TYPISCH FRANKREICH

Süsse Kindheit

(c) Drushba Pankow

(c) Drushba Pankow

Die Franzosen sind unsere Nachbarn, aber wie gut kennen wir sie wirklich? Im November führt die Spur zum kleinen Glück in einem eng gestrickten Alltag, zum „goûter“, einer Zwischenmahlzeit.

  

90 ARTE Magazin 11.2014 Praktisch immer, wenn Deutsche Hunger haben, ist schnell eine Vesper, ein Imbiss oder Snack zur Hand: im Elf-Uhr-Loch genauso wie um sechs, wenn im Büro gar nichts mehr geht. Franzosen dagegen essen streng im Dreiertakt: Morgens, mittags, abends. Zwischenmahlzeiten? Gibt es nicht – außer dem „goûter“. Doch halt! Zugreifen dürfen offiziell nur Kinder, und wie die wörtliche Übersetzung „kosten“ schon andeutet, geht es hier auch nicht um große Portionen.
Typische Vertreter findet man im Keksregal der Supermärkte, von den „barquettes“, Marmeladen-Schiffchen, über Schokokekse bis hin zu den berühmten Madeleines. Dazu ein Glas Milch, Saft oder ein Apfel. Der Fantasie beim „goûter“ sind keine Grenzen gesetzt: „la pom’pote“, der Apfel aus der Trinktüte, ist der letzte Schrei – oder besser Aufschrei: „So gesund, so praktisch!“, rufen die einen. „So viel Abfall, so unsinnlich!“, die andern. Zum Glück gibt es noch gute alte (Nähr-)Werte: Weißmehl, Fett und Zucker sind die Zutaten im duftenden Baguette mit Schokoriegel oder im „pain au chocolat“ aus Blätterteig – was gibt’s Besseres nach einem langen Schultag? Denn ab 16 Uhr schlägt die Stunde des „goûter“. Mit deutscher Kaffee-und-Kuchen-Kultur hat das wenig zu tun. Da wird eingeladen, selbst gebacken, (zu) viel gegessen, ausgiebig getratscht. Das „goûter“ dagegen ist nur eine kurze Station im eng gestrickten Alltag, ein süßer Moment an der Schwelle zwischen Schule und Freizeit und ein Familienritual, das die Franzosen möglichst täglich, wenigstens aber am Wochenende zu Hause praktizieren.

 

Nun zu den Erwachsenen. Fragt man eine typische Französin, die mit eingezogenem Bauch durch den Alltag eilt, ob sie sich zwischendurch etwas Süßes gönnt, wird sie das kaum zugeben. Doch wer isst eigentlich all die feinen Törtchen der Pâtisserien? Eine Studie des französischen Forschungsinstituts Crédoc stellte fest: 66 Prozent der Franzosen – und das könnenunmöglich nur Kinder sein – stärken sich mit einer Zwischenmahlzeit. Ernährungsexperten sehen in dieser kleinen Sünde weniger ein echtes Bedürfnis (das wäre zu diskutieren!), sondern ein Erbe aus der Kindheit, in der sich einst der süße Geschmack des „goûter“ mit dem wohligen Gefühl des Heimkommens verband. Marcel Proust wusste es schon lange: Der Geschmack der Kindheit kann Zeitreisen auslösen.
Das „goûter sacré“ (das heilige „goûter“), wie die Zeitung „Le Parisien“ titelt, ist also keineswegs nur ein Snack. Es ist vielmehr struktureller Bestandteil der französischen Großhirnrinde und hält nicht nur Leib und Seele, sondern auch die Familie zusammen. Und am besten klebt eben immer noch Zucker.
Bettina Reichmuth für das ARTE Magazin

Weitere französische und auch deutsche
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Kategorien: November 2014