MUSIK

Max Raabe: Der Dandy des deutschen Chansons

 

(c) Marcus Höhn

(c) Marcus Höhn

Er entführt beim ARTE-Konzert „Eine Nacht in Berlin“ in die zauberhafte Welt der Goldenen Zwanziger – wir haben Max Raabe in der Hauptstadt getroffen, wo er über Berliner Nächte, Eleganz und Nostalgie sprach.

 

Max Raabe kommt mit dem Fahrrad zum Interview. Aufrechte Haltung, dunkelblauer Anzug, ganz im Stil eines Comedian Harmonists, der ein Zwanziger-Jahre-Chanson pfeift. Der besondere Flair vergangener Tage bestimmt auch das Konzert „Eine Nacht in Berlin“, das ARTE am 7. Dezember ausstrahlt und das die Höhepunkte des aktuellen Bühnenprogramms von Raabe und seinem Palast Orchester vereint. Zum Interview mit dem ARTE Magazin hat Max Raabe in die Kantine des Berliner Ensembles gebeten. Kaum hat er Platz genommen, sagt der Kellner mit erlesener Berliner Schnoddrigkeit: „Is’ nur für Künstler, der Tisch! Müssen Se wech.“ Doch sofort erstarren dem Mann die Gesichtszüge: „Oh, pardon, Herr Raabe. Ich habe Sie nicht gleich erkannt. Sie gehören ja hier quasi dazu.“

ARTE: Herr Raabe, können Sie sonst auch durch Berlin laufen, ohne erkannt zu werden?

Max Raabe: Berlin ist, was das betrifft, sehr entspannt. Hier wird man höchstens registriert und damit ist die Sache durch.

ARTE: Warum haben Sie als Treffpunkt das Berliner Ensemble an der Spree vorgeschlagen?

Max Raabe: Erst einmal ist es nicht weit von zu Hause entfernt (lacht). Und dann stehen das Haus und die Gegend hier sehr für das Berlin, das ich erst nach dem Mauerfall für mich entdecken konnte.

ARTE: Sie kamen in jungen Jahren ohne einen Schulabschluss in der Tasche nach Berlin. Wie haben Sie die Ankunft in der neuen Stadt empfunden?

Max Raabe: Ich war der glücklichste Mensch auf der Welt und empfand das als enorme Freiheit. Ich hatte meine erste eigene Wohnung und war komplett auf mich alleine gestellt. Die ganze Enge meines bisherigen Lebens hatte ich hinter mir gelassen: Ich war Anfang 20 und konnte zum erstenMal tun und lassen, was ich wollte.

ARTE: Was schätzen Sie heute an Berlin am meisten?

Max Raabe: Die Theaterszene. Ich versuche, so oft es geht, neue Inszenierungen zu sehen. Ich kenne viele Leute, die irgendwo spielen: Dann schnorre ich mir eine Karte und sehe mir an, was die gerade so treiben. Ich muss dafür auch gar nicht gut sitzen, ich finde: Aus jeder Perspektive ist Theater spannender, als zu Hause zu bleiben.

ARTE: Wie sieht eine Nacht in Berlin, abgesehen von einem Theaterbesuch, bei Ihnen aus?

Max Raabe: Da ich so viel auf Tour bin, bemühe ich mich, Freunde zu sehen, die ich sonst nicht treffen kann. Das ist mir das Wichtigste.

ARTE: Gehen Sie in Clubs? Könnte man Max Raabe zum Beispiel im Technoclub Berghain antreffen?

Max Raabe: Ich bin noch nie ins Berghain gegangen, aus Angst, nicht reinzukommen (lacht). Ich fände es sehr demütigend, beim Türsteher abzublitzen. Da bin ich sehr empfindlich, deshalb gehe ich lieber gar nicht erst hin.

ARTE: Eleganz und Max Raabe werden oft in einem Atemzug genannt. Was verstehen Sie darunter?

Max Raabe: Eleganz ist etwas, das im positiven wie im negativen Sinne zunächst einmal nicht auffällt.

ARTE: Gilt das auch für die Kunst?

(c) Marcus Höhn

(c) Marcus Höhn

Max Raabe: Das wäre mir zu pauschal. Da muss man schon jedes Kunstwerk oder Stück für sich betrachten. Kunst und Eleganz haben für mich nicht zwangsläufig etwas miteinander zu tun.

ARTE: Was macht die Eleganz von Max Raabe und dem Palast Orchester aus?

Max Raabe: Strenge und Zurückhaltung, die zunächst ganz offensichtlich sind und damit – das merke ich vor allem im Ausland – zunächst einmal verblüffen. Spätestens beim zweiten oder dritten Stück jedoch merkt jeder, dass das nur eine Fallhöhe ist, die wir uns schaffen, um die Menschen mit unserer Selbstironie zu überraschen.

ARTE: Ihr Humor wird durch diese Strenge getragen und dennoch – oder gerade deshalb – bringen Sie Konzertsäle zum Lachen. Wie funktioniert das?

Max Raabe: Was jedenfalls überhaupt nicht funktioniert, ist, einen Witz zu erklären. Deshalb sage ich: nur durch Timing. Und durch Haltung.

ARTE: Arbeiten Sie hart an Ihren Pointen?

Max Raabe: Manchmal fliegen sie mir einfach zu. Und manchmal rutsche ich den Ideen auf Knien hinterher und finde keine.

ARTE: Also findet Ihre Arbeit lange vor dem Auftritt statt?

Max Raabe: Ja. Jedes Wort, das ich auf der Bühne sage, habe ich mir vorher genau überlegt. Das gibt mir auch die Ruhe, notfalls spontan reagieren zu können.

ARTE: Klingt, als stecke ein Schauspieler in Ihnen …

Max Raabe: Eigentlich ist es eher Notwehr. Früher habe ich mich immer vor der Moderation unserer Auftritte gedrückt, weil ich glaubte, die Musik spreche für sich. Ich dachte: Ich sage doch schon „Guten Abend, meine Damen und Herren“. Was will man denn noch mehr von mir?

ARTE: Wie viel Arbeit ist es, Max Raabe zu sein?

Max Raabe: Nicht viel. Es gibt Schnittmengen zwischen Bühnenfigur und Privatperson. Irgendwann habe ich gemerkt, dass die Leute bestimmte Dinge besonders mögen. Die habe ich dann kultiviert.

ARTE: Zum Beispiel?

Max Raabe: Zum Beispiel meine möglichst stoische Ruhe. Ich kann mich noch gut erinnern, als wir Anfang der 90er Jahre in Frankfurt am Main spielten, ich war bombig gelaunt und wippte vergnügt auf der Bühne herum. Nach dem Konzert kam eine Dame zu mir und sagte: „Ich habe Sie schon einmal gesehen, aber heute haben Sie so herumgehampelt. Das hat mir gar nicht gut gefallen.“ Seitdem wurde nie mehr herumgehampelt. Die Dame hatte ja Recht: Es geht bei unseren Konzerten nicht darum, dass ich bester Laune bin. Ich muss alles tun, damit das Publikum bester Laune ist.

ARTE: Was macht eine gute Textzeile für Sie aus?

Max Raabe: Sie darf nicht zu versponnen sein. Am besten ist eine Zeile, bei der jeder denkt: „Eigentlich hätte ich da auch selbst drauf kommen können.“

ARTE: Das größte Kompliment, das Sie nach eigenem Bekunden je bekommen haben, lautet: „Sie hätten in den 20er Jahren auch Erfolg gehabt.“

Max Raabe: Es stammt von Max Colpet, einem der wunderbarsten Liedtexter. Da kann man sich ganz ohne nostalgische Anwandlungen geehrt fühlen.

ARTE: Stört Sie etwas am Begriff „Nostalgie“?

Max Raabe: Er klingt für mich wie der Ausspruch „früher war alles besser“, und den halte ich für innovationsfeindlich. Außerdem klingt er nach Sonntagskonzert mit Pickelhaube und Zwirbelbart. Und dann singt alles vereint: „Ja, ja, ja, das ist die Berliner Luft, Luft, Luft!“ Das finde ich unpassend.

Jakob Biazza für das ARTE Magazin

 

ARTE PLUS

MAX RAABE

Geboren am 12. Dezember 1962 im nordrhein-westfälischen Lünen, studierte Max Raabe ab 1988 Gesang an der damaligen Hochschule der Künste Berlin. Seinen Abschluss machte er als Opernsänger im Stimmfach Bariton. 1986 gründete er mit Freunden das Palast Orchester, mit dem er Lieder und Chansons im Stil der 1920er und 1930er Jahre komponiert und interpretiert

DISKOGRAFIE

„Max Raabe & Palast Orchester: Eine Nacht in Berlin“(CD und DVD, Universal Music 2014); „Für Frauen ist das kein Problem“ (Decca 2013); „Küssen kann man nicht alleine“ (Decca 2011) (Auswahl)

 

 

ARTE KONZERT

MAX RAABE & PALAST ORCHESTER: EINE NACHT IN BERLIN

Montag · 7.12. · 18.30

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Kategorien: Dezember 2014