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Picasso, mein Großvater

 

(c) Time Life Pictures

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Wie schwer wiegt das Erbe, wenn der Großvater Pablo Picasso heißt? Zur Neueröffnung des Picasso-Museums in Paris beleuchtet ARTE einen Tag lang Leben und Werk des weltberühmten Künstlers.
Wir sprachen mit seinem Enkel Olivier Widmaier Picasso.

 

Sein Genie revolutionierte die Kunst des 20. Jahrhunderts, sein Leben glich einem überspannten Liebesroman, sein Erbe umfasst über 60.000 Werke: Pablo Picasso. Mit der lang erwarteten Neueröffnung des Pariser Picasso-Museums am 25. Oktober wird das Werk des Künstlers in neuem Licht erscheinen. In Paris trafen wir Olivier Widmaier Picasso, dessen Mutter Maya 1935 aus der Liaison des Malers mit Marie-Thérèse Walter hervorging. Ein Interview über einen übermächtigen Großvater, dessen bewegtes Liebesleben und ein glanzvolles Erbe, das nicht immer leicht zu tragen ist.

 

ARTE: Sie sagen, für Sie wurde Picasso am 8. April 1973 geboren – an seinem Todestag …

Olivier Widmaier Picasso: Vom Tod meines Großvaters erfuhr ich als Zehnjähriger aus dem Fernsehen. Bis dahin sah ich als Junge zu Hause die Gemälde von Pablo: Meine Mutter trug darauf Nase und beide Augen auf derselben Seite. Das fand ich lustig. Ich hatte diesen Großvater, den ich nie sah und dessen Bedeutung ich nicht kannte. Und plötzlich interessierten sich alle für ihn: die Russen, weil er Kommunist war, die Amerikaner wegen des Kunstmarktes, die Franzosen, weil er in ihrem Land lebte, die Spanier, weil er in Málaga geboren war.

ARTE: Besuchten Sie Ihren Großvater denn nie?

O. Widmaier Picasso: Nein. Meine Mutter Maya war der Ansicht, Kunsthändler und Schmeichler hätten einen Schatten über die letzten Lebensjahre ihres Vaters geworfen. Es hieß auch, seine Tür – er lebte damals in Südfrankreich – blieb allen verschlossen. Tatsächlich wollte er sich nur ganz seiner Arbeit widmen.

ARTE: Wie lebt es sich mit dem Namen „Picasso“?

O. Widmaier Picasso: Mein Name Widmaier Picasso spiegelt meine doppelte Herkunft wider: die meines Vaters, eines Marine-Offiziers, und die meiner Mutter, einer Tochter Picassos. Diesen Namen zu tragen, wirft vor allem eine Frage auf: Ist dieses Kostüm nicht viel zu groß für mich? Der Name ist ein Privileg, bringt aber auch Pflichten mit sich. Man muss dem Mann, seiner Geschichte und seinem Werk Respekt erweisen und ist zu Wahrheit, Gerechtigkeit und Objektivität verpflichtet. Sowohl aus künstlerischer als auch emotionaler Sicht hatte Picasso ein extrem bewegtes Leben. Damit muss man umgehen können. Für mich als Enkel ist es sicher einfacher als für den Sohn. Ich konnte Abstand gewinnen und genieße eine Art Schutz.

ARTE: Picasso hatte vier Kinder mit drei verschiedenen Frauen. Ist seine Geschichte ein extravaganter, vielteiliger Liebesroman?

O. Widmaier Picasso: Ja. Picasso hatte viele Frauen: Fernande, Eva, Olga, meine Großmutter Marie-Thérèse, Dora, Françoise, Jacqueline … Sie machten Picassos Werk erst möglich. Er brauchte sie als Künstler und als Mensch. Sie bezauberten ihn und weckten seine Leidenschaft, doch die Zeit verging, eines Tages kam eine andere … Auch seine Kinder faszinierten ihn, er malte sie. Doch als sie älter wurden, verlor er das Interesse. Aber ich muss sagen, dass er sich immer um seine Familie kümmerte, zumindest finanziell.

Nu couché, 1932 (c) RMN/Succession Picasso

Nu couché, 1932 (c) RMN/Succession Picasso

ARTE: Ist der Name „Picasso“ öffentliches Eigentum?

O. Widmaier Picasso: Acht Museen tragen seinen Namen, Dutzende Schulen, Straßen, U-Bahn-Stationen. Für jeden auf der Welt bedeutet er etwas – sei es ein Junge in Japan, eine Frau auf Hawaii oder ein Künstler in den USA. Nach meinem Großvater, der 1900 zwei Tage lang in einem Waggon der dritten Klasse von Málaga nach Paris fuhr – nach diesem Mann ist heute ein Flughafen in Málaga benannt. Das fasziniert mich noch immer!

ARTE: Der Kunstmarkt regt die Fantasie an, denn es ist einer der letzten nicht regulierten Märkte.

O. Widmaier Picasso: Auf diesem Markt ist Picasso ein Meister! Unter den zehn Werken, für die bei öffentlichen Auktionen am meisten geboten wurde, waren allein drei von Picasso. Ich will nicht zu stolz klingen, aber das Porträt meiner Großmutter wurde im Jahr 2010 für 106 Millionen Dollar verkauft – nur Francis Bacons „Three Studies of Lucian Freud“ wurde 2013 noch teurer bei Christie’s versteigert.

ARTE: Wer interessiert sich am meisten für Picasso?

O. Widmaier Picasso: Den Museen fehlt das Budget. Nur die superreichen Sammler kaufen einen Picasso als Investition, aber vor allem als Vergnügen. Und es gibt die rekordsüchtigen Galeristen: Sie kaufen nicht irgendeinen Picasso, sondern den teuersten, um alle anderen Kunstkäufer zu übertreffen.

ARTE: Was erwarten Sie von der Wiedereröffnung des Musée Picasso in Paris?

O. Widmaier Picasso: Das Museum wird größer und hat nun 34 Räume, das ist immerhin ein Dutzend mehr als vorher. Es berücksichtigt jetzt auch die neue Sicht der Fachwelt auf Picassos Werk. Als das Museum 1985 eröffnet wurde, zeigte es die ersten Jahre des Künstlers: die Blaue und die Rosa Periode und den Kubismus. Nun kommen die späteren Schaffensphasen hinzu. Man sieht Picasso, der mit einem Bein im 19. und mit dem anderen im 20. Jahrhundert steht. Hier wird Picasso neu entdeckt.

ARTE: Man hat Picasso vorgeworfen, ein Genie mit zerstörerischem Geist zu sein. Sie erinnern vor allem an das Genie …

O. Widmaier Picasso: Picasso hat seine Mitmenschen oft gekränkt. Aber die Frauen, die am meisten darunter litten, haben das auch toleriert. Seine frühen Bekanntschaften wie Olga oder Marie-Thérèse haben ihn entdeckt und waren angetan: In einem Porträt verewigt zu werden, ist faszinierend! Die Nachfolgerinnen wussten, worauf sie sich einließen. Für Dora Maar war Pablo die Erfüllung surrealistischer Erwartungen. Françoise Gilot, selbst Künstlerin, fand in ihm ihren Meister. Jacqueline Picasso wusste, dass sie einen Mann mit enormem Ansehen begleiten würde. Die Frauen waren, glaube ich, willige Opfer. Aber Françoise war die einzige, die sagte: „Ich gehe.“ Picassos Antwort: „Einen Mann wie mich verlässt man nicht.“ Darauf sie: „Wait and see.“ Sie war die Einzige, die den Mut dazu hatte. Mit einem Genie zu leben – das ist bestimmt nicht einfach!

Claire Isambert für das ARTE Magazin

 

ARTE PLUS

MUSÉE PICASSO PARIS

1985 eröffnet, beherbergt das Musée Picasso in Paris neben 5.000 Werken und 200.000 Archivstücken auch die persönliche Kunstsammlung des Malers. Diese umfasst 150 Werke anderer Künstler. Am 25. Oktober öffnet das Museum nach langer Renovierung wieder seine Türen

 

ARTE INTERVIEW

OLIVIER WIDMAIER PICASSO

Olivier Widmaier Picasso, 1962 in Marseille geboren, studierte Jura und widmet sich heute u. a. als Filmautor dem Leben und Werk seines Großvaters Pablo Picasso. 2013 erschien sein Buch „Picasso: Portrait intime“ (Verlag Albin Michel) über die Familiengeschichte des Künstlers

 

ARTE THEMENTAG

PICASSO

Sonntag · 26.10.

Picasso im Blick der Fotografen, Kunstdoku · 15.30

Ein Museum für Picasso: Neugestaltung der Pariser Sammlung, Kunstdoku · 15.55

Picasso – Kunst als politische Waffe, Kunstdoku · 17.35

Looking for Picasso, Dokumentarfilm · 20.15

 

 

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Kategorien: Oktober 2014