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Martina Gedeck in „Die Wand“

 

(c) BR

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Martina Gedeck in einer ihrer größten Rollen: Im bildgewaltigen Drama „Die Wand“ kehrt sie ihr Innerstes nach außen – eine Meisterleistung. Wir haben die Schauspielerin in Paris getroffen und über Schmerz und Freiheit gesprochen.

 

Das Tonstudio ist untergebracht in einem Häuschen im Osten von Paris, unweit der Nationalbibliothek. Ein strahlender Sommertag, aber Martina Gedeck sitzt hier im Dunkeln, in einem schalldichten Raum. Der Star des deutschen Kinos trägt Arbeitskleidung; schwarze Hose, grauer Pullover. Die Arbeit ist eine ungewöhnliche: Martina Gedeck synchronisiert Martina Gedeck. Sie spricht die französische Fassung des Films „Die Wand“ des österreichischen Regisseurs Julian Roman Pölsler, in dem sie die Hauptfigur spielt. Tagelang steht sie dafür neben dem Mischpult und korrigiert geduldig kleine Aussprachefehler. Es gibt kein Fenster, dafür eine große Leinwand, auf der langsam Bilder einer Berglandschaft vorüberziehen. An der Betonung von „nuit“ – Nacht – wird gefeilt. „Das klingt noch zu abgehackt”, sagt der Producer. „Machen wir alles noch einmal?”, fragt der Toningenieur.

In dem 2012 auf der Berlinale ausgezeichneten Film spielt Martina Gedeck eine namenlose 40-Jährige, die mit Freunden ein Wochenende in einer Jagdhütte in den österreichischen Alpen verbringt. Eines Morgens vermisst sie ihre Begleiter. Auf der Suche nach ihnen stellt sie fest, dass eine unsichtbare, gläserne Wand sie vom Rest der Welt trennt. Jenseits dieser Wand ist alles Leben erstarrt, diesseits ist die Frau allein – und wird es auch bleiben. Ihre einzigen Gefährten sind die Tiere, die ihr in den Höhen der Alpen zulaufen: ein Hund, zwei Katzen, eine Kuh, später ein Stierkalb.

108 Minuten lang zeigt der Film eine Frau, die größtenteils schweigt. Aber den Bericht, in dem sie ihre Erlebnisse fernab der Zivilisation schriftlich festhält, spricht Martina Gedeck aus dem Off. Ihre Stimme verleiht den Bildern eine schwermütige, rätselhafte Stimmung. Eine andere Synchronsprecherin hätte die Atmosphäre des Films fundamental verändert. Und so hat Martina Gedeck neben der französischen auch die englische Version eingesprochen; dass sie dabei einen Akzent mitbringt, macht das Ganze authentisch.

Der Schmerz ist sehr hell. „Die Wand ist für mich die existenzielle Katastrophe, die über einen Menschen hereinbricht“, sagt Martina Gedeck. Als die Frau im Film die Wand entdeckt, ist ihr früheres Leben beendet, ihre Vergangenheit ausgelöscht. Was tun in einer Welt, in der man der einzige Mensch ist? Ist es das bloße Leben wert, weitergeführt zu werden – ohne Hoffnung auf menschliche Beziehungen? „Langsam fängt die Frau an, nach Strohhalmen zu greifen“, erzählt Martina Gedeck, „sie fühlt sich anfangs wie ein Fremdkörper, aber dann wird sie selbst Teil dieser Natur.“ Zuvor habe die Protagonistin sich fremd gefühlt im eigenen Leben. Doch mit der Zeit verschwindet ihre frühere Welt aus dem Blick. Das Auto, mit dem sie kam, ist an der Wand zu Schrott gefahren, die hohen Absätze und die städtische Kleidung legt sie ab, die Haare werden kurz geschnitten. „Wie bei einer schweren Krankheit wirft sie Ballast ab, aktiviert Urkräfte“, sagt Martina Gedeck. Die Tiere, mit denen die Frau nun ihren Alltag teilt, stehen für diese Urkräfte. Martina Gedecks Stimme aus dem Off begleitet die Protagonistin in ihren Emotionen; sie klingt bedrückt oder besänftigt, so wie es die Alleingelassene im Moment des Niederschreibens ihrer Aufzeichnungen ist. Oft herrscht im Film Stille zu den mal berauschenden, mal albtraumhaften Bildern. Und immer wieder erklingen Violinsolo-Partiten von Bach. „Das ist, als würde die Stille selbst anfangen zu sprechen“, sagt Martina Gedeck.

Die Handlung des Films steuert auf einen Höhepunkt zu, in dem das Schreckliche in die Welt hereinbricht. Die Erzählerin verbringt ihren Sommer mit den Tieren auf der Alm, als aus dem Nichts ein Mann erscheint. Er greift die Tiere an, tötet den Hund und den jungen Stier. In ihrem Entsetzen schlägt die Erzählerin den Eindringling tot. Eine Tragödie, die jedoch kein Endpunkt ist. „Das ist eine Reise aus dem Schatten nach oben, ins Helle, ins Goldene“, sagt die Schauspielerin, „denn auch der Schmerz ist sehr hell.“

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Sie sagt fast kein Wort. Lange bevor Regisseur Julian Roman Pölsler ihr die Rolle in seinem Film anbot, kannte Martina Gedeck den Roman, auf dem der Film basiert. Mit 20 hatte sie ihn als Taschenbuch geschenkt bekommen, in einem Stück durchgelesen und das Beängstigende darin tief nachempfinden können. Schon bei seinem Erschei-nen 1963 erregte das Werk der österreichischen Autorin Marlen Haushofer großes Aufsehen, wurde teilweise stark kritisiert und ist inzwischen in den Kanon der Schullektüren aufgenommen worden. „Das Buch wurde anfangs verstanden als warnendes Fanal“, erinnert sich Martina Gedeck, die Germanistik studiert hat, „es war die Zeit, in der es um die Zerstörung der Welt durch die Atomwaffen ging.“ Häufig wird der Roman auch feministisch gedeutet: Die männliche Energie wird getötet, der Hund, der Stier und der Mann, der als Zerstörer in diese Welt eindringt.

Der Schauspielerin bei der intensiven Arbeit an der französischen Fassung zuzuhören, ist ein Erlebnis. Die Autorin hat ihren Text von innen her geschrieben, und so will Martina Gedeck ihn auch sprechen: „Die Stimme der Erzählerin muss die innere Stimme des Zuschauers werden. Da darf keine Distanz sein, nur dann entwickelt der Film seine Magie. Nur so wird man diesem großen Text gerecht.“ Genauso gründlich, wie sie sich jetzt den Tonaufnahmen widmet, verliefen auch die Vorbereitungen für die Dreharbeiten. Martina Gedeck hat geübt, wie man handschriftlich seitenweise Papier füllt, wie man Heu mäht, wie man mit einer Kuh umgeht. Sie musste die wortlose Kommunikation mit den Tieren lernen. Ähnlich reduziert verlief die Verständigung mit dem Regisseur. Manchmal las Pölsler beim Dreh einfach nur eine Passage aus dem Buch vor. Im Film sagt Martina Gedeck vor der Kamera fast kein Wort. So könne sie sich auf das Wesentliche konzentrieren: „Wenn ich einen bestimmten Gedanken denke, habe ich einen bestimmten Gesichtsausdruck. Herz und Hirn sind die beiden Dinge, die wir fürs Spielen brauchen. Das Sprechen ist oft nur ein Vehikel.“

Hommage an das Leben. Schließlich wird auch das Papier zu Ende sein, auf dem der Bericht geschrieben ist. Abschiede gehören zum Leben, findet Martina Gedeck. Es gebe keinen Tag, an dem man sich nicht von etwas verabschiede. Trotzdem deutet sie „Die Wand“ als Geschichte voller Hoffnung. „Die Frau legt ihre Ängste ab und überwindet schließlich sogar die Trauer“, sagt sie, „deswegen ist der Text eine Hommage an das Leben, ganz im Gegensatz zu dem, was man zuerst denken könnte.“

Denn letztlich handelt der Film auch von einer Befreiung. Zu Beginn, auf der Autofahrt in die Berge, plärrt ein Song aus dem Radio: „Freedom is a Journey, a Journey to Yourself“ – Freiheit ist eine Reise zu dir selbst. Der Text dazu stammt von Regisseur Pölsler und scheint wie ein Prolog zu dem, was kommt. Früher hat Martina Gedeck erklärt, Freiheit sei für sie der größte Genuss. Jetzt ergänzt sie: „Freiheit heißt, dass ich sein kann, wer ich bin, und darin voll und ganz angenommen werde. Nicht eingesperrt von Ängsten, Konventionen, Erwartungen.“

Johannes Wetzel für das ARTE Magazin

 

ARTE PLUS

MARTINA GEDECK

Martina Gedeck, am 14. September 1961 in München geboren, wurde u. a. mit dem Deutschen und dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet. Das Drama „Das Leben der Anderen“, in dem sie die weibliche Hauptrolle spielt, bekam 2006 den Oscar als bester fremdsprachiger Film

Filmografie

„Nachtzug nach Lissabon“ (2013); „Der Baader Meinhof Komplex“ (2008); „Das Leben der Anderen“ (2006); „Elementarteilchen“ (2006); „Bella Martha“ (2001); „Frau Rettich, die Czerni und ich“ (1998); „Das Leben ist eine Baustelle“ (1997); „Der bewegte Mann“ (1994) (Auswahl)

Seit den 1970er Jahren ein Kultbuch: „Die Wand“ war Marlen Haushofers literarischer Durchbruch. Lange galt der Roman als unverfilmbar

 

ARTE Literaturverfilmung

Die Wand

Montag · 6.10. · 20.15

  

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Kategorien: Oktober 2014