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Joachim Król – Pedant auf Abwegen

 

c) Z/Georg Nonnenmacher/Majestic

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Ein kleinkarierter Logistiker aus Leverkusen trifft am anderen Ende der Welt auf die große Liebe. Das schräge Roadmovie „Ausgerechnet Sibirien“ im ARTE FilmFestival zeigt Joachim Król von seiner besten Seite: als großartigen Komödianten.

 

Weite Landschaften, Birkenwälder bis zum Horizont, Strafkolonien unter freiem Himmel, unerbittliche Kälte. Das sind wahrscheinlich die Bilder, die unbedarfte Mitteleuropäer als erstes mit Sibirien in Verbindung bringen. Genau diese Klischees geistern wohl auch dem Logistiker Matthias Bleuel, der Hauptfigur in Ralf Huettners Roadmovie „Ausgerechnet Sibirien“ durch den Kopf, als er unverhofft auf Dienstreise ans Ende der Welt geschickt wird. Genauer gesagt: in eine winzige Verkaufsstelle seines Textilunternehmens in der südsibirischen Stadt Kemerowo, wo er ein neues Lieferkettensystem installieren soll. Matthias Bleuel aus Leverkusen, großartig und mit viel Komik dargestellt von Starschauspieler Joachim Król, bedient so einige Klischees vom typischen Deutschen: pedantisch, humorlos, bieder. Seit der Trennung von seiner Frau Ilka (Katja Riemann) fristet er ein ödes Reihenhausdasein und flüchtet, wann immer er kann, in die Welt seiner Fantasy-Hörspiele. Ausgerechnet dieser verdruckste Eigenbrötler also, den alles überfordert, was von seiner Alltagsroutine abweicht, soll sich auf eine Mission begeben, die selbst erfahrenen Weltenbummlern Respekt abverlangen würde – der Kulturschock scheint programmiert.

 

Ein Kleingeist in der großen weiten Welt. Tatsächlich droht die Reise schon bei der ersten Etappe an Bleuels Unbeholfenheit und den ruppigen russischen Sitten zu scheitern. Doch einmal am Ziel angekommen, stellt Bleuel – und mit ihm vermutlich auch so mancher Zuschauer – fest, dass es in Sibirien auch einen Sommer gibt und es dort nicht nur einsam, sondern manchmal sogar ziemlich turbulent zugeht. Zum schicksalhaften Moment wird die Begegnung mit der Sängerin Sajana vom Volk der Schoren, deren Musik ihn tief berührt und buchstäblich aus der Bahn wirft. Um die geheimnisvolle Frau nicht aus den Augen zu verlieren, folgt er ihr spontan bis in die entlegensten Winkel Sibiriens und entdeckt, dass in ihm noch ein ganz anderer Mensch steckt. „Zuallererst hat mich an dieser Geschichte gereizt, dass sie einen Film ohne Mord versprach – äußerst selten! Und dann liegt mir das Komödiantische natürlich“, so Król über seine Rolle. Und so manövriert sich Bleuel erst stolpernd, dann immer zielstrebiger in Situationen hinein, deren bloße Vorstellung ihm noch wenige Tage zuvor den Schlaf geraubt hätte. Diese Konfrontation seiner Figur mit Sibirien ist für Król „eine klassische Fish-out-of-Water-Situation“: „Man setzt jemanden aus Leverkusen in den Flieger und schickt ihn dorthin, wo er glaubt, alles unter Kontrolle zu haben. Aber dort ticken die Uhren und Menschen eben anders.“ Das zeigt sich in den Momenten, wenn es zwischen Bleuel und den resoluten russischen Textilverkäuferinnen kracht. Etwa dann, wenn der überkorrekte und zudem besserwisserische Deutsche der einheimischen Filialleiterin Galina Karpowa erklärt, dass ihr „großes, russisches Herz“ kaum ausreichen würde, um eine Filiale zu leiten. Auch der Dolmetscher, der diese Konfrontationen normalerweise mit falschen Übersetzungen abfedert, kann die Situation nicht mehr retten – eine feuchtfröhliche Party nach russischer Art dagegen schon.

 

(c) Mathias Botor/Majestic

(c) Mathias Botor/Majestic

Weite Landschaft, wilder Dreh. Um möglichst originalgetreu die visuelle Opulenz der Landschaft einzufangen, in die sich Bleuel letzten Endes ebenso verliebt wie in seine schorische Herzensdame, wurde in Russland gefilmt: Spektakuläre Aufnahmen im sommerlichen Zwielicht und eine Kameraführung, die stets das große Ganze im Blick behält, sorgen dafür, dass man als Zuschauer Bleuels Begeisterung für die sibirische Einöde ohne Weiteres nachvollziehen kann. Für das Filmteam bedeutete das, sich neben den üblichen Anstrengungen eines zweimonatigen Drehs einer ganzen Reihe weiterer Herausforderungen zu stellen.

Auch wenn die Dreharbeiten nicht an den Originalschauplätzen stattfanden, sondern weiter westlich in Sankt Petersburg, Murmansk und Karelien, lagen die einzelnen Drehorte immerhin circa 3.000 Kilometer voneinander entfernt. Insgesamt 40 Fahrzeuge waren nötig, um das 120-köpfige Team samt Material zu transportieren. Ähnlich wie die Filmfigur erkundete die deutsch-russische Crew Gegenden fernab der Zivilisation, in denen noch nie zuvor Dreharbeiten stattgefunden hatten. Entsprechend holprig waren die Pisten, die vom Wohnort des Filmteams – „eine Ferienanlage sowjetischen Standards“, wie sich Król erinnert – zum Drehort mitten im Nirgendwo führten. „Wir hatten logistische Probleme, Probleme von A nach B zu kommen. Manchmal fuhren wir zwei Stunden von der Unterkunft bis zum Drehort und abends wieder zwei Stunden zurück“, so Król. Auf kulturell bedingte Missverständnisse stieß man, wenn ein russisches Crewmitglied einen Ort als „ganz in der Nähe“ bezeichnete, man dann aber mit einem halben Tag Autofahrt konfrontiert wurde. Über eine Anekdote lachen die beiden Produzentinnen Minu Barati und Skady Lis bis heute: Als Armin Rohde, Darsteller von Bleuels prolligem Jugendfreund Holger, am Set erscheint – fertig kostümiert in einer Anmutung irgendwo zwischen Mafioso und Zuhälter – ist für die russischen Komparsen sofort klar: Der Produzent ist eingetroffen!

 

Einer, der immer wieder auch anders kann.

Figuren wie Matthias Bleuel hat der 57-jährige Król in seiner bisherigen Karriere schon etliche gespielt. Anfang der 1990er Jahre wurde er durch die Komödien „Wir können auch anders …“ von Detlev Buck und „Der bewegte Mann“ von Sönke Wortmann einem breiteren Publikum bekannt. Gerade die Erinnerung an die Leichtigkeit dieser damaligen Rollen habe in ihm auch die Begeisterung für die Darstellung des Matthias Bleuel in „Ausgerechnet Sibirien“ geweckt: „Das war ein wenig wie eine Reminiszenz an meine Rollen in den Komödien in den frühen 90ern“, äußert sich Król. Aber es wäre ein Irrtum zu glauben, Joachim Król beherrsche nur das komödiantisch-schräge Repertoire – auch als eiskalter Killer (in „Lautlos“, 2004) konnte er überzeugen. In den letzten Jahren hat er das Fernsehpublikum immer wieder als Kommissar begeistert. So spielte er zunächst den venezianischen Commissario Brunetti in der Verfilmung der Donna-Leon-Krimis, dann den Essener Ermittler Lutter in der gleichnamigen ZDF-Serie und zuletzt den griesgrämigen Kommissar Steier an der Seite von Nina Kunzendorf im Frankfurter „Tatort“.

 

Dezent, reduziert – typisch Król. Trotz seines großen Erfolgs liegt Joachim Król der Rummel um seine Person nicht. Er hält sich in der Regel lieber abseits vom roten Teppich. So soll sich der Schauspieler bei einem Pressetermin für den Film „Das Superweib“ lieber mit den Technikern in eine Kneipe abgesetzt haben, anstatt für die Fotografen zu posieren und fehle deshalb auch auf den meisten offiziellen Bildern. Der Bergarbeitersohn aus dem Ruhrpott ist eben kein Mann der Repräsentation, sondern einer des Handwerks – eines Handwerks, das Joachim Król nicht nur in Film und Fernsehen, sondern nach längerer Bühnenabstinenz nun auch wieder an verschiedenen deutschen Theatern ausübt. Seine Figuren verkörpert er wie gewohnt ohne aufgesetzten Klamauk und bleibt dadurch stets glaubwürdig. Das Dezente, Reduzierte ist es, was ihn auszeichnet – typisch Król eben.

 

Eva-Maria von Geldern für das ARTE Magazin

 

 ARTE PLUS

JOACHIM KRÓL

Geboren am 17. Juni 1957 als Sohn eines Bergmanns im nordrhein-westfälischen Herne, studierte Joachim Król Schauspiel an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Er feierte zahlreiche Erfolge in Kino, TV und Theater. Für seine Rollen in „Der bewegte Mann“ und „Wir können auch anders …“ erhielt er jeweils den Deutschen Filmpreis als „Bester Darsteller“

 

Filmografie

Film: „Ausgerechnet Sibirien“ (2012); „Tom Sawyer“ (2011); „Lola rennt“ (1998); „Das Superweib“ (1996); „Der bewegte Mann“ (1994); „Wir können auch anders …“ (1993); Serien: „Tatort“ (2011–2014); „Lutter“ (2007–2010); „Donna Leon“ (2000–2002) (Auswahl)

 

ARTE FilmFestival

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Draußen ist Sommer · Drama

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Mittwoch · 26.11. · 22.40

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Dienstag · 18.11. · 23.35

Venezianische Freundschaft · Drama

Mittwoch · 19.11. · 20.15

Huhn mit Pflaumen · Drama

Mittwoch · 19.11. · 20.15

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Dienstag · 19.11. · 21.50

Glückskind · Drama

Freitag · 21.11. · 20.15

Kurzschluss · Kurzfilmmagazin

Freitag · 21.11. 23.30

Couchmovie · Kurzfilm

Freitag · 21.11. · 00.25

Mehr informationen kurz vor der Ausstrahlung hier

 

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Kategorien: November 2014