GESELLSCHAFT
magazin

Hoch soll er leben!

(c) Lotta Kilian

(c) Lotta Kilian

 

Der BH wird 100! Heute ist von Minimizer bis Wonderbra, von aufreizend knapp bis natürlich bequem alles im Trend. Das war nicht immer so. Über die bewegte Geschichte eines raffinierten Kleidungsstücks.

 

Eine 19-jährige New Yorkerin will sich für ihren Debütantinnenball nicht in ein Korsett zwängen. Sie bastelt mit ihrem französischen Dienstmädchen aus zwei Seidentüchern und vier rosa Bändern einen Büstenhalter. Am 3. November 1914 lässt Mary Phelps Jacob ihre Erfindung patentieren und so wird der Geburtstag des BHs als Dessous-Ikone des 20. Jahrhunderts aktenkundig.

 

Der gesellschaftliche Auftrag. Marys Freundinnen sind begeistert. Als jedoch die Vermarktung an Kaufhäuser schleppend verläuft, verkauft Mary ihr Patent für 1.500 Dollar an eine Firma namens Warner Brothers Corset Company, die damit in den nächsten 30 Jahren über 15 Millionen Dollar verdienen wird: Denn das Korsett wird langsam zum Auslaufmodell. Das Material ist spätestens seit dem Ersten Weltkrieg rar – aus Gründen der Stahlrationierung wurde sogar offiziell zum Korsett-Verzicht aufgerufen. Der Siegeszug des BHs ist auch Frauenrechtlerinnen und Medizinern zu verdanken, die bereits seit den 1890er Jahren gegen den schädlichen Einfluss der Schnürbrust in den Kampf zogen. Die Ablösung vom Korsett passt zum grundlegenden Rollenwechsel der Frau, weg von der repräsentativen Hausdame des bürgerlichen Mannes, hin zur selbstbewussten, aktiven Frau. Die neu gewonnene Bewegungsfreiheit mündet in den Goldenen Zwanzigern in eine androgyne Mode mit kurzen Hängerkleidchen und betont schlanker Silhouette. Der Busen, gerade vom Korsett befreit, wird nun mit seitlich schnürbaren Büstenhaltern wie dem „Symington Side Lacer“ flach gepresst, vor allem bei den amerikanischen Flappergirls (von Englisch „flapper“, selbstbewusstes junges Mädchen) ist das sehr beliebt. Die jungen Frauen tragen dazu Röcke und Haare kurz und tanzen durch das Jazz-Age.

 

Inszenierte Rundungen. Zeitgleich mit der Weltwirtschaftkrise Anfang der 30er Jahre stehen jedoch wieder pralle Brüste hoch im Kurs, was die Absatzmärkte der neuen BH-Industrie anwachsen lässt. Die Schauspielerin Mae West wird zum bestbezahlten Star der Dekade – dank ihrer verführerischen Sanduhrsilhouette mit Körbchen-Größe C. Denn gerade hat die Warner Brothers Corset Company das Körbchen-System nach dem Alphabet erfunden, das jede Brust für sich in Form bringt. Schon bald kommen die ersten BHs auf den Markt, die mit verstärkten Stoffen und Raum für Auspolsterungen mehr Volumen vortäuschen. Als dann 1934 der sogenannte Hays Code Hollywood eine strenge Zensur der sexuellen Reize auferlegte, forcieren die Hollywood-Studios kurzerhand eine Mode, die den Busen in ausgepolsterten BHs unter viel zu enge Pullover steckt: So wird Lana Turner durch ihren Auftritt im Film „Der dritte Grad“ 1937 zum ersten sogenannten „Sweater Girl“. Weltweit folgen Frauen diesem Schönheitsideal und staffieren sich zu Busenwundern aus.

 

Hollywood und Männerträume. Im Zweiten Weltkrieg wird die sexy inszenierte Waffe der Frau zur Motivation der kämpfenden Truppen fern der Heimat genutzt. Das US-Magazin „Life“ erfindet 1941 das Pin-up als Synonym für die offenherzigen Fotos von Schauspielerinnen wie Rita Hayworth. Während die Frauen in Europa wegen Stoffrationierungen von Dessous nur träumen können und sich ihre Unterwäsche aus Fallschirmseide selber nähen, stacheln die Dessous der Pin-ups männliche Fantasien an. Der amerikanische Kriegsveteran Frederick Mellinger macht daraus ein gewinnbringendes Geschäft und eröffnet in New York sein Dessous-Imperium Frederick’s of Hollywood. 1948 erfindet er mit dem „Rising Star“ den ersten Push-up-BH. Zur selben Zeit wird Norma Jeane Mortenson in Hollywood als Marilyn Monroe zum größten Sexsymbol der 50er Jahre. Ihre 80D sind von Anfang an ihr Kapital. Der „Bullet Bra“, auf Deutsch Spitztüten-BH, wird durch sie zum Bestseller des Jahrzehnts. Diese Raketenform mit den kreisförmigen Steppnähten ist ein radikales Zeichen für die offensive Grundstimmung der 50er Jahre. Es gibt Theorien, dass Männer nach Katastrophen wie Kriegen nach der weiblichen Brust gieren wie hungrige Säuglinge und tatsächlich rücken die Brüste in den Nachkriegsjahren ins Zentrum des Interesses – nicht nur der Männer, sondern auch der Mode- und Filmindustrie. Hollywoodstars wie Elisabeth Taylor als „Katze auf dem heißen Blechdach“ und Janet Leigh, die in der Eröffnungsszene von „Psycho“ im BH zu sehen ist, heizen die Stimmung auf dem Wäschemarkt an. Die US-Firma Maidenform verkauft von ihrem „Chansonette Bra“ mit spitzen Körbchen zu dieser Zeit 30 Millionen Exemplare.

 

Es geht bergab. Auf diesen Gipfel der Weiblichkeit folgen jedoch magere Zeiten für die boomende BHIndustrie. Die Frauen der 60er Jahre setzen, statt auf künstlich geformte Brüste, auf neue elastische Kunststoffe wie Lycra und auf junge Minimode. Das knabenhafte Model Twiggy verkörpert das Ideal der Jugendbewegung und der Designer Rudi Gernreich entwirft den No-Bra aus transparentem Nylon. 1968 entsorgen Feministinnen in Atlantic City sexistische Weiblichkeitssymbole wie BHs, High Heels und falsche Wimpern während eines Protestmarsches gegen die Miss-America-Wahl in eine Mülltonne, die berühmte Freedom Trash Can. Angezündet wurde sie entgegen dem Mythos nicht – erst in den 70er Jahren brennen die ersten BHs. Dafür werden 1969 weltweit in Metropolen wie San Francisco und München die ersten Anti-BH-Tage gefeiert. Der Büstenhalter, Anfang des Jahrhunderts Symbol der Emanzipation und Befreiung von den Fesseln des Korsetts, ist nun selbst in Verruf geraten. Die australische Feministin Germaine Greer, die mit ihrer Kampfschrift „Der weibliche Eunuch“ 1970 für Furore sorgt, verdammt den BH als „abscheuliches Symbol männlicher Unterdrückung“. Jede dritte Frau geht Anfang der 70er Jahre oben ohne und die Dessous-Industrie verliert ihre Kundschaft. Als Reaktion darauf setzen die BH-Hersteller nun auf Natürlichkeit. Nahtlose Unterwäsche aus Polyamid beeinflusst die Mode der Zeit nachhaltig, denn mit diesen transparenten, hautfarbenen Dessous wird die natürliche Linie zum Ideal. Der neue Trend zur Busenfreiheit führt auch zu abson- derlichen Auswüchsen wie dem „Nipple Bra“, der durch aufgesetzte Brustwarzenattrappen Nacktheit simulieren sollte – für den „sensiblen Kaltwetter-Look“, so die Werbung. Doch in erster Linie sollten die neuen BHs den Frauen schmeicheln und sie nicht mehr verformen.

 

Die neue Künstlichkeit. Das Formen übernehmen die Frauen nun selbst. Mit Aerobic-Queen Jane Fonda als Vorturnerin beginnt das Zeitalter des Körperkults. Der Sport-BH tritt seinen Siegeszug an und wieder sind es zwei Frauen, die sich selbst den ersten Prototyp basteln, weil sie zum Joggen keinen passenden BH finden. 1977 nähen Hinda Schreiber Miller und Lisa Lindahl aus zwei Jockstraps, dem elastischen Hodenschutz für Männer, den ersten Sport-BH und bauen darauf ihr Erfolgsunternehmen Jogbra Sportbras auf. Was durch Training nicht in die gewünschte Form gebracht werden kann, wird nun immer öfter auf den OP-Tisch gelegt: Von den USA ausgehend verbreitet sich in den 80er Jahren die plastische Chirugie. Statt Polster in den BH zu stopfen, werden nun Silikoneinlagen in die Brust transplantiert. 90.000 Amerikanerinnen investieren in diesem Jahrzehnt in eine Brustvergrößerung. Seither wächst die Anzahl um 30 bis 40 Prozent pro Jahr. Die Transformation von Kleider-Mode hin zu Körperkult bringt auch den BH wieder ins Rampenlicht. Er wird zum Lieblingsaccessoire in einer neuen Fashionwelt, die das Innerste nach außen trägt. Im Film „Susan … verzweifelt gesucht“ geht Popstar Madonna 1985 im BH auf die Straße und zahlreiche Modemacher schicken ihn nun als neues Mode-Must-have zu Blazer und Spitzentop über die Laufstege. Und als Madonna auf ihrer Blond-Ambition-Tour 1990 mit Jean Paul Gaultiers legendärer „Bullet Bra“-Korsage auf der Bühne steht, setzt sogleich ein fulminantes Raketen-BH-Revival ein.

 

Von Glanz und Gloria. Im Jahrzehnt der Supermodels erreicht der Körperkult seinen Höhepunkt und der Wonderbra feiert mit Eva Herzigovás Hello-Boys-Kampagne 1994 seinen Durchbruch. Die legendäre Plakatwerbung sorgt für Auffahrunfälle im Londoner Stadtverkehr und der Wonderbra wird weltweit ein Bestseller, der damals alle 15 Sekunden über die Ladentheke geht. Vivienne Westwoods Sohn Joseph Core inszeniert mit seinem Londoner Dessouslabel Agent Provocateur sexy Retro-Looks in coolen Werbeclips mit Stars wie Kate Moss und Kylie Minogue. Ob drunter oder drüber – BHs werden nun endgültig zum schnell wechselnden Modeartikel, der in allen Farben und Formen durch Modeketten wie H&M zirkuliert. Zur Jahrtausendwende erobert der BH-Boom das World Wide Web – bereits 1999 wird die erste Victoria’s Secrets Show im Internet übertragen. Das glamouröse Dessous-Spektakel bringt die Server zum Einsturz und zieht bis heute die berühmtesten Models aus, denn ein Vertrag als „Victoria’s Secret Angel“ gehört zu den lukrativsten der Modewelt. Im Jahr 2000 trägt Gisele Bündchen einen rubinbesetzten „Fantasy Bra“, das handgefertigte Herzstück der jährlichen Show, im Wert von 15 Millionen Euro und damit den teuersten BH aller Zeiten. Der Luxusmarkt für Dessous boomt vor allem im arabischen Raum: Victoria’s Secret eröffnet seine ersten Shops außerhalb der USA in Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten – in Ländern, wo der BH in der Öffentlichkeit nach wie vor so unsichtbar ist wie die Frauenrechte.

 

(c) Lotta Kilian

(c) Lotta Kilian

Die blanke Brust als Waffe der Frau. In den letzten Jahren kommt wieder die bloße Brust als Politikum ins Spiel. Die jungen Feministinnen von Femen demonstrieren seit 2010 mit plakativen Obenohne-Parolen wie „Mein Körper – Mein Recht“ auf ihren Brüsten für Frauenrechte und setzen sich medienwirksam in Szene. Den Unterschied zu den frauenbewegten 70er Jahren macht die globale Dimension. Femen lassen ihre Brüste nicht nur für ihre eigenen Rechte, sondern für die Frauenrechte weltweit blitzen. Die mediale Inszenierung sorgt jedoch vor allem in den Ländern für Aufruhr, in denen Frauen noch um viel grundlegendere Rechte kämpfen, als darum, ihren BH ablegen zu dürfen. Frauenrechtlerinnen im muslimischen Raum kritisieren die Femen-Aktionen sogar als kontraproduktiv. Sexismus kann sicher nicht in jedem kulturellem Kontext mit denselben Waffen bekämpft werden. Im westlichen Kulturkreis sind nackte Brüste jedoch schon lange kein Tabu mehr und statt des BHs symbolisieren Silikonbrüste heute das künstlich verformte Schönheitsideal. Der BH ist inzwischen ein Klassiker, der in 100 Jahren alle Höhen und Tiefen der Weiblichkeit durchgemacht hat. 2010 wurden weltweit rund 60 Milliarden Euro für Dessous ausgegeben, ein Viertel davon in der EU. Und während eine Frau vor 60 Jahren im Durchschnitt 1,2 Büstenhalter besaß, sind es heute 15,6. Über die perfekte Passform lässt sich noch immer streiten. Obwohl mehr als die Hälfte der deutschen Frauen den Tragekomfort als wichtigstes Kriterium beim BH-Kauf angeben, kennen laut Umfragen 70 Prozent ihre wahre BHGröße nicht. Vielleicht hat der Büstenhalter nie so gut gepasst, wie damals, als eine junge Frau in New York die Sache selbst in die Hand nahm und mit zwei Seidentüchern das Korsett einfach vom Parkett fegte.

Tina Schraml für das ARTE Magazin

 

ARTE PLUS

DIE AUSSTELLUNG BODY TALKS

„Body Talks – 100 Jahre BH“, heißt die Ausstellung, die seit 9. Oktober und bis 15. Februar 2015 im Museum für Kommunikation in Frankfurt in Kulturpartnerschaft mit ARTE zu sehen ist. Neben der Ausstellung finden auch Workshops, Seminare, Führungen, Abendveranstaltungen und Kinovorführungen statt.

Das gesamte Programm unter: www.mfk-frankfurt.de
ARTE CREATIVE

DESIGN YOUR BRA

Die Geschichte des BHs ist geprägt von Erfindungsreichtum: Ein Thema für ARTE Creative! mit ihren Beiträgen soll eine Onlinekunstgalerie im Netz entstehen. also ran an die Schnittmuster, der Fantasie freien Lauf …

Weitere informationen unter: arte.tv/bh

ARTE Schwerpunkt

 IN HÜLLE UND FÜLLE – DER BH WIRD 100

Dienstag · 11.11.

Busenwunder: Geheimnisse eines herausragenden Körperteils

Wissenschaftsdoku

Freitag · 21.11. · 21.45

Bin ich sexy?

Dokumentarfilm

Freitag · 21.11. · 22.40

Bra Wars: Hollywoods Affäre mit dem BH

Dokumentarfilm

Sonntag · 23.11. · 22.20

Neugierig geworden? Das ARTE Magazin präsentiert jeden Monat alles, was Sie zum aktuellen ARTE TV-Programm wissen müssen. Testen Sie jetzt 2 Ausgaben des ARTE Magazins gratis! Oder entdecken Sie das ARTE Magazin als E-Paper-Version für unterwegs!

Kategorien: November 2014