TYPISCH FRANKREICH

Eine Runde Sache!?

 

(c) Drushba Pankow

(c) Drushba Pankow

 

Sie sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich?
Im Reisemonat August kurvt ganz Frankreich in den Urlaub, um viele „Ronds-points“ herum: eine besondere Leidenschaft.

 

Er ist klein oder groß, immer rund, nützlich, teuer, heftig umstritten und sehr französisch: der Kreisverkehr. Ob jemals ein Deutscher auf die Idee gekommen wäre, für einen besseren Verkehrsfluss ein Hindernis in den Weg zu legen, um das man herumfahren muss?

Die Franzosen jedenfalls haben 1907 mit der Pariser Place de l’Étoile den Kreisverkehr nicht nur erfunden, sie haben weltweit auch die meisten davon: 30.000 „Ronds-points“ werden jährlich um 500 neue ergänzt. Was hat es bloß mit dieser Kreisel-Epidemie auf sich?

Die offizielle Erklärung lautet, und das klingt erst einmal sehr vernünftig: Einer europäischen Studie zufolge reduziert ein Kreisverkehr die Unfälle an einer Kreuzung um mehr als 40 Prozent, Ampeln werden eingespart und Raser ausgebremst. Diese Fakten machten Eindruck, sogar auf die geradlinigen Nachbarn: Etwa 4.000 Exemplare sorgen inzwischen auch in Deutschland für weniger Staus und etwas mehr Hüftschwung im Verkehr. Doch geht es um den wahren Grund für die französische Kreiselleidenschaft, können die Deutschen nicht mehr mitreden.

Denn hier geht es um das Selbstbild vieler Gemeinden. Jeder neue „Rond-point“ bietet eine Spielwiese für Bürgermeister-Künstler-Kooperativen, die von sich reden machen: Betonkühe, Schubkarren, Berühmtheiten oder – warum nicht? – ein UFO lassen chinesische Touristenbusse schon mal fernab von Paris eine Fotopause einlegen. Ausgewiesene Kreisel-Künstler wie Jean-Luc Plé werden zwar von der Presse für ihren „Kreisel-Kitsch“ verrissen, sind aber ausgebucht.

Dabei verschlingt nicht nur der Bau eines Kreisverkehrs bis zu 800.000 Euro, auch die Verzierung kostet: Die metallene „Dame de la Mer“, die mit aufgefächertem Kopfputz 14 Meter hoch über die Kurven zwischen Biarritz und Bidart wacht, war 500.000 Euro teuer. Solche Zahlen lassen nicht nur diese beiden Bürgermeister
um die Finanzen streiten, sie spalten die Steuerzahler im ganzen Land: Denen, die auf die Verschwendung öffentlicher Gel-der schimpfen und den Kreisel-Kitsch zum Teufel wünschen, steht eine Fangemeinde gegenüber, die diesen fotografiert, archiviert und in Blogs diskutiert.

Eine besondere Kreisel-„Erfahrung“ wartet – wo sonst! – in Paris, auf der altehrwürdigen Place de l’Étoile: Während im übrigen Land seit 1983 das Rechts-vor-links-Gebot für Kreisverkehre abgeschafft wurde, gilt es hier noch immer! Wer also hineinfährt, hat Vorfahrt. Danach heißt es: Groß vor Klein, Schwer vor Leicht, Offensiv vor Zögerlich, auf gedachten (!) acht Spuren. Und glauben Sie nicht, dass jemand vor Ihnen den Blinker setzt. Das gilt übrigens dann wieder für ganz Frankreich. Gute Fahrt!

Bettina Reichmuth für das ARTE Magazin

 

Weitere französische und auch deutsche
Eigenheiten in „Karambolage“ wieder ab dem 7.9., sonntags, 19.30,

arte.tv/karambolage

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Kategorien: August 2014