25 Jahre Mauerfall
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25 Jahre Mauerfall: Zug in die Freiheit

© MDR / Wolfgang Eilmes

© MDR / Wolfgang Eilmes

 

Zu Tausenden flohen sie in die Botschaft der BRD in Prag. Sie wollten Freiheit – und der DDR den Rücken kehren. Als sie per Sonderzug Anfang Oktober 1989 ausreisen durften, war es der Anfang vom Ende der DDR. Das Dokudrama 25 Jahre nach dem Mauerfall.

Das Ticket für eine Zugfahrt von Prag ins bayerische Hof gibt es heute ab 40 Euro und das Schlimmste, was einem auf der Fahrt passieren kann, ist ein Ausfall der Klimaanlage. Es ist heute kaum vorstellbar, dass eine solche Zugfahrt vor 25 Jahren nur auf Bemühen des Außenministers der Bundesrepublik Deutschland möglich wurde, dass die Passagiere nicht wussten, ob sie jemals in Hof ankommen würden und dass sie trotzdem bereit waren, für diese Fahrt mehr als ein paar Euro zu opfern. Sie waren bereit, ihr bisheriges Leben zurückzulassen, ihre Familien, im Grunde fast alles, was einen Menschen ausmacht – um die DDR zu verlassen. 25 Jahre danach lässt ARTE die Ereignisse kurz vor Mauerfall in einem bewegenden Dokudrama aufleben.

August 1989, Prag: Seit Wochen suchen immer mehr Bürger der DDR Zuflucht in der westdeutschen Botschaft. Es sind erst Hunderte, es werden Tausende. Von außen sieht das aus wie ein improvisierter Festivalzeltplatz, innen leiden mit dem Ansturm und der Zeit zunehmend die sanitären Verhältnisse. Unter den Flüchtlingen befindet sich Christian Bürger, der wegen eines Fluchtversuchs im Gefängnis gesessen hatte. Eine Freundin von ihm war zuvor in den Westen geflohen, Bürger hatte ihr gesagt, er werde bald nachkommen. Entweder sei er dann tot oder auch drüben im Westen:

„Ich hatte keine andere Wahl mehr. Ich hätte in der DDR durch politische Haft und wegen meiner drei Jahre Bewährung keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen, ich hatte keine Perspektive, dort jemals ruhig und glücklich zu werden. Ich wusste, dass ich beobachtet wurde, ich wusste, dass einmal in der Woche meiner Firma ein Bericht über mich erstellt wurde – die Mitarbeiter hatten Angst, mit mir zu reden, weil sie fürchteten, dann selbst in den Fokus der Stasi zu geraten. Als ich den Satz zu meiner Freundin gesagt hatte, war ich an diesem Punkt: Entweder ich schaffe das irgendwie oder sie müssen mich erschießen. Zurück ins Gefängnis wollte ich auf keinen Fall.“

Die DDR steckt im Herbst 1989 in einer tiefen Krise, Oppositionsbewegungen werden unterdrückt, Wahlen gefälscht, ab Mai beginnt eine erste Ausreisewelle nach Ungarn. Als Christian Bürger im Juni an der Prager Botschaft ankommt, geht er zum Pförtner und sagt: „Mein Name ist Christian Bürger, ich komme aus der DDR und ich gehe hier nicht wieder weg.“ Drei Monate später, Ende September, fährt Frank Elbe in einem Streifenwagen mit Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher durch New York. Elbe, seinerzeit Büroleiter Genschers, hat am Rande einer UN-Vollversammlung den Auftrag erhalten, ein Gespräch mit Eduard Schewardnadse anzuberaumen, dem Außenminister der Sowjetunion. Er bekommt einen Termin, nur 20 Minuten später findet das Treffen statt. Im Anschluss reisen Genscher und Elbe direkt nach Prag, wo sie am Abend des 30. September eintreffen. Auf dem Balkon spricht Genscher 14 Worte, die Weltgeschichte wurden: „Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“ Jubel, Schreie, eine Eruption der Freude. Weniger bekannt ist, was unmittelbar auf den Jubel folgte. Genscher musste den rund 4.000 Botschaftsflüchtlingen erklären, dass ihre Ausreise nur per Zug über das Gebiet der DDR erfolgen kann – das war, auf Honeckers Betreiben, die Bedingung für die Ausreisegenehmigung gewesen. Elbe erinnert sich, wie nach dem Jubel „ein tausendkehliges Nein“ zum Balkon schallte.

„Wir waren darauf vorbereitet, dass die Reaktion so sein würde, und wir hatten das auch vorher durchgespielt. Wir wussten, dass wir mit den Leuten nicht einfach reden konnten, wir mussten sie mitreißen. Die Rede von Genscher begann um 18:58 Uhr und es muss so 20 Minuten vorher gewesen sein, als wir im privaten Bereich des Botschafters beisammen saßen. Genscher sagte: ,Ich rede die mal an mit liebe Landsleute.‘ Da stutzten erstmal alle, aber dann wurde genickt. Wir haben darüber diskutiert und uns dann dafür entschieden, es war ja eine Provokation, aber es war eben auch Teil der Strategie, Vertrauen zu gewinnen.“

Christian Bürger ist skeptisch. Er traut der DDR und ihrer Führung keinen Mikrometer mehr über den Weg. Andererseits: Seine Ehe ist kaputt, er hat daheim im Erzgebirge keine richtige Wohnung mehr, nur eine ohne Heizung und Wasser war ihm zuletzt zugewiesen worden. Die Ausreise ist ein Risiko, aber Bürger ist nicht allein. Mit ihm reisen 800 Flüchtlinge im ersten Zug in die Freiheit, weitere folgen.

„Wir waren zwar verängstigt, als wir hörten, dass die Züge durch die DDR fahren, da war schon eine Unsicherheit bei allen zu spüren. Aber da war auch der Gedanke: Mensch, wenn sie uns wirklich aus den Zügen holen wollen, dann sind wir immer noch viele. 800 Leute können sie nicht einfach so rausholen, und wir hatten eine Zusage der Bundesregierung, deren Mitarbeiter jeden Zug begleiteten, das war eine Rückendeckung, die uns sehr viel Kraft gegeben hat.“

Im dritten Zug reist auch Frank Elbe Richtung Hof. In diesem sei die Stimmung ungewöhnlich ausgelassen gewesen, „fast wie nach einem gewonnenen Bundesligaspiel“, und die Unterwegshalte sind für Elbe zu Schlaglichtern der Erinnerung geworden. Er erinnert sich an Bratislava und Bad Schandau, wo sich DDR-Bürger am Bahnhof spontan zum Einsteigen entschieden, teilweise blieb ihnen für die Lebensfrage, das Land zu verlassen oder eben nicht, nur 30 Sekunden Zeit. An Reichenbach, wo den Passagieren von DDR-Beamten die Ausweise abgenommen wurden und sie als Staatenlose trotzig ihr letztes Geld aus dem Fenster warfen. An die Gleisarbeiter und den Reichsbahner, die, ebenfalls in Reichenbach, ihre Helme und Mützen abnahmen zum stillen Geleit für den davonfahrenden Zug. Für Frank Elbe bleibt diese Reise ein messbarer Höhepunkt einer diplomatischen Karriere. Schwerer zu messen ist dagegen, was diese Reise für Christian Bürger bedeutet, der nach der Ankunft in Hof bayerischen Boden küsste:

„Das war für alle Flüchtlinge ein zweiter Geburtstag. Wir waren 4.000 Menschen gewesen in Prag, jeder hatte ein anderes Schicksal, aber die gleichen negativen Erfahrungen mit dem System. Wenn man heute so gemütlich dasitzt und sich überlegt, was man alles damals durchgestanden hat, dann ist das schon der Wahnsinn. Alle fünf Jahre werde ich seitdem in die Prager Botschaft eingeladen und jedes Mal wieder bin ich emotional gefangen und psychisch ein bisschen kaputt danach. Ich habe auch diesen Nach-Wende-Kater nicht, weil ich wirklich selbst gekämpft und gebüßt habe für, das klingt immer so pathetisch, aber ja: für Freiheit. Darum ging es, und in dem Moment kam sie und das erlebt man nur einmal.“

Cornelius Pollmer für das ARTE Magazin

 

ARTE-Gastautor

Cornelius Pollmer ist Korrespondent der „SZ“ für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen

 

ARTE PLUS

Herbst 1989

28.2. Die ungarische Regierung beschließt den Abbau der Grenzanlagen zu Österreich

17.8. Ab Juni suchen DDR-Bürger Zuflucht in der westdeutschen Botschaft in Prag, die erste große Flüchtlingswelle erreicht die Botschaft am 17.8. und bringt sie an ihre Grenzen

22.8. Mittlerweile sind 4.000 Flüchtlinge in der Botschaft in Prag; zeitweise muss sie für den Publikumsverkehr geschlossen werden

4.9. Erste Montagsdemo in Leipzig. 1.200 Menschen fordern vor der Nikolaikirche unter anderem Reisefreiheit und Demokratie

30.9. Bundesaußenminister Genscher verkündet den Flüchtlingen in der westdeutschen Botschaft in Prag, dass sie ausreisen dürfen

3.10. Um die Ausreisewelle zu stoppen, hebt die DDR den pass- und visafreien Verkehr in die CˇSSR auf

9.10. „Tag der Entscheidung“: 70.000 Menschen demons-trieren in Leipzig friedlich für Reformen. Die Staats-macht greift nicht ein

9.11. Die Mauer fällt. Auslöser ist die Verkündung einer neuen Reiseregelung durch das SED-Zentralkomitee auf einer Pressekonferenz

 

ARTE Schwerpunkt

25 Jahre Mauerfall

Dienstag · 30.9.

Zug in die Freiheit – Dokudrama · 20.15

Die Schuld der Anderen: Das Erbe der Stasi – Dokumentarfilm · 21.55

Mehr Infos kurz vor Ausstrahlung: arte.tv/mauerfalll

Weitere Sendungen im Oktober und November

 

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Kategorien: September 2014