TITELTHEMA

Abenteuer Arktis

 

(c) Philipp Cottier

(c) Philipp Cottier

Mit einem Segelboot durch die legendäre Nordwestpassage: In der zehnteiligen Dokuserie „Polar Sea 360° – Per Anhalter durch die Arktis“ folgt ARTE Entdeckern auf ihrer abenteuerlichen Reise durch das Polarmeer und präsentiert im Web die erste virtuelle 360°-Expedition!

 

Es ist ein Lebenstraum: 18 Monate lang hat der Schwede Martin Sigge die Expedition vorbereitet, um die legendäre Nordwestpassage zu durchqueren. Am 24. Juni 2013 ist es so weit: Die DAX – ihr Name ist eine Abwandlung des schwedischen Ausdrucks für „Es wird Zeit“ (schwedisch: „det är dags“) – macht die Leinen los vom Hafen in Reykjavik. Mit an Bord des neun Meter langen Segelbootes sind seine Freunde Richard Tegnér und Bengt Norvik. Die Amateursegler wollen eines der vielleicht letzten großen Abenteuer bestehen. Vor ihnen liegen 10.000 Kilometer Eismeer. Die geplante Route verläuft von Island vorbei an Grönland zu den arktischen Inseln in Kanada bis nach Alaska, durch das Beringmeer hinunter zu den Aleuten im Pazifik. Doch der Weg ist trotz globaler Erwärmung und Eisschmelze bis heute riskant. Richard Tegnér, neben seinen Pflichten als Koch auch Chronist der Reise auf der DAX, bringt seine Abenteuerlust auf den Punkt: „Einige fragten mich, ob ich lebensmüde sei, als sie von meinem Plan hörten. Doch das Gegenteil ist der Fall: Es ist der Wunsch nach Leben. Nach einem intensiveren Leben.“

 

(c) John Tran

(c) John Tran

Musik aus Eis

Mehrere Drehteams der kanadischen Produktionsfirmen Primitive Entertainment und DEEP Inc. sind den Amateurseglern gefolgt. Entstanden ist die zehnteilige ARTE/ZDF-Dokuserie „Polar Sea 360° – Per Anhalter durch die Arktis“. Sie eröffnet eine Welt, die so noch nicht zu sehen war. Nirgendwo sonst lassen sich der Klimawandel und seine Folgen so konkret beobachten. Der Autor der Serie, Kevin McMahon, filmt seit über 25 Jahren in der Arktis. Für ihn geht es bei diesem Projekt aber um mehr. Die Fernsehserie wird online weitergestrickt: 360°-Videos im Web und in der projekteigenen App, aufgenommen mit einer eigens angefertigten 360°-Kamera und aus unterschiedlichen Einstellungen gefilmt, erwecken den Eindruck, dabei gewesen zu sein (mehr dazu S. 18). „Es ist keine typische Dokuserie, sondern ein emotionales Porträt eines faszinierenden Ortes, der einen grundlegenden Wandel durchmacht. Jeder, der die Serie sieht, soll das Gefühl bekommen, selbst von Island nach Alaska gereist zu sein und mit den Bewohnern gesprochen zu haben“, so McMahon Neben den Amateurseglern trifft das Drehteam auch auf Wissenschaftler, Inuit und Künstler, die von ihren Erfahrungen mit dem Klimawandel berichten. Einer von ihnen ist der norwegische Musiker Terje Isungset. Gemeinsam mit dem Eisbildhauer Bill Covitz gestaltet er in Ilulissat Instrumente aus Eis. „Als Musiker mag ich es, mit den Elementen zu arbeiten. Ich suche nach neuen Klängen im Eis und versuche, mit den wichtigsten Eisressourcen der Welt Musik zu machen.“ Seit über einem Jahrzehnt schmilzt die polare Eiskappe im arktischen Sommer zusehends schneller ab. Im September 2012 erreichte das Eis seine bisher geringste Ausdehnung. Isungset sieht seine vergängliche Musik als einen Beitrag, um auf das globale Problem aufmerksam zu machen. Nach Etappen in Grönland erreicht die Crew die Küste der kanadischen Baffin-Insel, wo unberührte arktische Wildnis vorherrscht: „Das Wetter war sehr stürmisch und kalt, richtiges Arktiswetter eben“, sagt Richard Tegnér. Und schwärmt: „Doch als wir aus diesem Nebel fuhren, sahen wir diese fantastische Landschaft vor uns, die uns willkommen hieß. Das war ein großer Glücksmoment für mich.“

 

(c) Damir Chytil

(c) Damir Chytil

Der neue Mount Everest

Nur wenige Seefahrer haben die Nordwestpassage bisher gemeistert. Zahlreiche Expeditionen fanden auf tragische Weise ihr Ende im Packeis – eine der größten Tragödien ist die von Sir John Franklin, der im Auftrag der britischen Königin 1845 aufbrach, die Nordwestpassage zu finden. Seitdem war er verschollen. Erst im September 2014 haben Archäologen aus Kanada das Wrack eines seiner beiden Schiffe in der Provinz Nunavut gefunden. Roald Amundsen war es dann, dem es 1903 gelang, die Nordwestpassage als erster zu durchqueren. Und was vor zehn Jahren noch undenkbar war, treibt nun immer mehr Touristen in den hohen Norden. Die Nordwestpassage ist so etwas wie der neue Mount Everest und Ilulissat in Grönland ist sein Base Camp. 20.000 Touristen kommen jährlich dorthin. Eine neue Generation von Abenteurern in der Arktis – Kajakfahrer, Segler und Ruderer – kreuzen auch die Wege der DAX. Der Schweizer Philipp Cottier und seine Crew auf dem Katamaran Libellule versuchen sogar, als erste mit einem Freizeitkatamaran die Passage zu durchqueren. Aber auch neue Kreuzfahrtschiffe und Luxusliner wie die französische Le Boréal nehmen Kurs auf die Arktis. Für die einen fördert der Klimawandel den Tourismus in der Region und bringt den Kommunen der Inuit Geld. Für die anderen verschwinden mit dem Eis traditionelle Wege der Nahrungsbeschaffung. Die Bestände der Karibus und Narwale, Nahrungsgrundlage der Inuit, schwinden. Allein den Inuit ist es noch gestattet, jährlich 500 Narwale für ihre Ernährung zu jagen.

Aufgeben gilt nicht

Die Arktis bringt viele Menschen an ihre Grenzen. Auch die DAX muss wegen eines Motorschadens nach 4.000 Kilometern an der arktischen Küste in Pond Inlet aufgeben. Doch Richard Tegnér will das nicht akzeptieren: „Ich bin bis zum Anfang der kanadischen Arktis gekommen und habe all diese atemberaubenden Gletscher gesehen – ich will noch nicht nach Hause. Ich mache die Reise durch die Arktis per Anhalter weiter.“ Das Kreuzfahrtschiff Akademik Ioffe und der Katamaran Libellule werden komfortable Mitfahrgelegenheiten, die ihn bis ans langersehnte Ziel bringen sollen. 6.000 Kilometer bis ans Ende der Passage in Alaska liegen noch vor ihm.

 

Kristin Bartholmess für das ARTE Magazin

 

Die Arktis in Not

Der Klimawandel ist heute schon für viele Realität. Ein Klimaforscher erklärt im Interview, was uns bevorstehen könnte.

Achtmal war der Wissenschaftler Peter Lemke seit 1989 in den Polargebieten unterwegs. Der ehemalige Leiter des Fachbereichs Klimawissenschaften am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven im Interview über die globale Bedeutung des schwindenden Eises.

ARTE: Was hat sich in den letzten Jahren in der Polarregion verändert?

Peter Lemke: In der Antarktis im Süden gibt es noch genauso viel Eis wie Anfang der 1990er. In der Arktis  allerdings sieht es anders aus: Vor 20 Jahren war die Reise zum Nordpol noch sehr mühselig und nur mit einem Eisbrecher möglich. Doch seit 2001 ist das Eis zurückgegangen. Eisdicken-Messungen zeigen, dass es von drei auf zwei Meter Eisdicke abgenommen hat. Auch seine Ausdehnung hat sich reduziert. Die Nordwestpassage ist mittlerweile in den Sommermonaten teilweise so eisfrei, dass sie schiffbar ist.

ARTE: Warum ist die Region für unser Klima so wichtig?

Peter Lemke: Die Arktis ist für uns zwar geografisch weit weg, aber meteorologisch sehr nah. Unser Klima wird vor allem durch den Temperaturunterschied zwischen den Polargebieten und dem Äquator bestimmt. Die warmen Tropen und die kalten Pole beeinflussen Windsysteme und Ozeanströmungen. Kaltluft aus dem Norden erreicht Westeuropa innerhalb von zwei, drei Tagen. Durch die globale Erwärmung gerät dieses Gleichgewicht durcheinander. Unwetter und Überschwemmungen sind die Folge.

ARTE: Was sind schon jetzt weitere Folgen des Klimawandels?

Peter Lemke: Das Eis reflektiert 80 Prozent der Sonnenstrahlung. Durch die Eisschmelze werden aber immer größere dunkle Flächen frei: das Gestein der Berge und die Wasseroberfläche des Ozeans. Lediglich zehn Prozent der Sonnenstrahlung werden vom Ozean reflektiert. Die restlichen 90 Prozent nimmt das Meer auf und wird so sehr erwärmt, dass das Eis noch schneller schmilzt. Eine weitere Gefahr liegt in den tauenden Permafrostböden in den Küstenregionen Alaskas und Sibiriens. In den dauerhaft gefrorenen Böden befindet sich gebundener Kohlenstoff und Methan. Mit dem Tauwetter gelangen beide – Kohlenstoff als Kohlendioxid – als Treibhausgase in die Atmosphäre.

ARTE: Eröffnen sich durch den Klimawandel auch neue Chancen?

Peter Lemke: Unter anderem Russland hofft, vom Eis freigelegte Flächen in Sibirien für den Ackerbau nutzen und besiedeln zu können. Aber bis dahin vergehen Jahrzehnte. Vorher fallen ganze Städte zusammen, weil ihnen unter den Häusern wie in Nowosibirsk der Boden wegtaut.

ARTE: Für viele Menschen ist der Klimawandel bereits Realität …

Peter Lemke: Durch den Meeresspiegelanstieg werden Hunderte Millionen Menschen umsiedeln müssen. In den Küstenregionen schmelzen schon jetzt ganze Dörfer wie Kivalina in Alaska weg. Aber auch Bangladesch oder Bremerhaven werden die Folgen zu spüren bekommen. Nur eine stärkere internationale Zusammenarbeit kann den Klimawandel eindämmen.

 

Stefanie Hinzmann für das ARTE Magazin

 

ARTE Dokuserie

POLAR SEA 360° – PER ANHALTER DURCH DIE ARKTIS

Von Montag 1.12. bis Freitag 12.12. · jeweils um 19.30

(1) Der neue Mount Everest

(2) Reise durch das Eis

(3) Legenden der Jagd

(4) Wilde Wissenschaft

(5) Verbannt in der Arktis

(6) Fluch der Zivilisation

(7) Am Scheideweg der Arktis

(8) Das Land schmilzt

(9) Hunger nach Öl

(10) Ausblick in die Zukunft

mehr Informationen unter

arte.tv/polarsea360

 

 

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Kategorien: Dezember 2014