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Eine Nacht in Wien

 

(c) avanti media/ Boris Fromageot/Lars Barthel

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„Thank you for the Wurst“

 

Zwei Paradiesvögel treffen aufeinander: Sängerin Conchita Wurst und Modestar Jean Paul Gaultier streifen zwischen Modeschule und Würstlstand für ARTE durch das nächtliche Wien. Vorgeschmack auf die Kultsendung „Durch die Nacht mit …“ am 2. November.

 

Er ist das sympathische Enfant terrible der französischen Modewelt, sie ist die Frau mit Bart, die seit ihrem Gewinn beim Eurovison Song Contest von sich reden macht. Er hat sich einmal als Sänger versucht, sie ist ehemalige Modeschulabsolventin. Als er ihr am Abend des ESC-Sieges Blumen in die Garderobe schickte, war sie „sprachlos“. Jean Paul Gaultier und Conchita Wurst sind zwei, die die Extravaganz erfunden haben. Für „Durch die Nacht mit …“ streifte die androgyne Sängerin mit dem Designer Mitte Juli durch ihre Geburtsstadt Wien. Das Prinzip der Sendung: Zwei Menschen erleben in der Stadt ihrer Wahl eine Nacht en tête-à-tête.

 

Frottee-Nachtwäsche und Champagner. Wenn das Wort Enfant terrible zu einem Designer passt, dann zu Jean Paul Gaultier, denn keiner hat so viele Tabubrüche zu verzeichnen wie er: Ob Unterwäsche als Abendbekleidung oder schwingende Männerröcke – das Spiel mit den Codes und Geschlechterrollen war schon immer sein Thema und verbindet ihn mit Conchita Wurst. Beim ersten Zusammentreffen an diesem Abend trägt sie eines seiner Outfits, einen schwarzen Hosenanzug mit Korsett-ähnlichem Oberteil. Es ist das Markenzeichen von Jean Paul Gaultier, seitdem er für Madonna 1990 das legendäre Korsettkleid mit spitzen BH-Körbchen designte, das ihn schlagartig berühmt machte. Auch dass die langen Beine Conchitas nur spärlich mit Netzstrümpfen bekleidet sind, ist ein Motiv, das bei seinen Kreationen immer wiederkehrt.

 

Conchita Wurst und Gaultier treffen nicht das erste Mal aufeinander: In Paris lief die Sängerin im Juli dieses Jahres für ihn auf dem Catwalk in schwarzem Brautkleid. Und ab November tritt sie im Pariser Kabarett Crazy Horse auf – mit Gaultiers Kostümen. Worauf muss man sich einstellen, wenn zwei Paradiesvögel wie diese die Stadt unsicher machen? Auf Verrücktheit, Spaß – und überraschende Tiefsinnigkeit. Von der Fahrt mit der pittoresken Holz-Tram bis zum luxuriösen Schnitzel-Dinner auf der Donau ist für das passende Ambiente gesorgt. Dekadent beginnt der Streifzug im silberfarbenen Rolls-Royce, erste Station ist das Sisi Museum, wo die Frottee-Nachtwäsche der Kaiserin bewundert wird. Jean Paul Gaultier mit seinem kindlich-neugierigen Naturell ist hingerissen, das Wort „fabuleux“ wird sein treuer Begleiter an diesem Abend sein. Nach einem kleinen Spaziergang durch die mondänen Straßen Wiens steigen beide in die altertümliche rot-weiße Straßenbahn ein, ein Wahrzeichen Wiens. Das Gespräch kommt auf die Kunstfigur Conchita Wurst. Bis zur Künstlerpersönlichkeit, die sie heute ist, sei es ein jahrelanger Prozess gewesen. „Mit 14 begann ich als Dragqueen, habe alles ausprobiert: lange Haare, kurze Haare, blonde Haare …“ Doch irgendwann entschied sich die 1988 als Tom Neuwirth geborene Conchita: „Ich will als bärtige Frau auf die Bühne.“ Wie sie es sagt, erscheint es folgerichtig.

 

(c) avanti media/Boris Fromageot/Lars Barthel

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Nächster Abstecher ist eine Modeklasse der Wiener Universität für Angewandte Kunst. Die Eleven müssen keine Modekenntnisse vorweisen, um hier anzufangen – etwas, das auch Jean Paul Gaultier mit ihnen teilt, der nie eine Modeschule besucht hat. Bis heute sieht er das nicht als Manko: „Die Technik ist wichtig und kann dich weiterbringen – aber man darf seine Vision nicht verlieren.“ Als Sohn eines Buchhalters 1952 in Paris geboren, zieht es ihn früh zur Mode, eine Ausbildung macht er aber nicht. Er verschickt seine Skizzen an viele Modeschöpfer und überzeugt schließlich den französischen Designer Pierre Cardin, bei dem er anheuert.

 

Ein Sieg für alle. Auf dem Weg tiefer in die Nacht hinein wird das Gespräch zurück im Rolls-Royce bei einem Glas Champagner ernster. „Ich hatte das Glück, dass mich meine Eltern von Anfang an akzeptiert haben, wie ich bin“, sagt Conchita Wurst. Auch Gaultiers Erfahrungen mit seinem Comingout sind ähnlich. Es folgt ein Moment der Stille. „Mich interessieren Menschen mit Persönlichkeit, die anders sind.“ Und an Conchita gewandt fügt Gaultier hinzu: „Dein Sieg ist auch unser Sieg.“ Er spricht in diesem Moment für alle Homo- und Transsexuellen, für die Conchitas Sieg ein Zeichen der Toleranz war. Der Abend klingt zu später Stunde aus, an einem Würstlstand mit „Käsekrainern“, Senf und Schwarzbrot. Straßenmusiker mit Geige und Kontrabass singen leise ein melancholisches Lied. „Thank you for the Wurst“, sagt Gaultier vergnügt – und meint nicht nur den Verkäufer am Würstlstand …
Diana Aust für das ARTE Magazin

 

ARTE Kulturdoku

DURCH DIE NACHT MIT… CONCHITA WURST & JEAN PAUL GAULTIER

Sonntag · 2.11. · 00.00

Mehr informationen kurz vor Ausstrahlung hier

 

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Kategorien: November 2014