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Rolling Stones – Unzensiert

Rollingstones

© Rolling Stones Archive

 

Diese Bilder haben selbst Rolling-Stones-Experten noch nie gesehen: Brett Morgen erzählt in einem einmaligen Filmporträt mit bisher unveröffentlichten Aufnahmen die Geschichte der größten Rockband der Welt. Der Filmemacher im Interview.

Wer meint, nach über 50 Jahren Erfolgsgeschichte der Rolling Stones sei alles geschrieben und verfilmt, der irrt sich: Für seinen Dokumentarfilm „The Rolling Stones – Crossfire Hurricane“ holte Brett Morgen wahre Juwelen aus den Archiven der Welt. Etwa die Hälfte des Films besteht aus bisher unveröffentlichten Szenen. Der Titel „Crossfire Hurricane“, entlehnt aus dem Hit „Jumpin’ Jack Flash“, spiegelt vor allem die schnellen Schnitte intimer Bilder aus dem aufwühlenden Leben der Band wider, die wie ein Sturm über den Zuschauer hereinbrechen. Im Interview erklärt Brett Morgen, wie er an das exklusive Material herangekommen ist, das uns den Mythos Rolling Stones ein bisschen näher bringt.

ARTE: Mister Morgen, den ersten Satz in Ihrem Film sagt Ron Wood: „Eine gute Geschichte sollte niemals von der Wahrheit ruiniert werden.“ Haben Sie die wahre Geschichte der Rolling Stones erzählt?

Brett Morgen: Die Wahrheit ist, dass niemand die Wahrheit kennt. Ich bin Filmemacher und kein Historiker. Fakten sind wichtig für Zeitungen, aber nicht für das Kino. Es geht darum, Fakten zu trans-zendieren, den Mythos erlebbar zu machen.

ARTE: Wovon handelt Ihr Film, wenn nicht von der Wahrheit?

Brett Morgen: Er zeigt, wie die Stones respektabel wurden. Als sie erstmals 1962 auftauchten, waren sie harmlose Halbwüchsige aus einem Vorort von London. Sie waren genau wie die Beatles, nur ohne die schillernden Anzüge. Die ihnen zugedachte Rolle als böse Jungs spielten sie zu gut. Ihnen drohten langjährige Haftstrafen wegen Drogenbesitzes. Ihr Trick war, dass sie trotz äußerer und innerer Spannungen nie aufgehört haben zu arbeiten – an ihrer Kunst, aber auch an sich. Der Film endet damit, dass Keith Richards endlich versucht, sein Drogenproblem in den Griff zu bekommen. Damit waren die Weichen für eine Zukunft gestellt, wie wir sie gerade erleben. Die Stones sind eine Familienband.

ARTE: Was hat Sie zu diesem Film inspiriert?

Brett Morgen: Mick Jagger, er hat mich motiviert. Ich bin eigentlich Werbefilmer, aber ihm gefiel meine Handschrift. Mick Jagger wurde Hauptproduzent, Keith Richards, Charlie Watts und Ron Wood waren ausführende Produzenten. Ex-Stone Bill Wyman war unser historischer Berater.

ARTE: Sie haben alle Bandmitglieder interviewt?

Brett Morgen: Ja, in mehreren Sitzungen in New York und London, alle getrennt voneinander. Ich habe 80 Stunden lang Gespräche geführt, es waren die längsten Interviews, denen die Band jemals zugestimmt hat.

ARTE: Sie haben die Interviews nicht gefilmt …

Brett Morgen: Ich wollte keine Kameras, Interviews müssen so intim wie möglich sein. Das geht nicht, wenn Sie eine zwölfköpfige Filmcrew dabei haben. Hinzu kommt, dass ich nicht ein paar Typen um die 70 zeigen wollte, die sich an ihre Jugend erinnern. Ich wollte ihre Stimmen über die Bilder aus der Vergangenheit legen. Es gibt am Anfang diesen Kunstgriff, dass die gereiften Stones in den USA in ein Flugzeug steigen und als junge Männer in England wieder aussteigen. Ich stelle sie als böse Jungs vor und schicke sie zurück in eine Zeit der Unschuld.

ARTE: Viele Szenen im Film haben selbst Stones-Experten noch nie gesehen. Woher kommt das exklusive Material?

Brett Morgen: Aus aller Welt. Wir haben sämtliche Archive in fast allen Ländern der Erde durchstöbert. Die wahren Juwelen waren im Archiv der Rolling Stones außerhalb von London vergraben. Es gab über die Jahre zahlreiche Dokumentationen über die Stones und wir konnten auch das Material sichten, das damals nicht verwendet worden war. Zu „Charlie is my Darling“ von 1965 existieren mehr als 20 Stunden Filmmaterial, bei „Cocksucker Blues“ von 1972 sind es 14 Stunden. Ungefähr die Hälfte meines Films besteht aus Material, das kein Mensch je zuvor gesehen hat.

ARTE: An einer Stelle erfahren die Stones, dass Brian Jones im Pool ertrunken ist. Wir sehen Mick Jagger und Keith Richards – in einer der ergreifendsten Szenen – ins Leere starren. Ist das authentisch?

Brett Morgen: Mich interessiert nur, ob es emotional authentisch ist. Sicherlich war keine Kamera dabei, als die Stones vom Tod Brian Jones’ erfuhren. Wenn ich eine solche Geschichte erzähle, suche ich nach Bildern, die das Gefühl dieses speziellen Moments einfangen. Wahrscheinlich hören sie sich in dieser Szene nur ganz versunken einen Song an, aber es sind die richtigen Bilder.

ARTE: Eine andere Schlüsselszene zeigt das Konzert in Altamont 1969 in den USA, bei dem Mitglieder der Hell’s Angels als Ordner engagiert waren und vor der Bühne einen Zuschauer erstachen. Unter die Bilder haben Sie einen Hall gelegt und den Originalton ins Unheimliche verzerrt. Warum?

Brett Morgen: Das Konzert wurde für den Dokumentarfilm „Gimme Shelter“ (1970) gefilmt, ein echter Klassiker. Unser Ziel war es, Altamont durch die Augen der Band zu zeigen. In „Gimme Shelter“ kommt das nicht wirklich rüber. Wir haben das Material aus dem dokumentarischen Zusammenhang gelöst und in einen subjektiven Raum überführt. Dazu war dieses Dröhnen sehr wichtig, das wir unter die Bilder gelegt haben.

ARTE: Zugleich sieht man, kurz vor dem Mord, einen Hell’s Angel in Zeitlupe grimassieren, was sehr bedrohlich wirkt.

Brett Morgen: Die Gefahr war real und auch die Band war in ernster Gefahr. Und dieser Typ, den wir in einem Outtake entdeckten, bereitete mir Gänsehaut. Es war der Moment, der das Ende des „Sommers der Liebe“ markiert. Dabei waren die Stones alles Mögliche, aber niemals Blumenkinder.

ARTE: An anderer Stelle spielen die Stones „Satisfaction“ und Sie unterlegen es mit alten Werbefilmen.

Brett Morgen: Die Stones haben sich immer gegen die Konsumkultur gewehrt. Zugleich sind sie selbst zum Produkt der Konsumkultur geworden.

ARTE: Hat die Arbeit an diesem Film Ihre Einstellung zur Band verändert?

Brett Morgen: Ich mochte ihre Musik immer, kannte aber ihre Geschichte nicht. Mich hat beeindruckt, dass sie das alles überlebt haben. In der Geschichte der Menschheit gibt es niemanden, der jemals vor einem so großen Publikum gespielt hätte. Sie sind seit über 50 Jahren die größte Band der Welt und werden wahrgenommen wie griechische Götter. Und sie sind doch, wenn man sie trifft, wie die großen Brüder oder Onkel, die man gerne gehabt hätte.

Arno Frank für das ARTE Magazin

ARTE INTERVIEW

Brett Morgen

Der US-amerikanische Dokumentarfilmer und Produzent erhielt mit seinem ersten Film „On the Ropes“ (1999) über Boxer in Brooklyn eine Oscarnominierung. Sein Dokumentarfilm „The Kid Stays in the Picture“ (2002) über den Paramount-Filmproduzenten Robert Evans feierte 2002 Premiere in Cannes

ARTE Dokumentarfilm

The Rolling Stones – Crossfire Hurricane

Samstag · 6.9. · 21.45

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Kategorien: September 2014