paris, u. a. für die „FAZ“ und die „SZ“

 

ARTE PLUS

BIOGRAFIE

Natalie Dessay, 1965 in Lyon geboren, studiert in Bordeaux und an der Opéra de Paris Gesang. 1992 singt sie erstmals die Olympia („Hoffmanns Erzählungen“) an der Pariser Opéra Bastille. Bis 2013 folgen unzählige Rollen auf den Bühnen der Welt. Fünf Mal gewinnt sie den französischen Klassik-Preis Victoire de la Musique, 2008 den britischen Laurence Olivier Award. 2013 verabschiedet sie sich von der Oper

DISKOGRAFIE

„De l’opéra à la chanson“(Erato, 2014), „Entre elle et lui – Natalie Dessay sings Michel Legrand“ (Warner Classics, Erato, 2013), „Debussy ‘Clair deLune’“ (Erato, 2012) (Auswahl)

 

ARTE Konzert

NATALIE DESSAY SINGT MICHEL LEGRAND

Montag · 22.12. · 18.25

Mehr Informationen kurz vor

Ausstrahlung auf arte.tv/natalie-dessay

 

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Kategorien: Dezember 2014