GESELLSCHAFT

Heimatlos

 

(c) Martin Middlebrook

(c) Martin Middlebrook

 

Mehr als 50 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. In einem einmaligen Projekt zeigt ARTE
vier Monate den Alltag der Vertriebenen in verschiedenen Flüchtlingslagern der Welt:
in Nepal, im Irak, im Libanon und im Tschad.

 

Über 20 Jahre leben manche Menschen schon dort, Frauen gebären Kinder, denen das Wort Freiheit nichts mehr sagt: Das Flüchtlingslager Beldangi in Nepal wurde 1992 vom UNHCR (Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen) aufgebaut. Seither leben dort bhutanische Flüchtlinge, die aus ethnischen Gründen vertrieben wurden. Bis 2017 sollen sie in Drittländer umgesiedelt werden, viele Lager sind schon geschlossen. In Nepal beginnt das vierteilige Multimedia-Projekt „Refugees“, das ARTE von September bis Dezember zeigt. Pro Monat reisen je ein Regisseur, Fotograf, Zeichner und Schriftsteller in ein Flüchtlingscamp. Ihre Videos, Fotos, Comics und Texte zeigen, wie sie den Alltag dort erleben. Autorin Fatou Diome berichtet für ARTE aus Nepal. Ein Auszug ihrer Texte.

Erster Tag im Flüchtlingslager Beldangi. Bei unserer Ankunft in Damak, einer Stadt in der nepalesischen Region Thapa, waren von den sieben verzeichneten Lagern nur noch zwei übrig: das in Beldangi und das in Sanischare. Nach den Unterlagen des UNHCR zählten die beiden Lager am 31. August 2013 noch 26.829 bzw. 7.479 Flüchtlinge. Da ich wusste, nach welch strengen Kriterien der Flüchtlingsstatus hier vergeben wurde, konnte ich mir denken, dass diese Menschen von einer schrecklichen Tragödie aus ihrem Heimatland vertrieben worden waren. Doch welche? (…) Im Namen einer nationalen Integrationspolitik habe die bhutanische Regierung ihre Bevölkerung „ethnisch homogenisiert“ und Angehörige ethnischer Minderheiten (Lhotshampas, Sharchhops …) und der nepalesischen Kultur des Landes verwiesen. Von den 800.000 betroffenen Personen, also einem Sechstel aller Bhutaner, flohen etwa 100.000 nach Nepal, wo ihre Vorfahren herkamen. Leider betrachtete Nepal diese außerhalb ihrer Grenzen geborenen Menschen aber als Ausländer, verweigerte ihre Aufnahme und stellte ihnen lediglich etwas Land für provisorische Lager zur Verfügung, wie es die Internationale Konvention vorschrieb. (…) Das Neuansiedlungs-programm war nunmehr ihre einzige Chance, wieder eine Bürgerehre zu erlangen, irgendwo anders auf der Welt. Viele ihrer Verwandten waren bereits abgereist.

Einladung zum Essen. Das Welternährungsprogramm sieht 2.100 Kalorien pro Tag und pro Flüchtling vor, in Beldangi wie anderswo. Es gibt spezielle Programme für Schwangere, Kranke und Kinder. Dennoch zeigen diese bezifferten Einschätzungen dessen, was einen Menschen am Leben hält, der zudem noch von anderen abhängig ist, wie prekär das Leben der Flüchtlinge war. Jeder von ihnen erhält am Tag: 400 Gramm Reis, 60 Gramm Linsen, 25 Gramm Pflanzenöl, 20 Gramm Zucker, 7,5 Gramm Salz und andere Kleinigkeiten. Seit ich diese Liste in der Hand gehabt hatte, fragte ich mich, wie man aus diesen paar Zutaten ein schmackhaftes Gericht zubereiten konnte. (…) Bei meinem Besuch drückten sie mir, kaum hatte ich mich hingesetzt, einen erstaunlich bunten Teller in die Hand: ein paar Linsen, Kartoffelmus mit Curry, Safranreis und zwei pikante Krapfen waren dort arrangiert. (…) Während sie mich heranwinkten, schnürte mir der Gedanke, ihnen auch nur einen Krümel ihrer mageren Vorräte wegzuessen, die Kehle zu. Doch ihr Lächeln verlangte keine Berechnungen, sondern gegenseitige Anerkennung: Ich war zu ihnen gekommen und sie schenkten mir ihre Gastfreundschaft, die so selbstverständlich war, dass ihr nicht einmal die Armut im Weg stehen konnte. Eine gestopfte Entenleber bei Herrn Vonundzu hätte mir nicht mehr Freude gemacht. 

(c) Martin Middlebrook

(c) Martin Middlebrook

Besuch in der Schule. Die Klasse war voll und arbeitsam. Der Lehrer musste nie etwas wiederholen, und die Schüler antworteten prompt, wenn er sie bat, etwas vorzulesen oder an die Tafel zu gehen. (…) Anwesend waren die Kinder jeden Tag. Warum auch nicht? In einem Flüchtlingslager kämen Schulschwänzer sowieso nicht weit. Im Übrigen war der große, grüne Schulhof, wo sie rannten und spielten, eine befreiende Abwechslung zu den engen Unterkünften. (…) Eine Sozialarbeiterin vom Kinderschutz hatte mir erzählt, dass die Analpha-betenrate unter den erwachsenen Flüchtlingen zwar sehr hoch, die Kinder zwischen sechs und 18 Jahren jedoch alle schulpflichtig waren. Viele Jugendliche brachen die Schule allerdings zwischen 13 und 17 Jahren ab, da es sich auf so engem Raume schlecht lernen ließ; besonders, wenn die Eltern drogen- oder alkoholsüchtig waren. Was konnte man gegen diese vorzeitigen Schulabbrüche tun? Suchte die Verwaltung nach Lösungen? (…) Bäuche zu füllen, war wichtig, aber nur wenn man auch die Köpfe füllte, gab man den Kinder die Chance, selbst ein erfülltes Leben zu führen.

Gespräch mit einer jungen Mutter. Eines Tages gewährte mir eine junge Mutter auf der Treppe vor der Krankenstation einen kurzen Wortwechsel. Sie verließ gerade die Sprechstunde mit ihrer zehn Monate alten Tochter, die seit drei Tagen Fieber hatte. „Ich heiße Krishna“, sagte sie, während sie ihrer Kleinen über den Kopf strich. „Und meine Tochter heißt Krinjal.“ „Hübsch ist sie! Und ihr Name auch“, gratulierte ich und fragte dann: „Was soll sie denn einmal werden?“ „Ärztin!“, erklärte sie, als habe sie diese Frage schon seit Langem geklärt. „Und warum?“ „Weil das nichts kostet – sie lernt einfach von den Leuten, die uns hier behandeln. Und die brauchen sich dann nicht mehr um uns zu kümmern, denn das macht sie!“

Die Ältesten des Lagers. Ja, Träume öffnen alle Türen – doch die Realität gibt ihre wenigen Schlüssel nur ungern heraus. Und das wussten die Weisen des Lagers nur zu gut. Zu diesen gehörte auch der alte Dinawnath Narawla. (…) Der ehemalige Landwirt, der seine Vorrats-kammer stets allein gefüllt hatte, konnte die Abhängigkeit von einem humanitären Hilfsprogramm nur schwer ertragen – und noch weniger den Gedanken daran, sein Leben weit weg von seinem Heimatland zu beenden. Der sanfte Klang seiner Stimme änderte sich kaum, aber der dünne Schleier vor seinen Augen strafte sein Lächeln Lügen. „Da drüben werde ich sein wie ein Tier im Käfig“, prophezeite er. „Wer gibt einem alten Mann wie mir denn noch Arbeit? Ich werde von morgens bis abends zu Hause bleiben. Und dann? Das soll dann das neue Leben sein? Nein, für Leute wie mich war das Leben zu Ende, als man uns aus Bhutan vertrieb. Zurückkehren kann ich nicht und wenn meine Söhne nicht wären, würde ich einfach sterben.“

Tag der Abreise. Hindus, Buddhisten, Christen und Moslems – in allen Kirchen besang man einen gütigen, barmherzigen Gott; doch wie sollten sie ihn kennen, wenn ihr Alltag nur aus Kummer bestand? Astahfiroulah! [Allah verzeih mir!, Anm. d. Red.] Und grenzt diese Frage nicht an Gotteslästerung, wenn ihr Leben darin bestand, eine Tragödie zu ertragen, von der sie nicht wissen, wann sie zu Ende geht?

Als ich abfuhr, hatte ich keine Ahnung, wie lange sie noch in diesem No Man’s Land ausharren mussten, in dem ihre Rechte von hohen Gitterzäunen begrenzt wurden.

 

ARTE GASTAUTORIN

FATOU DIOME

Die Schriftstellerin Fatou Diome, 1968 im Senegal geboren, feierte mit ihrem Debütroman „Der Bauch des Ozeans“ (2003) großen Erfolg; in Deutschland erhielt sie den ökumenischen LiBeraturpreis (2005); für „Celles qui attendent“ – ein Buch über illegale Einwanderer – erhielt sie den französischen Prix Solidarité (2012). Hier geht es zum kompletten Bericht 

ARTE FOTOGRAF

MARTIN MIDDLEBROCK

Der Fotojournalist Martin Middlebrook, 1967 in Lincoln in England geboren, begann als Natur-fotograf. Für seine Afghanistan-Reportage erhielt er 2012 unter anderem zwei lobende Erwähnungen beim International Photography Award. Für ARTE fotografierte er den Alltag im Flüchtlingslager in Nepal. Hier geht es zur kompletten Fotostrecke  

ARTE COMICZEICHNER

NICOLAS WILD

Der Comiczeichner Nicolas Wild, 1977 im Elsaß geboren, reiste für ARTE nach Nepal und illustrierte den Alltag der bhutanischen Flüchtlinge: Viele verkraften das Leben im Flüchtlingscamp nur schwer – Drogenmissbrauch und Suizidversuche sind an der Tagesordnung. Hier geht es weiter zum kompletten Comic

 

REFUGEES- GEHEN SIE AUF REPORTAGE

NewsgameMit einem neuen Format macht ARTE das Schicksal von Flüchtlingen greifbar. Werden Sie selbst zum Reporter und berichten Sie über den Alltag in Flüchtlingscamps in Nepal, im Irak, im Libanon und im Tschad. Realisieren Sie im ARTE-Newsgame Refugees Ihren eigenen Multimedia-Beitrag: Bei virtuellen Camp-Besuchen und Begegnungen mit Flüchtlingen, Hilfsorganisationen und Behörden wählen Sie Sequenzen aus, die Sie zu einem Film zusammenbauen. Die Journalistin Andrea Fies gibt Ihnen Aufgaben und entscheidet, ob Sie ins nächste Level, also ins nächste Camp kommen. Ihre Reportage wird im Anschluss auf der ARTE-Website veröffentlicht.

Los geht es mit dem ersten Level im Flüchtlingscamp in Nepal am 13.9. Es folgt ein Camp pro Monat bis Dezember unter arte.tv/fluechtlinge

 

 

ARTE SCHWERPUNKT

REFUGEES!

ARTE REPORTAGE

NEPAL, Lager Beldangi

„Let My People Go“ von Régis Wargnier – Samstag · 13.9. · 17.10

„Auge um Auge“ Beitrag über den Fotografen Martin Middlebrook – Samstag · 20.9. · 17.10

„Wort für Wort“ Interview mit der Autorin Fatou Diome – Samstag · 27.9. · 17.10

 

IRAK, Lager Kawergosk

„Die verlorene Zeit“ von Pierre Schoeller – Samstag · 11.10. · 17.10

„Auge um Auge“ Beitrag über den Fotografen Reza – Samstag · 18.10. · 17.10

„Wort für Wort“ Interview mit dem Autor Laurent Gaudé – Samstag · 25.10. · 17.10

 

Im November und Dezember geht es weiter:

LIBANON, Lager Burj Barajneh

TSCHAD, Lager Bredjing

Fur mehr Informationen kurz vor der Ausstrahlung hier klicken 

 

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Kategorien: September 2014