GESCHICHTE

Aufbruch der Frauen

 

Frauen-der-Wikinger

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Wikinger – das waren kriegerische Männer, so die weitläufige Meinung. Doch auch Frauen waren an Plünderung und Handel beteiligt. In einer zweiteiligen Dokumentation gewährt ARTE neue Einblicke in die Welt der Wikinger. Über mutige Pionierinnen in der Männerwelt.

 

Das isländische Landnahmebuch aus dem 13. Jahr-hundert verzeichnet über 400 Siedler aus der Wikingerzeit – 13 davon waren Frauen, die dort mit ihrem Haushalt ein neues Leben aufbauten. Unter ihnen war Aud die Tiefsinnige, auch als Unn bekannt. Sie war die Tochter eines mächtigen norwegischen Wikingers. Nach dem Tod von Vater, Mann und Sohn ließ sie sich ein Schiff bauen und verlegte ihren kompletten Hausstand um 890 nach Christus nach Island. Sie wurde zu einer legendären Figur in den isländischen Sagas, das Isländerbuch zählt sie zu den vier wichtigsten Gründern Islands.

Herrin des Hauses. Die Geschichte von Aud ist außergewöhnlich. Die Wikingerzeit war vor allem von Männern dominiert – aber immer wieder schafften es Frauen, aus der ihnen zugedachten Rolle auszubrechen. Als Witwe hatte Aud vollkommene Kontrolle über ihre Haushaltsmittel und war wohlhabend genug, Land und Freiheit zu erwerben und Sklaven zu halten – aber dazu später mehr.

Der Normalfall sah anders aus, denn die skandinavische Gesellschaft war strikt hierarchisch gegliedert: Am unteren Ende standen die Sklaven, über ihnen die Klasse der freien Bauern als zahlenmäßig größte Gruppe und schließlich die Oberschicht, bestehend aus wohlhabenden Häuptlingen mit lokaler oder regionaler Macht. Das Leben der Sklaven und Freien war im Wesentlichen landwirtschaftlich geprägt, während sich die Oberschicht ihren Reichtum durch Kontrolle und Export der Naturschätze sicherte. Von Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen, wie wir sie heute verstehen, kann nicht die Rede sein. Frauen hatten im Haushalt das Sagen, Männer außerhalb. Letztere waren für die Ernährung der Familie und die Vermehrung des Reichtums verantwortlich – was eine der Triebkräfte der Expansionskriege war. Eine einfache und verbreitete Art, zu Wohlstand zu gelangen, waren Plünderungen. Von Skandinavien aus wurden weiter südlich und westlich gelegene Länder invadiert, knapp 800 nach Christus begannen die Wikinger ihre Überfälle auf die Britischen Inseln und das europäische Festland, was ihnen den Ruf als gefürchtete Krieger einbrachte. Die Horden der Plünderer bestanden vornehmlich aus Männern, doch gibt es Anzeichen dafür, dass einige auch Frauen und Kinder umfassten. Die Quellen geben keinen Aufschluss darüber, ob diese Frauen zusammen mit den Männern aus Skandinavien gekommen waren – oder unterwegs „erworben“ wurden. Beides ist möglich.

In Teilen Britanniens, Irlands und an den Nordwestküsten des europäischen Festlandes folgte diesen Überfällen eine Besiedelung, die sich noch heute in Ortsnamen und Sprache wiederspiegelt. Auch Ausgrabungen belegen diese These. Ungeklärt ist, ob diese zu Siedlern gewordenen Krieger ihre Frauen aus Skandinavien nachholten oder ob sie einheimische heirateten. Für die erste Theorie gibt es einige Indizien: In zahlreichen Regionen Britanniens gab es viele skandinavisch sprechende Gemeinschaften; auch fanden Forscher viele skandinavische Schmuckstücke; und schließlich hielten sich skandinavische Mundart und Kultur bis weit ins Mittelalter hinein.

Die Pionierinnen. Zurück nach Island: So gut wie Aud erging es nicht allen Frauen. Viele kamen als Sklavinnen auf die Insel im hohen Norden. Das Erbgut der heutigen Isländer legt nahe, dass bis zu zwei Drittel der weiblichen Gründerpopulation von den Britischen Inseln kamen und nur ein Drittel aus Norwegen stammte – bei den Männern ist es genau umgekehrt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Frauen, die wie Aud aus Norwegen stammten, Töchter und Ehefrauen von Häuptlingen waren. Die britischen Frauen hingegen wurden eher als Arbeitssklavinnen auf die Güter gebracht – wobei viele von ihnen mit Skandinaviern verheiratet gewesen sein könnten, die in erster oder zweiter Generation in Schottland oder Irland gelebt hatten, bevor sie nach Island kamen.

In jedem Fall überlebten diese Pionierinnen die Härten der Reise über den Nordatlantik in einem offenen Boot, mit Kindern, Besitz und Tieren, und spielten eine wichtige Rolle bei der Neugründung der Haushalte in einem unbekannten und unbewohnten Gebiet. Nicht nur in Island, auch in Grönland, wo die altnordische Besiedelung ein halbes Jahrhundert währte. Sowohl die isländischen Sagas als auch Ausgrabungen zeigen, dass auf den Reisen von Grönland nach Nordamerika – Vinland genannt – auch Frauen dabei waren. Unter ihnen Gudridur Thorbjarnardottir, eine der am weitesten gereisten Frauen der damaligen Zeit. Ihr Sohn Snorri, der zwischen 1007 und 1009 zur Welt kam, war vermutlich der erste Europäer, der auf dem nordamerikanischen Kontinent geboren wurde. Zwar nahmen die Frauen in den neuen Siedlungen in Grönland und Vinland nicht am öffentlichen Leben teil, genossen aber absolute Autorität bei Entscheidungen über Haushalt und bäuerliche Arbeit. Dass Gudridur nach ihrer Rückkehr nach Grönland und dem Tod ihres Mannes auf Pilgerreise nach Rom ging und Nonne wurde, zeigt, wie ungewöhnlich stark und selbstbestimmt sie war.

Die Ära der Frauen. Auch Frauen, die in Skandinavien blieben, er-lebten in der Wikingerzeit große Veränderungen. Anhand von Grabstätten lässt sich beweisen, dass sie geschätzt und geachtet wurden, zumindest jene aus der wohlhabenderen Schicht, deren Gräber ebenso reich bestückt waren wie die der Männer. Zu den Grabbeigaben einer begüterten Frau, die mit ihrer Dienerin im norwegischen Oseberg um 834 nach Christus bestattet wurde, gehören ein prachtvolles Schiff und weitere wertvolle Gegenstände. Wem nach dem Tod eine derartige Ehrenbezeugung zuteilwurde, der muss zu Lebzeiten Macht gehabt haben. Und die wurde für Frauen in den folgenden Jahrhunderten immer größer. Im Zuge des Aufbaus stabiler Monarchien in Dänemark, Norwegen und Schweden gegen Ende der Wikingerzeit machten Königinnen ihren Einfluss geltend. So sorgte etwa Astrid, die Witwe von König Olav II. Haraldsson, dafür, dass ihr Stiefsohn Magnus 1035 die norwegische Thronfolge antrat. Und auch die zunehmende Verstädterung bot Frauen zahllose neue Gelegenheiten für Handel und Handwerk. Die recht einheitliche Gestaltung der Gebäude deutet darauf hin, dass alle Haushaltsmitglieder zum materiellen Wohlergehen beitrugen.

Die Wikingerzeit war nicht eine ausschließlich Männern vorbehaltene Ära. Die Frauen beteiligten sich aktiv an Plünderungen, Handel und Besiedlung. Die neuen Kolonien im Nordatlantik hätten ohne ihren Beitrag nicht lange überlebt. Das Zeitalter der Expansion eröffnete Frauen neue Chancen – und Sagas, Runensteine und Ausgrabungen belegen, dass ihre Beteiligung gewürdigt wurde. b

Judith Jesch für das ARTE Magazin

 

ARTE GASTAUTORIN

Judith Jesch ist Professorin für Wikingerstudien an der University of Nottingham

ARTE PLUS

Die Wikinger

Der Überfall auf das Kloster Lindisfarne in Nord-england am 8. Juni 793 n. Chr. gilt als Beginn der Wikingerzeit. Von Skandinavien aus erschlossen die Wikinger durch kriegerische Beutezüge, aber auch friedlichen Handel, bis Ende des 11. Jahrhunderts Gebiete in der gesamten damals bekannten Welt: Nach Island und Britannien erreichten sie um 985 n. Chr. Grönland und Neufundland, das Fränkische Reich 799 n. Chr. sowie Russland und Byzanz. Wichtige Handelszentren waren im Norden das heute bei Schleswig liegende Haithabu, im Westen York sowie weitere britische Städte und im Osten Byzanz, Nowgorod und Kiew.

 

ARTE Geschichtsdoku

Die Frauen der Wikinger

(1) Sigruns Flucht nach Island

Samstag · 13.9. · 20.15

(2) Jovas Erbe und der Untergang Haithabus

Samstag · 13.9. · 21.05

 

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Kategorien: September 2014