ZEITGESCHICHTE

Václav Havel – Ein Leben für die Freiheit

(c) Ondrej Nemec/Knihovna Václava Havla

(c) Ondrej Nemec/Knihovna Václava Havla

Für viele Tschechen ist er der Mann, der ihnen die Freiheit brachte: Václav Havel. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls widmet ARTE dem Dissidenten, Schriftsteller und Staatspräsidenten ein persönliches Porträt. Zeitgleich erscheint die erste große Havel-Biografie eines Weggefährten. Auszug aus dem Prolog.

Bürgerrechte verteidigte er mit einer unbeugsamen Leidenschaft, seine moralische Autorität blieb ungebrochen. Václav Havel war nicht einer dieser Politiker, die sich schnell einordnen lassen: Seine bourgeoise Herkunft versagte ihm ein Studium, seine Tätigkeiten als Schriftsteller und Dramaturg retteten ihn vor einem tristen Arbeiterschicksal, sein Engagement als Wortführer der Regimegegner brachten ihn insgesamt 50 Monate ins Gefängnis. Nach der Samtenen Revolution im Dezember 1989 wurde der führende Vertreter des Bürgerforums zum ersten demokratisch gewählten Präsidenten der Tschechoslowakei. Ein Lebensweg, der Geschichte schrieb.

Der Autor der jüngsten Havel-Biografie „Václav Havel: In der Wahrheit leben“, Michael Žantovský, kennt ihn ganz besonders gut. In den ersten beiden der vier Amtszeiten Havels als Staatspräsident (von 1989 bis 1992) verbrachte er wahrscheinlich mehr Zeit mit Havel als irgendein anderer Mensch, einschließlich Havels Ehefrau. Žantovský, selbst Diplomat, Publizist und Schriftsteller, war seit den 1970er Jahren enger Weggefährte Havels. Als sein politischer Berater und Sprecher war er es, der den tschechischen Präsidenten auf jeder Auslandsreise und zu jeder Besprechung begleitete. Im Prolog seiner Biografie stellt Michael Žantovský einen Mann vor, der mit unerbitterlichem Mut für Freiheit und Wahrhaftigkeit eintrat.

»Václav Havel war einer der faszinierendsten Politiker des vergangenen Jahrhunderts. Seine einzigartige Lebensgeschichte – gewissermaßen vom Millionär zum Tellerwäscher und wieder zurück zum Millionär – lässt sich leicht in vereinfachenden Darstellungen erzählen. Tatsächlich besteht ja auch kein Zweifel, dass er eine der dramatischsten sozialen Umwälzungen der jüngeren Geschichte prägend mitgestaltet hat und maßgeblich dazu beitrug, eine der verführerischsten Utopien aller Zeiten zu Grabe zu tragen.

Viele Menschen, auch Havel selbst, staunten häufig darüber, wie schnell er in das höchste politische Amt seines Landes aufgestiegen war, doch dies hatte nichts Geheimnisvolles oder Zufälliges an sich. Wie dieses Buch zeigen möchte, war das Streben danach, „die Welt zu verbessern“, schon früh in Havels Leben angelegt; bereits im Alter von zehn Jahren träumte er von einer Fabrik, die anstatt von Gütern das „Gute“ herstellen sollte. Er hatte ein starkes Verantwortungsbewusstsein, das ihn dazu führte, sich niemals unterkriegen zu lassen und sich gegen Widerstände zu behaupten, und – was weniger augenfällig, aber umso realer war – er hatte Disziplin und Fleiß. Das befähigte ihn, an die vor ihm liegenden Aufgaben heranzugehen und im November 1989 zum einzigen überzeugenden Kandidaten für die Rolle des Revolutionsführers in der Tschechoslowakei zu avancieren.

Doch die Person Václav Havel lässt sich nicht auf einen Dissidenten oder Politiker reduzieren. Václav Havel war auch ein beeindruckender Denker, der stets versuchte, die Ergebnisse seines Denkprozesses ebenso wie die moralischen Grundsätze, die dessen Kern bildeten, in sein praktisches politisches Handeln einfließen zu lassen. […] Seine Moralphilosophie lässt sich auf drei Grundkonzepte zurückführen, die untrennbar mit seinem Namen verbunden sind. Das erste Konzept, die „Macht der Ohnmächtigen“, auch der Titel seines bekanntesten Essays, ist in seiner Schlichtheit fast ein politischer Slogan. Es taugt zu einem großen Schlachtruf, doch auf den ersten Blick scheint dieses Motto nicht recht zu den alltäglichen Situationen zu passen, in denen die Macht eben doch bei den Mächtigen liegt und die Machtlosen machtlos sind. Noch weniger ist es anwendbar, wenn die Machtlosen plötzlich in Machtpositionen aufsteigen. Aber dennoch fand dieses Konzept einen unauslöschlichen Ausdruck in der einzigen Revolution der Geschichte, die keine Opfer durch Gewalt forderte. Das zweite Konzept, „Leben in der Wahrheit“, hat einen fast messianischen Beiklang und setzt seinen Urheber dem Vorwurf aus, ein naiver Träumer oder noch Schlimmeres zu sein. Nach den meisten herkömmlichen Definitionen von „Wahrheit“ kann man Havel bisweilen dabei ertappen, wie er gegen seine eigenen Lehren verstößt, doch kaum jemand konnte seine Entschlossenheit in Zweifel ziehen, diesem Grundsatz entsprechend zu leben, so gut er es konnte. Das Konzept „Verantwortung“, das im „Gedächtnis des Seins“ wurzelt, vervollständigt das Ideengebäude. […]

Neben seinen Rollen als Dissident, Politiker und philosophischer Denker war Havel auch – nicht weniger wichtig – ein wunderbarer, geistreicher und origineller Autor. Seinen Erfolg auf diesem Gebiet verdankte er nicht seinem Status als bekannter Dissident oder Politiker; er setzte vielmehr schon ein, bevor er der bekannteste politische Häftling der Tschechoslowakei wurde, und erst recht, bevor er zum Staatspräsidenten aufstieg. Im Gegenteil, man könnte sogar sagen, dass Havels politische Karriere sein schriftstellerisches Wirken ernsthaft beeinträchtigte. Die Höhepunkte seines literarischen Schaffens liegen in der Mitte der sechziger Jahre mit Werken wie „Das Gartenfest“ (1964) und „Die Benachrichtigung“ (1965). Obwohl er von den kommunistischen Kulturfunktionären nie anerkannt wurde, erlangte Havel in dieser Zeit eine beträchtliche künstlerische Freiheit und konnte zahlreiche Möglichkeiten nutzen. „Abgang“ (2008), sein letztes Theaterstück, das er vor seiner Wahl zum Präsidenten begonnen hatte und nach seinem Ausscheiden aus dem Amt vollendete, ist eine eindrucksvolle Erinnerung an sein schriftstellerisches Potential. […]

(c) Ondrej Nemec/Knihovna Václava

(c) Ondrej Nemec/Knihovna Václava

Und schließlich gab es den Menschen Havel, der seine Wirkung auf andere durch Mittel erzielte, die so einzigartig waren wie sein Leben insgesamt. Von der Jugendzeit an war er eine Führungspersönlichkeit; er war derjenige, der die Agenda setzte, stets vorneweg lief, die Richtung angab. Doch dies war in keiner Weise verbunden mit der Monomanie eines überzeugten Visionärs, sondern mit Bescheidenheit, Freundlichkeit und Höflichkeit, die so unerschütterlich (und bisweilen auch ungerechtfertigt) waren, dass Havel selbst sie in einigen seiner Stücke karikierte. Gekrönt wurden diese Charakterzüge durch einen ausgeprägten Sinn für Humor und für das Absurde, der meist liebenswürdig, aber niemals böse oder grausam war. Havel war ein Mann, der die Gesellschaft anderer Menschen liebte, der Herz und Seele eines jeden Festes sein konnte, ein Mensch, der leicht Freundschaften schloss und Zuneigung überreichlich erwiderte.

Es gab aber auch noch einen anderen Havel, den „heimlichen Angsthasen“, deprimiert, krank, wütend über seine eigene Unfähigkeit, ein Mann, der in den Alkohol flüchtete, in Medikamente, Krankheit und bisweilen unüberlegte sexuelle Abenteuer. Seine Zuversicht geriet nicht ins Wanken, als er im November 1989 an der Spitze von Millionen Menschen stand und befürchten musste, dass die Panzer vorrücken würden. Doch nachdem er Präsident geworden war und all den Fallstricken der Macht ausgesetzt war, war er nie sicher, seiner Aufgabe gewachsen zu sein; nach eigenem Bekunden zweifelte er an sich selbst. Da er in der Wahrheit zu leben versuchte, maß er sich selbst, niemals jedoch andere, an diesen unerreichbar hohen Ansprüchen, denen er ausnahmslos nicht genügen konnte. Er war ein unvollkommener Mensch, wie wir alle. […] Havel verkörperte auf idealtypische Weise den Satz „Was du siehst, bekommst du auch“, er war eine authentische, echte Persönlichkeit, wie die meisten Menschen sie nur erstreben können und wofür Politiker alles geben würden. Selbst seine Schwächen waren real, nicht irgendwelche kleinen Sünden einer von den Medien geschaffenen Karikatur einer Berühmtheit. [ … ] «

Es sind vor allem die sehr persönlichen Anekdoten, die einen neuen Blick auf die dramatischen Ereignisse des Herbstes 1989 werfen und mit Havel, dem Dissidenten, Havel, dem Schriftsteller, aber vor allem Havel, dem Menschen, bekannt machen. Auch wenn der Autor der Biografie betont, dass sich Havel stets eine gewisse Distanziertheit, einen undurchdringlichen Kern, den niemand ergründen konnte, bewahrt habe.

Auszug aus dem Prolog in „Václav Havel: In der Wahrheit Leben“ von Michael Žantovský

ARTE PLUS

VÁCLAV HAVEL

1936: Havel wird als Sohn eines Architekten in Prag geboren. 1948: Enteignung der Familie. Seine bourgeoise Klassenzugehörigkeit hindert ihn an höherer Schulbildung. 1951: Ausbildung zum Chemielaboranten. Havel holt Abitur am Abendgymnasium nach. 1960: Dramaturg am Prager Theater am Geländer. 1968: Vorsitzender des Clubs unabhängiger Schriftsteller während des Prager Frühlings. 1977: Mitbegründer der Bürgerrechtsbewegung Charta 77. 1989: Nach der Samtenen Revolution wird Havel erster demokratisch gewählter Präsident der C ˇ SSR. 1993: Mit dem Zerfall der C ˇ SSR wird er Präsident der Tschechischen Republik und bleibt bis 2003 im Amt. 2011: Havel stirbt auf seinem Landgut Hrádecek

(Quellen: www.bundestag.de; www.spiegel.de)

Die Biografie „Václav Havel: In der Wahrheit leben“ erscheint Ende Oktober im Propyläen Verlag

ARTE SCHWERPUNKT

25 JAHRE MAUERFALL

Kalter Krieg der Konzerte · Kulturdoku

Samstag · 8.11. · 21.45

1989 · Dokumentarfilm

Sonntag · 9.11. · 22.10

Václav Havel, ein freier Mensch · Dokumentarfilm

Samstag · 16.11. · 22.25

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung hier

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Kategorien: November 2014