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Oktoberfest-Attentat

(c) diwa Film GmbH

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Ein Mann gibt nicht auf

 Seit 30 Jahren recherchiert der Journalist Ulrich Chaussy die wahren Hintergründe des Oktoberfestattentats, dem 1980 in München 13 Menschen zum Opfer fielen. ARTE verfilmt erstmals die Ereignisse. Ein Treffen mit Chaussy am Tatort.

 

Der Film hätte das Ende sein können. Der Schlusspunkt hartnäckiger Recherchen. Doch es kam anders. Vielleicht geht es jetzt erst richtig los für Ulrich Chaussy. Das BR-/ARTE-Politdrama „Der blinde Fleck: Das Oktoberfestattentat“ lässt die Spurensuche des Journalisten Chaussy nach den wahren Hintermännern des Oktoberfestattentats von 1980 Revue passieren – und bringt sie gleichzeitig wieder ins Rollen. Die Ermittler ignorierten damals Hinweise, dass Rechtsextremisten an dem Attentat beteiligt waren und schlossen den Fall mit dem Ergebnis ab, es sei die Tat eines Einzeltäters gewesen.

Es ist der 26. September 1980, Freitagabend, 22.19 Uhr, nicht mehr lange, bis die Bierzelte auf dem Münchner Oktoberfest schließen. Da reißt in der Nähe des Haupteingangs eine Bombe in einem Mülleimer 13 Menschen in den Tod. Mehr als 200 weitere werden verletzt, zum Teil schwer – das Oktoberfestattentat ist bis heute der schwerste Terroranschlag, der in der Bundesrepublik verübt wurde.

 

Zweifel von Anfang an. 34 Jahre später: Montagvormittag, zwei Wochen vor Eröffnung der Wiesn 2014. Die Zelte stehen, Lieferanten steuern ihre Lastwagen durch den Haupteingang. Ein paar Meter weiter neben dem rostig-braunen Denkmal für die Toten des Anschlags steigt Ulrich Chaussy von seinem Trekking-Rad. Ein fitter Herr, 64 Jahre, Hemd, Sakko, randlose Brille, Fahrradhelm mit grauem Burberry-Muster. Er kommt gerade von seiner Schicht beim Bayerischen Rundfunk, Senderegie. Die Arbeit, die große Teile seiner Karriere prägte, hat mit diesem Ort hier zu tun. Mit dem Anschlag von 1980.

Bei der Explosion damals starb auch Gundolf Köhler, ein Student aus Donaueschingen. Aufgrund seiner Verstümmelungen war schnell klar: Er musste die Hände an der Bombe gehabt haben. Gundolf Köhler war sofort der Hauptverdächtige und gilt bis heute als Einzeltäter. So steht es auch in den Abschlussberichten der Ermittler. Ulrich Chaussy bezweifelt von Anfang an diese These. Und seine Zweif fel bekommen immer neue Nahrung, je länger er ihnen nachgeht. „Ich bekomme bis heute Hinweise per Post, per Mail, meist nach den Jahrestagen des Anschlags“, sagt er. „Diese Geschichte ruht nie und das zeigt mir: Sie ist noch nicht zu Ende erzählt.“

Für Chaussy beginnt sie 1983 mit einem Radiobericht, in dem er auf die Zweifel eines Opferanwalts hinwies. Bei dem Anwalt hätten sich Zeugen gemeldet, die der Polizei erzählt hatten: Köhler sei nicht alleine in München gewesen und wahrscheinlich auch kein Einzeltäter gewesen.

 

Ulrich Chaussy (Benno Fürmann) (c) diwa Film GmbH

Ulrich Chaussy (Benno Fürmann) (c) diwa Film GmbH

Die bequeme These vom Einzeltäter. Keine 200 Meter entfernt von der Theresienwiese lehnt Ulrich Chaussy sein Fahrrad an einen Zaun vor einem gelben Altbau in der Pettenkoferstraße. Bis zum Ort des Attentats sind es nicht mal 500 Meter. Chaussy blickt nach oben. Mit dem Finger zeigt er auf einen Balkon im zweiten Stock. „Da oben habe ich gewohnt. Aus dem Fenster konnte ich die Fahrgeschäfte der Wiesn sehen.“ Dort oben saß Chaussy 1983 und wühlte sich durch die vielen geheimen Ermittlungsakten, die ihm von Informanten nach seinem Radiobericht zugespielt wurden. „Was ich da gesehen habe und was ich fand, als ich begann, den Aussagen in den Akten nachzugehen – das hat mich vom Hocker gehauen.“ Die Hinweise, dass Köhler kein Einzeltäter ist, sind zahlreich. Chaussy hat darüber berichtet, im Radio und in einem Buch, das 1985 erschien und in einer überarbeiteten Neuauflage im Januar 2014. Es ist die Grundlage für das Politdrama „Der blinde Fleck: Das Oktoberfestattentat“, in dem Benno Fürmann als Ulrich Chaussy nach der Wahrheit sucht und dort genau hinsieht, wo die Ermittler damals wegschauten: bei der Zeugin, die unmittelbar vor der Explosion jemanden von Gundolf Köhler wegrennen sah, nachdem Köhler und dieser Jemand an etwas Weißem gezerrt hatten; bei einer weiteren Zeugin, die nach der Explosion einen Mann in Tatortnähe gesehen hatte, der weinend „Ich kann nicht mehr! Ich wollt’s nicht! Bringt’s mich um!“ gerufen hatte – und für den sich die Polizei in ihren Ermittlungen anscheinend nie weiter interessiert hatte. Und bei dem Zeugen Frank Lauterjung, einem Homosexuellen, der Köhler schon eine halbe Stunde vor der Explosion beobachtet hatte, weil er ihm gefallen hatte. Er berichtete, Köhler mit zwei weiteren Personen gesehen zu haben. Auch nicht detailliert untersucht wurden Köhlers Verbindungen zur rechtsextremen Wehrsportgruppe (WSG) Hoffmann, die in ihren Übungen die Revolution zur Errichtung eines neuen Führerstaats probte und im Januar 1980 vom Bundesinnenminister verboten worden war. WSG-Mitglied Ulrich Behle rühmte sich damals an einer Bar, beim Oktoberfestattentat dabei gewesen zu sein. Später widerrief er das als Aufschneiderei im Suff. Die Ermittler glaubten ihm. Die These vom Einzeltäter war praktisch: Bei der Tat eines Studenten, der aus Frustration handelte, musste sich kein Politiker und kein Staatsschützer kritische Fragen gefallen lassen. Bei einem Attentäter, der mit Unterstützung von Rechtsextremisten aus der WSG Hoffmann gehandelt hat, allerdings schon – vor allem, wenn man wie der damalige bayerische Ministerpräsident und Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß und sein Innenminister Gerold Tandler genau diese Gruppierung stets verharmlost hatte.

Ermittler, die stur eine These verfolgen, gab es nicht nur beim Oktoberfestattentat. Im November 2011 wurde bekannt, dass die Täter der Mordserie der sogenannten Dönermorde nicht aus dem türkischen Drogenmilieu stammten, sondern aus dem rechtsextremen NSU. „Mir kamen diese Nachrichten wie ein Déjà-vu vor“, erzählt Chaussy. Durch die NSU-Entdeckung hat das Oktoberfestattentat eine neue Aktualität bekommen.

 

Das Ende der Geschichte? Zwei Häuser neben seiner alten Wohnung setzt sich Ulrich Chaussy in ein Café. Sängerwarte hieß es, als er hier noch wohnte. Vor ihm liegt altes Recherchematerial: das in eine Schutzhülle eingeschlagene Buch „Das Attentat“ von Hans Langemann aus dem Jahr 1957. Er ist der ehemalige Staatsschützer, der die Ermittlungen damals am aggressivsten in Richtung Einzeltäter lenkte. Auch auf dem Tisch liegt Chaussys Buch. Das hatte ihm zwar Preise eingebracht, verkaufte sich aber schlecht. Chaussy war resigniert. Jetzt aber ist er wieder mittendrin: „Was der Film ausgelöst hat, hatte ich so nicht erwartet, nachdem das Buch in der Sache nichts vorangetrieben hatte.“ Nach der Premiere auf dem Filmfest München 2013 sicherte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann öffentlich zu, darauf einzuwirken, dass das Landeskriminalamt Einsicht in alle Ermittlungsakten gewährt. Und Chaussy arbeitet wieder an einem Dokumentarfilm. 2015 soll er fertig sein, erstmals kommen ein Ermittler von damals und ein Mitglied der WSG Hoffmann zu Wort. Chaussy sagt: „Jetzt kann ich die Geschichte doch noch fortschreiben.

 

Christian Helten für das ARTE Magazin

 

ARTE Politdrama

DER BLINDE FLECK:

DAS OKTOBERFESTATTENTAT

 Freitag · 10.10. · 20.15

 

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Kategorien: Oktober 2014