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Marlon Brando: Ein Mann wird gejagt

 

(c) Warner Bros.

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Ein Berserker im Film wie im Leben – dafür war Marlon Brando berüchtigt. ARTE huldigt der Schauspiel-Legende mit einem Schwerpunkt und blickt hinter die Fassade des Mannes, der aus seiner Pein filmische Genialität schöpfen konnte.

Alles an diesem Mann war purer Sex: die vollen Lippen, die sinnlichen braunen Augen, der durchtrainierte Körper, dazu sein testosterongesteuertes Temperament. Millionen Frauen erlagen seiner erotischen Ausstrahlung. Und noch immer verströmt der über 60 Jahre alte Schwarzweißfilm „Endstation Sehnsucht“ (1951) Marlon Brandos rohe Männlichkeit – etwa, wenn er sein Muskeln umspielendes T-Shirt auszieht und ungeniert seinen Oberkörper zeigt. Eine Szene übrigens, die dem T-Shirt, einem Anfang der 1950er Jahre weitgehend unbekannten Kleidungsstück, zum weltweiten Durchbruch verhalf. Dass sich Brando in der Rolle des Stanley Kowalski wie ein ungehobeltes Arschloch benimmt, das mit Frauen in einer Weise umspringt, die an Respektlosigkeit nicht zu überbieten ist – man müsste ihn noch heute dafür hassen. Stattdessen sind über den jungen Brando fast nur Huldigungen bekannt. „Das Besondere an Marlon war diese Kombination aus seiner weichen, geradezu mädchenhaften Seite und seiner Unzufriedenheit, die sich brachial Luft machte“, analysiert der Regisseur von „Endstation Sehnsucht“, Elia Kazan.

Ungestillte Sehnsucht. Als Kazan 1951 mit Brando drehte, wusste niemand, dass dessen Gefühlsausbrüche ihren Ursprung in frühkindlichen Traumata hatten: An einem Sommertag 1929, Marlon war fünf Jahre alt, die beiden älteren Schwestern waren in der Schule, kam sein Vater früh nach Hause, öffnete wortlos eine Whiskeyflasche und leerte ein Glas nach dem anderen. Mit dem Alkoholpegel stiegen seine Aggressionen, die er mit brutalen Schlägen an seiner Frau Dorothy ausließ. Hilflos sah der Junge mit an, wie die Mutter fast zu Tode geprügelt wurde. Um sich zu retten, floh sie und kam tagelang nicht zurück. Fortan war der Junge von dem Gedanken besessen, er müsse seine Mutter beschützen. Dies mündete in einen Vater-Sohn-Krieg, in dessen Verlauf der Junge eine Reihe von Demütigungen erfahren sollte. Davon erholte sich sein Selbstbewusstsein nie. Vielleicht habe er deshalb später so oft für unterdrückte Minderheiten Partei ergriffen, mutmaßt Brandos Biograf Robert Lindsey. So ging Brando etwa in den 1960er Jahren für die Rechte der Schwarzen auf die Straße. Und seinen zweiten Oscar, den er 1973 für seine erste einschlägige Rolle in „Der Pate“ nach einer siebenjährigen Schaffens phase gewann, in der er beinahe in Vergessenheit geraten war, nahm er nicht an. Stattdessen ließ er eine Erklärung gegen die Diskriminierung der Indianer in den USA verlesen. Als Dorothy die Gewalt nicht mehr aushielt, zog sie mit den Kindern zu ihren Eltern nach Kalifornien. Der Junge heiterte die oft traurige Mutter auf, indem er Tierstimmen imitierte und Nachbarn parodierte, worüber sie herzlich lachte. „Diese Momente waren die glücklichsten meines Lebens“, vertraute Brando seinem Freund, Schauspieler Robert Englund, später an. Doch die Hoffnung, nun würde alles gut, erfüllte sich nicht. Brandos Mutter, eine attraktive, politisch engagierte Frau, war alkoholkrank. Immer wieder holte der Junge sie aus zwielichtigen Bars ab. Nach zwei Jahren kehrte sie zu ihrem Mann zurück. Mit zwölf drohte Brando dem verhassten Vater, ihn umzubringen, wenn er die Mutter noch einmal verletze. Die Drohung wirkte. Aber die Sehnsucht nach Zuneigung blieb unerfüllt. Die Mutter trank weiter, unternahm mehrere Suizidversuche.

Tiefe Enttäuschung. Der erwachsene Brando wurde oft als beziehungsunfähiger Frauenhasser bezeichnet. „Er war ein toller Liebhaber, aber gefiel sich in der Rolle des Macho-Arschlochs“, erzählt Schauspielerin Rita Moreno, mit der Brando acht Jahre lang liiert war. „Alle Frauen, die ihm näherkamen, machten schmerzhafte Erfahrungen.“ Wie tief seine Enttäuschung über die Mutter saß, zeigt eine Szene in „Der letzte Tango in Paris“ (1972): Er sitzt als Paul am Sarg seiner Filmgattin, die sich das Leben genommen hat, heult, beschimpft sie. „Ich habe Marlon die Freiheit zur Improvisation gegeben“, erinnert sich Regisseur Bernardo Bertolucci, „das Ergebnis hat mich umgehauen.“ Als Brando merkte, wie viel er von seinem Innersten preisgegeben hatte, wollte er, dass die Szene herausgeschnitten wird. Doch Bertolucci behielt sie im Film.

 

(c) Horizon Management

(c) Horizon Management

Große Träume. Brandos größtes Dilemma war, dass ausgerechnet seine seelischen Qualen ihn berühmt machten. Mit 19 ging er an eine New Yorker Schauspielschule, wo er zum ersten Mal Anerkennung erfuhr. Die Lehrerin Stella Adler erkannte sein Talent, Schmerz oder Liebe körperlichen Ausdruck zu geben – undenkbar in den 1940ern, als Schauspieler ihre Gefühle fast nur in Dialogen thematisierten. Adler förderte den jungen Wilden, was 1947 zu einem Broadway-Engagement führte, und zwar im Theaterstück „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams. Bald sprach ganz New York über dieses Bühnentier, das nuschelte, schrie, seelische Pein sichtbar machte, andere rücksichtslos verletzte. Durch die Verfilmung des Stücks wusste vier Jahre später auch der Rest der Welt, wer Brando war. Bis zu seinem Tod 2004 spielte er in 40 Filmen: grauenvolle Zumutungen, erhabene Meisterwerke, aber kaum Mittelmaß – eben Brando. Zu den schönsten Wiederentdeckungen zählt der Thriller „Ein Mann wird gejagt“ (1966): Brando als Sheriff, der einen entflohenen Häftling vor den mordlustigen Bewohnern einer texanischen Kleinstadt retten will. Eine Studie über Rassismus, die bis heute nichts von ihrer Brisanz verloren hat, deren Botschaft damals in den USA aber nicht erkannt wurde. Als politische Stimme ernstgenommen zu werden: Das war noch einer dieser unerfüllten Träume Marlon Brandos.

 

Jochen Schütze für das ARTE Magazin

 

ARTE PLUS

MARLON BRANDO

Geboren 1924 in Nebraska, sorgte Marlon Brando, nachdem er Weltruhm erlangt hatte, häufig mit der Forderung exorbitanter Gagen für Furore. So bekam er für drei Szenen in „Die Formel“ (1980) drei Millionen Dollar, für zehn Minuten in „Christopher Columbus – Der Entdecker“ (1992) fünf und für zwölf Drehtage in „Superman“ (1978) sogar 15 Filmografie

FILMOGRAFIE

„Apocalypse Now“ (1979); „Superman“ (1978); „Der letzte Tango in Paris“ (1972); „Der Pate“ (1972); „Ein Mann wird gejagt“ (1966); „Meuterei auf der Bounty“ (1962); „Julius Caesar“ (1953); „Viva Zapata“ (1952); „Endstation Sehnsucht“ (1951) (Auswahl)

MARLON BRANDO

Ein Mann wird gejagt

Western, Sonntag · 14.12. · 20.15

Marlon Brando – Der Harte und der Zarte

Porträt, Sonntag · 14.12. · 22.25

Endstation Sehnsucht

Drama, Montag · 15.12. · 20.15

 Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter

arte.tv/marlon-brando

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Kategorien: Dezember 2014