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Der Held der High Heels

 

Louboutin

(c) ARTE France

 

Christian Louboutin liegt Schuhen zu Füßen. Und kennt die Frauen, die sie tragen. Als einer der angesehensten Schuhdesigner der Welt schafft er es, High Heels zum Mysterium zu machen. Dieses Jahr wurde er 50. Seine Erfolgsgeschichte zum Fashion Weekend.

Ein Stück Fleisch inspirierte Christian Louboutin zu seinem erfolgreichsten Schuh. Als Jugendlicher jobbte er im legendären Pariser Cabaret-Theater Folies Bergère. Oft wurde er zum Metzger geschickt, um Kalbscarpaccio zu kaufen. Irgendwann fragte er eine der Tänzerinnen, warum sie dauernd rohes Fleisch äßen. Sie antwortete: „Wir essen es nicht, wir legen es in die Schuhe.“ Im Jahr 2006 musste Christian Louboutin wieder an diese Szene denken und entwarf den Schuh „Very privé“, in Anlehnung an die Cabaret-Shows: ein schwarzglänzender Pumps mit weit ausgeschnittenem Dekolleté, Peeptoes, Plateausohlen und einem zwölf Zentimeter hohen Absatz. Und, wie immer bei Louboutin, mit knallroter Sohle. „Very privé“ ist weniger Schuh als Verheißung. Verrucht sieht er aus. Eher erotisch als elegant. Und ein kleines bisschen gefährlich.

Der Schuh der Stars. Dezent wollte Christian Louboutin nie sein. Niemals werde er Schuhe für Damen entwerfen, die nachmittags Bridge spielten, sagte er einmal im Interview mit dem „New Yorker“. Stattdessen macht er Frauen zum Vamp. Louboutin ist derzeit der begehrteste Schuhdesigner der Welt. 80 Geschäfte betreibt er inzwischen in 16 verschiedenen Ländern. Fast 800.000 Exemplare verkauft er jedes Jahr. Stars wie Nicole Kidman und Naomi Watts schwärmen von seinen Kreationen. Und Jennifer Lopez hat den Louboutins gar ein gleichnamiges Lied gewidmet.Wahrscheinlich liegt dieser Erfolg nicht nur an Louboutins ausgefallenen Ideen und seiner handwerklichen Perfektion, sondern auch an seinem Gespür für Frauen. „Wenn eine Frau Schuhe kauft, nimmt sie sie aus der Schachtel und schaut in den Spiegel“, sagt er. „Aber sie schaut gar nicht richtig auf die Schuhe, sondern auf sich selbst. Wenn sie sich selbst mag, mag sie die Schuhe.“

Der Frauenversteher par excellence. Geboren wurde Christian Louboutin vor 50 Jahren in Paris – „in einem Universum von Frauen“, wie er selbst sagt. Er wuchs mit drei älteren Schwestern auf. Die Mutter vergötterte ihn, der Vater war abwesend. Schon im Alter von zwölf Jahren zog er von zu Hause aus. Etwa zu dieser Zeit begann er auch, Frauenschuhe zu zeichnen. Später ging er bei Designern wie Charles Jourdan, Roger Vivier und Yves Saint Laurent in die Lehre. Dreimal wurde er rausgeworfen, sein Übereifer war nervenraubend. Dann gründete er seine eigene Marke. 1991 war das und Louboutin hatte noch die Disco-Szene der 80er Jahre im Kopf. Sein erstes Modell hieß „Love“: ein paar schwarze Pumps, darauf goldene Schrift. Die Buchstaben „Love“ waren über den linken und rechten Schuh verteilt. Wenn die Frau die Beine schloss, sahen ihre Füße aus wie zwei aneinander geschmiegte Liebende.

(c) ARTE France

(c) ARTE France

Rot ist weiblich. 1993 – Louboutins Firma war im dritten Jahr und es lief nicht besonders gut – erfand er sein Markenzeichen: die rote Sohle. Die Anekdote dazu hat er oft erzählt: Er designte gerade einen Schuh, der von Andy Warhol inspiriert war. Aber bei der ersten Anprobe störte ihn die dicke schwarze Sohle. Sein Schuhmodel lackierte sich gerade die Fingernägel und so nahm er ihren Nagellack und malte die Sohle damit an. „Rot ist die Essenz der Weiblichkeit. Deshalb behielt ich die roten Sohlen bei“, sagt er. In den 90er Jahren sorgte er für das Comeback der High Heels und wurde dafür oft kritisiert. Seine Schuhe machten die Frau zum schönen, unbeweglichen Objekt, hieß es. Er selbst spricht lieber über Frauen, die auf seinen Schuhen selbstbewusst zum Vorstellungsgespräch stolzieren. Louboutin pflegt sein Image als Dandy. Er trägt bunte Westen und Jacketts, die ihn – einen Mann mit nubischen Gesichtszügen und gestutztem grauen Bart – aussehen lassen wie einen Conférencier. Natürlichkeit interessiert ihn nicht. „Ich mag lieber angelegte Gärten als Natur“, hat er einmal erzählt. „Ich möchte das menschliche Werk sehen. High Heels sind eine totale Erfindung, Extravaganz. Sie sind weit davon entfernt, natürlich zu sein, aber es ist gerade das Unpraktische und Unmögliche, das mir so gut gefällt.“ Neben Schuhen designt er auch Taschen. Angebote, Mode oder Parfüm zu entwerfen, hat er stets abgelehnt. Aber seit diesem Sommer gibt es eine Louboutin-Nagellack-Kollektion mit 30 verschiedenen Farben. Natürlich ist auch das leuchtende Rot dabei. Louboutin pendelt zwischen seinem Pariser Atelier und dem Produktionszentrum in Italien. Dort lässt er die Schuhe immer wieder anprobieren, bis er zufrieden ist. „Er ist ein sehr harter Arbeiter“, sagt Emmanuel de Bayser, der in seinem Berliner Geschäft „The Corner“ als erster in Deutschland Louboutin-Schuhe verkaufte. „Zugleich ist er Südländer, sehr warm und emotional. Das ist eine gute Kombination für einen Schuhdesigner.“ Die Inspirationen sind vielfältig: Das Modell „Chrysler Building“ bezieht sich auf das gleichnamige Hochhaus in New York. Die Plateausohle imitiert die silbernen, sich spiegelnden Carrés des Gebäudes. Mit einem hohen, lilafarbenen Stiefel mit Fransen huldigt er Tina Turner. Immer wieder greift er auch afrikanische Motive auf, spielt mit bunten Mustern, Federn und Krokodilleder.

Der Reiz des Obskuren. Manchmal haben Louboutins Kreationen eine obskure Note, die für einen Designer des Luxussegments ungewöhnlich ist. Eine Kollektion inszeniert den weiblichen Fuß als Fetischobjekt. Sie entstand 2007 für die Fotoausstellung „Fetish“ von David Lynch. Die Absätze der Schuhe sind so hoch, dass selbst der Maître zugibt, man könne darin nicht laufen. Die Modelle, Tänzerinnen des legendären Crazy Horse, sind bis auf die Schuhe nackt. Das pornografische Element, das bei Louboutin oft mitschwingt – durch die Reizfarben, den Lack und die High Heels – hier steht es im Zentrum. „Seine Schuhe schreien Sex“, schrieb eine Journalistin des „Guardian“ einmal über Louboutin. Gleichzeitig umgibt seine Entwürfe ein Hauch von Nostalgie, ein leises Bedauern darüber, dass die Ära der Variété-Theater vorbei ist. Eigentlich. Denn der Mann für den großen Auftritt der Frauen lässt sie wieder auferstehen.

Mounia Meiborg für das ARTE Magazin

 

ARTE PLUS Zahlen rund um Louboutin Gemeinsam mit zwei Jugendfreunden schaffte es Christian Louboutin 1991, 800.000 Francs aufzutreiben, um die Firma zu gründen. 2012 wurde ihr 20-jähriges Jubiläum mit einer großen Ausstellung im Londoner Designmuseum gefeiert. Louboutin und seine Geschäftspartner Bruno Chambelland und Henri Seydoux sind die einzigen Aktionäre mit 40 Prozent bzw. jeweils 30 Prozent Anteil. Das günstigste Louboutin-Modell kostet 450 Euro. Der Flacon des gerade in den USA auf den Markt gebrachten Nagellacks „Rouge Louboutin“ hat die Form eines High Heels und misst 20,5 cm – die Höhe des höchsten je von Louboutin kreierten Absatzes

 

ARTE Porträt

Louboutin, High Heels aus Paris

Samstag · 27.9. · 22.55

im Rahmen des Fashion-Weekends

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter arte.tv/fashion

 

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Kategorien: September 2014