TYPISCH FRANKREICH
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Ein Land aus dem Takt

 

(c) Drushba Pankow

(c) Drushba Pankow

 

Die Franzosen sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Im September wird eine heilige Kuh geschlachtet,
die in Europa sonst niemand besaß: der unterrichtsfreie Mittwoch.

 

Wussten Sie’s? Das Französische hat kein Wort für Ganztagsschule. Weil es gar keine andere gibt. Schon die Dreijährigen haben die längsten Schultage in Europa – bis 16.30 Uhr. Seit Jahren ermahnen deshalb Kinderärzte, Eltern- und Lehrerverbände die Politiker: Tut etwas gegen die Dauererschöpfung! Jetzt endlich ist es so weit: Präsident Hollande hat einen Plan: einen Stundenplan. Ganz neu, für alle Vor- und Grundschüler der Nation, bis ins hinterste Pyrenäendorf: Der bisher freie Mittwoch wird ab September zum Schultag, auch für die Kleinen! Aber nur ein bisschen – bis halb zwölf. Merkwürdige Logik? Nein. Dafür sind die Kinder doch ab sofort jeden Tag eine Dreiviertelstunde früher fertig, sodass die Rechnung wieder stimmt.

Aber genau da wird’s kompliziert … Der Mittwoch nämlich sorgte seit Langem für Ruhe im nationalen Getriebe. Nachdem der laizistische Staat 1881 die Ganztagsschule eingeführt hatte, verkündete er der Kirche: Schule ist eine öffentliche Aufgabe! Gebetet wird bitteschön woanders – und an einem anderen Tag! Dieser schulfreie Donnerstag, seit 1972 der Mittwoch, blieb bis zuletzt eine heilige Kuh in der überladenen Vier-Tage-Woche. Das ganze Land wusste: Mittwochs sind die Kleinen los. Nach dem Ausschlafen, versteht sich. Malen und Musik, Turnen und Töpfern – für arbeitende Eltern ein logistisches Kunststück. Doch mit Babysittern, Freunden, Großeltern, Nachbarn – man richtete sich irgendwie ein. Und viele machten den Mittwoch mit einer 80-Prozent-Stelle zum Familientag. Ansonsten konnten beide Eltern arbeiten, denn auch Unterrichtsausfall existiert in Frankreich nicht einmal als Wort und zwischen halb fünf und sechs gab es ja noch die „Garderie“, den Hort. Der existiert noch immer, aber: Die Schule ist jetzt um 15.45 Uhr aus. Aber was sollen die Kinder dann noch bis sechs Uhr in der Schule machen?, fragen sich Eltern. Und wer soll das bezahlen? Genau deshalb machen auch die Bürgermeister mobil – bis hin zum Hungerstreik. Denn sie müssen den Hort finanzieren und über die 50 Euro pro Kind lachen, mit denen der Staat für eine Freizeitaktivität pro Woche winkt. Ein Witz! Und warum gelten eigentlich für manche Gemeinden plötzlich Ausnahmeregelungen?

Vorbei ist’s mit der berühmten Égalité, vor allem auf dem Land. Das Zukunftsszenario: Reiche Kommunen locken mit kreativen Angeboten, in den ärmeren spielen die Kinder bis sechs eben Ball im Hof.

In den Sommerferien wurde es plötzlich ganz still. Kein Wunder: Eltern, Lehrer und Bürgermeister lagen erschöpft am Strand. Diese Ruhe könnte die Ruhe vor dem Sturm gewesen sein. Ob das Chaos zum Schulanfang am 2. September tatsächlich ausbricht? Wir dürfengespannt sein …

 

Bettina Reichmuth für das ARTE Magazin

 

Weitere französische und auch deutsche
Eigenheiten in „Karambolage“, sonntags, 19.30,

www.arte.tv/karambolage

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Kategorien: September 2014