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Plácido Domingo

© Sheila Rock

© Sheila Rock

 

Tiefer zu neuen Höhen

Gentleman und Bühnentier: Plácido Domingo hat viele Gesichter – und Stimmen. Seit 55 Jahren steht der Startenor auf der Bühne, bei den Salzburger Festspielen gibt er in Verdis „Il Trovatore“ einen Bariton, der einem den Atem raubt.

 

In einem Interview für „Die Zeit“ schäkern Plácido Domingo und Anna Netrebko auf einer Couch im Intendantenzimmer des Berliner Schillertheaters. Es ist kurz vor der Premiere von Verdis „Il Trovatore“ im November 2013. Daniel Barenboim dirigiert. Domingo, der unzählige Male die Tenorpartie der Oper, Manrico, gesungen hat, hat mit 72 Jahren ein Debüt: Er singt die Rolle des Luna, einen Bariton. Zwar hat er seit den 1990er Jahren immer wieder Bariton-Partien übernommen; zunächst sporadisch, ab 2009 dann systematisch. Spätestens an diesem Abend aber wird aus dem Tenorissimo endgültig der Baritonissimo. Ein großer Augenblick.

Back to the roots

Nun, im August 2014, kurz vor den Salzburger Festspielen, eine ähnliche Situation wie in Berlin: Wieder wird der spanische Weltstar an der Seite Ne-trebkos den Grafen Luna singen. Dieser ist im Spanien des 15. Jahrhunderts Parteigänger des Prinzen und steht im Kampf Manrico, dem Unterstützer des aufständischen Herzogs, gegenüber. Es geht nicht nur um den Thron, sondern auch um ein und dieselbe Frau, die Hofdame Leonora. Was beide nicht wissen: Sie sind Brüder, getrennt voneinander aufgewachsen, weil Manrico als Säugling geraubt wurde. Die Oper darf mit einigen genretypischen Szenen als Inbegriff der Schauerromantik gelten. In Salzburg steht mit Daniele Gatti ein ausgewiesener Verdi-Spezialist am Pult, Regie führt der stilistisch nicht festzulegende Lette Alvis Hermanis – Salzburg ist natürlich etwas Besonderes.

Domingos Stimmfachwechsel vom Tenor zum Bariton erscheint als ein Back to the roots. Im Ge-spann der berühmten drei Tenöre war er neben den helltimbrierten Kollegen Luciano Pavarotti und José Carreras schon immer derjenige, der er-diger klang, tiefer und schwerer, dem aber auch eine besondere Aktivität – und Leidenschaft – in der Höhe anzuhören war. Sie deutete an, dass Do-mingo vielleicht schon immer ein hoher Bariton war, der aber eben Tenor sang, weil er bis zum hohen C kam – ein luxuriöser Zustand. Doch die obere Tessitura (Lage) klang bei dem 1941 als Sohn zweier Zarzuela-Sänger geborenen Madrilenen immer schon breitbrustig. Wo andere hell und heldisch glänzten, geriet Domingo eine Nuance Gebrochenheit in den Ton. Den psycholo-gischen Zeichnungen seiner Charaktere verlieh das erst recht Plastizität. Dass er dies alles, auch die schiere Besessenheit seiner rund 140 Tenor-Partien, mitnimmt in die tiefer gelegene Beletage des Baritonfachs, versteht sich von selbst.

In Graf Luna vereinen sich alle extremen Gefühls-lagen: Er sei besessen von seiner Liebe zu Leonora – und suche seinen Bruder, so Domingo: „Wenn herauskommt, dass Manrico sein Erzrivale ist und er ihn gerade getötet hat, das ist für mich ein Moment, der ist stimmlich schwer zu kontrollieren: so echt, so intensiv! Das raubt mir den Atem.“ Man muss sich nur die zentrale Luna-Arie aus „Il Tro-vatore“ mit Domingo anhören, um zu verstehen, welche Kräfte unterwegs sind, wenn er sich mit diesem Opernstoff beschäftigt. Wenn er in der kleinen Kadenz kurz vor Schluss von „Il balen del suo sorriso“ (Der Glanz ihres Lächelns) von seinem inneren Aufruhr singt, den nur Leonoras (ergo Netrebkos) strahlende Blicke besänftigen können, wenn er fast tenoral hochsteigt zum G und seine Stimme dort einen Moment wie edles Gold schimmern lässt – dann ist das nicht weniger als eine Sensation der Sinne. Er sei zwar ein „Bad Guy“, dieser Graf Luna, sagt Domingo, aber seine schlechten Taten seien die Folge der unerwiderten Liebe zu Leonora. Hier entladen sie sich, diese extremen Gefühle, die Verzweiflung, der Hass als Resultat unerfüllter Liebe und lodernder Eifersucht.

Gentleman mit Leidenschaft

All das hallt in uns wider, wenn Domingo, dieses Bühnentier, singt. Dass der Mann bereits 73 Lenze zählt und seit 55 Jahren auf der Bühne lebt, gehört genauso zum Phänomen Plácido wie die Tatsache, dass kein Ende dieser Karriere in Sicht ist. In besagtem Interview im Jahr 2013 spricht er trotzdem vor allem nicht über sich selbst, sondern sagt zu Anna Netrebko: „Ich spreche über dich – und über das Niveau einer Maria Callas!“ Sie erwidert: „Maria Callas ist unerreicht!“ Doch Domingo kontert: „Sie war unerreicht, bevor du kamst.“ Die Szene ist bezeichnend. Wer Domingo persönlich erlebt hat, der weiß, wie sympathisch, unprätentiös und galant er ist (Netrebko: „Plácido ist der perfekte Gentleman.“). Alles, was er tut, tut er mit Leidenschaft und hoher Professionalität, und dass er dabei als Persönlichkeit hinter der Kunst steht und nicht davor, gehört zum Markenzeichen Domingo, der bisweilen auch schon als „Superman der Oper“ bezeichnet wurde. Ein Superman indes, der „sich selbst vergessen“ will, während er andere Menschen darstellt. Ob Netrebko Recht behält mit ihrer Aussage, Domingo könne auch auf der Bühne nur Gentleman und nicht fies sein wie ein Graf Luna, werden wir bei der Salzburger Aufführung zu überprüfen haben.

Stefan M. Dettlinger für das ARTE Magazin

ARTE PLUS

Plácido Domingo

Plácido Domingo Embil, 1941 in Madrid geboren, verbrachte den Großteil seiner Jugend in Mexiko City, wo er auch seine Ausbildung am Mexikanischen Nationalkonservatorium absolvierte. Bis heute gab Domingo als Sänger und Dirigent weltweit mehr als 4.000 Vorstellungen, davon die meisten an der Metropolitan Opera in New York

Diskografie

„Plácido Domingo at the Met“ (2014, Sony), „Plácido Domingo: The Verdi Opera Collection“ (2013, Sony), „Songs“ (2012, Sony),„100 Best of Plácido Domingo“ (2010, Warner)

(Auswahl)

 

ARTE Oper

Il Trovatore

Freitag · 15.8. · 20.15

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter

arte.tv/il-trovatore

Kategorien: August 2014