GESELLSCHAFT

Kolossal käuflich

 

(c) Jörg Hülsmann

(c) Jörg Hülsmann

Ausverkauf Europa? Das Kolosseum als Fußballstadion, der Eiffelturm als Klettergerüst und das Rheinwasser als magentafarbene Telecom-Werbung – wie weit kann die Privatisierung öffentlicher Güter in Europa gehen? Ein Zukunftsszenario.

 

Stellen Sie sich vor: Der hoch verschuldete italienische Staat kann für den Unterhalt des baufälligen Kolosseums in Rom nicht mehr aufkommen. Da käme das Angebot des finanzstarken Fußballclubs AS Rom gerade recht, der das Monument für ein paar Millionen Euro kaufen – und in ein Fußballstadion verwandeln würde. Drinnen würde Rasen verlegt, auf dem der Prestige-Club künftig seine Spiele austrüge. Um den exquisiten Rahmen zu betonen, könnte man freilich überlegen, ob 50.000 Sitze notwendig sind – ober ob man die Zuschauerzahl auf die Menschen reduziert, die sich auch gleich die Loge als exquisite Fünf-Sterne-Hotelsuite oder Luxusloft im „Grand Hotel dello Stadio“ leisten können. Unvorstellbar? Nicht ganz.

Wie weit Privatisierung schon heute geht, lässt sich besonders gut im Profifußball beobachten. In dieser durchkommerzialisierten Sphäre ist der öffentliche Raum durchdrungen von Markennamen: Schauinsland-Reisen-Arena, Imtech-Arena oder Glücksgas-Stadion heißen die Plätze, auf denen in Duisburg, Hamburg und Dresden der Volkssport präsentiert wird. Dass das Namen sind, an die sich keinerlei Identität heften lässt, ist egal – die Leute kommen trotzdem, um das Produkt zu sehen: Spitzenfußball. Und dass es häufig Plätze sind, die mit öffentlichen Geldern errichtet wurden und für die sich die Firmen lediglich die Namensrechte gesichert haben, ist ebenfalls unerheblich, zumindest in der breiten Wahrnehmung. Wie weit darf Privatisierung im öffentlich-kulturellen Raum gehen? Dürfen nicht nur Fußballvereine, sondern auch Kulturstätten und Infrastruktur an den Meistbietenden verkauft werden?

Vodafone, Emirates und Co. Investoren und Konzerne haben besonders dort leichtes Spiel, wo Staat oder Kommunen in prekären Finanzlagen stecken. Allein Deutschland und Frankreich müssen jeweils knapp 40 UNESCO-Welterbestätten finanzieren, von den vielen Kirchen, Schlössern, öffentlichen Plätzen und Kulturlandschaften ganz zu schweigen. Wie sich die Verhältnisse zwischen Privatwirtschaft und öffentlichem Raum hierzulande bald ändern können, zeigt ein Blick zu unseren europäischen Nachbarn.

In Madrid heißt die historische Metrostation „Puerta del Sol“ seit 2013 „Vodafone Sol“, weil der britische Telekommunikationskonzern dafür drei Millionen Euro bezahlt hat. Und weil er außerdem Anzeigenkunde darbender Zeitungen ist, schweigt die spanische Presse dazu. Noch bis 2015 darf der britische Mobilfunkriese seinen Namen nicht nur an die Bahnsteige, sondern auch auf alle Hinweistafeln und Metropläne kleben. Auch Italien verkauft, was das Zeug hält. So wurde aus Geldmangel im Mai 2014 die vor Venedig gelegene Insel Poveglia, auch als „Pestinsel“ bekannt, versteigert, und zwar an den italienischen Unternehmer Luigi Brugnaro. Eine Bürgerinitiative lief zwar gegen den Verkauf Sturm – aber ohne Erfolg. Die Venezianer befürchten nun, dass aus der Insel ein exklusives Luxusresort gemacht werden soll.

Und es geht weiter: In London verbindet seit 2012 eine Seilbahn, die auf dem offiziellen U-Bahn-Plan vermerkt ist, die Stadtteile Greenwich und Docklands über die Themse hinweg; sie trägt den Namen: „Emirates Air Line“, dem Sponsor zuliebe. So drängt die Privatisierung, an die wir uns in abgegrenzten Sphären wie dem Profisport schon längst gewöhnt haben, heute in alle Bereiche der Gesellschaft vor.

Europa, ein Werbeparadies. Spinnen wir diese Entwicklungen doch einmal weiter und versetzen uns in ein Europa in nicht allzu ferner Zukunft: Der Londoner U-Bahn-Plan würde dann längst nur noch Markennamen kennen. Die einstige Station „North Greenwich“ würde verschwinden zugunsten von „The O2“, dem heutigen Namen der dort liegenden Halle. Die dem Stadion des FC Arsenal nächstgelegene Station Finsbury Park würde, zur besseren Orientierung für Touristen und Fans, in „Emirates Stadium“ umbenannt. Und die Namen der einzelnen Linien (früher Picadilly oder Jubilee Line) würden einfach unter den Großfilialisten ausgelost, die die meisten Shops an der jeweiligen Strecke vorweisen können: McDonald’s, Starbucks und so weiter. In München würde der Fan zum Fußballschauen nicht mehr in die „U 6“ steigen, sondern in die „U Hoeneß“, die auch nicht mehr an einer Station namens „Fröttmanning“ hielte, sondern gleich zur „Allianz Arena“ führe. Auf diese Weise ließe sich mit der Privatisierung von Sportheiligtümern und Kulturdenkmälern sogar locker gegen die Widerstände ewiger Bedenkenträger argumentieren: Es würde die Bewegung durch die Stadt vereinfachen. Das Hauptargument wäre freilich, die Kosten für den Erhalt nicht mehr den gebeutelten Kommunen zu überlassen, sondern an breitbeinige Sponsoren weiterzureichen.

Schöne neue Sponsoringwelt. Geradezu verwundern muss es angesichts der unbegrenzten Möglichkeiten der Privatisierung, dass das hochverschuldete Berlin noch nicht auf die Idee gekommen ist, seine Siegessäule für ein bisschen Geld dem US-Sportartikelhersteller Nike anzudrehen. Dass oben drauf die römische Viktoria statt der griechischen Nike steht, dürfte kein Hinderungsgrund sein – stehen doch beide für Sieg. In Anbetracht der Höhe der schmalen Säule (67 Meter) könnte obendrein der Begriff vom „Flagship-Store“ mit neuem Leben gefüllt werden: Stolz und mächtig wehte die Fahne mit dem Nike-Logo von der Säule. Darüber hinaus wäre zu überlegen, ob sich nicht auch die Natur für Vermarktungszwecke eignen könnte. Das Deutsche Eck am Zusammenfluss von Mosel und Rhein – wo sich seit der NSA-Affäre der deutsche Telekommunikationskonzern im Kampf gegen amerikanisches Mithören in Szene setzt – ließe sich problemlos in „T-Com-Eck“ umgetaufen. Die beiden Flüsse wären an der Stelle, die dem Sitz des Bonner Konzerns nicht fern ist, passenderweise magenta eingefärbt. Wo steht denn geschrieben, dass Gewässer, auf denen Ausflugsboote fahren, blau sein müssen?

In der Konsequenz solcher Umwidmungen wäre es nur eine Frage der Zeit, bis der Pariser Eiffelturm als „Red Bull Tour Eiffel“ in das Portfolio des österreichischen Getränkekonzerns integriert wäre. Wenn das Klettern zum Volkssport geworden ist, könnte der Turm großflächig für – zu bezahlende – Kletterübungen genutzt werden. Ganz oben wartete an jedem ersten Sonntag im Monat der Stratosphärenspringer Felix Baumgartner, um mit dem jeweiligen Erstbezwinger des Tages umgehend in die Tiefe zu springen. An den anderen Wochenenden würde Baumgartner an Sehenswürdigkeiten anzutreffen sein, die diese einmalige Fun-Privatisierungs-Welt komplettieren: auf den Unilever-Alpen, im Coca-Cola-Harz oder schippernd auf der Nestlé-Donau …

 

Matthias Dell für das ARTE Magazin

 

ARTE Themenabend

Ausverkauf Europa

Dienstag · 26.8. · 20.15

Kategorien: August 2014