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Gay Pride – Mit Stolz gegen Vorurteile

 

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1969 wehrten sich Amerikas Homosexuelle erstmals gegen Diskriminierung. Der Aufstand in der Christopher Street in New York war die Geburtsstunde der Schwulenbewegung und ein erster Schritt im Kampf um Gleichberechtigung. Ein Besuch vor Ort – 45 Jahre danach.

 

In der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969 schlug Storme Lavarie, ein transsexueller Tänzer, zurück. Er stand neben Williamson Henderson, als ein Polizist diesem seinen Knüppel in den Magen rammte, ihm Handschellen anlegte und abführte. Es war nicht die erste Razzia in der Schwulenbar Stonewall Inn. Die New Yorker Cops machten regelmäßig Druck auf den Club-Besitzer, um ihre Schutzgelder zu kassieren. Doch diesmal ließen sich die Gäste die Schikane nicht gefallen. Es war die Nacht nach Judy Garlands Beerdigung, in der Tausende Fans in New York um die Sängerin und Schwulenikone trauerten. Mit ihrem gebrochenen Image als Hollywoodstar und Drogenabhängige wurde sie zur Identifikationsfigur für Schwule im homophoben Amerika der 50er und 60er Jahre. Und genau wie sie mussten Homosexuelle ihre Fassade wahren. Garlands Song „Somewhere over the Rainbow“ machte die Schwulenbewegung zu ihrer Hymne und soll sie zur Regenbogenfahne – dem Symbol für Vielfalt – inspiriert haben.

Innerhalb kürzester Zeit artete das Handgemenge in dieser Juninacht in eine Straßenschlacht aus. Die Gäste des Clubs vertrieben die Polizei und widersetzten sich der Verhaftung. Auf der Straße versammelte sich eine Menschenmenge, Mülltonnen wurden angezündet und der Dienstwagen der Beamten, mit dem die Verhafteten abtransportiert werden sollten, wurde umgestürzt. In den frühen Morgenstunden beruhigte sich die Situation, doch am nächsten Tag kamen die Schwulen des New Yorker Szeneviertels Greenwich Village zu Hunderten zurück. Es war das erste Mal, dass Homosexuelle in Amerika gegen ihre Diskriminierung auf die Straße gingen. Vier Tage dauerten die Proteste an.

 

(c) 1945, Public Domain

(c) Judy Garland 1945, Public Domain

Gay Pride gegen Diskriminierung

Die Ereignisse von damals werden heute als Geburtsstunde des weltweiten Kampfes um die Gleichberechtigung Homosexueller gefeiert. In New York marschieren seit 1970 Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle (Abkürzung LGBT) am 28. Juni durch die Stadt, um des Aufstandes vom Stonewall Inn zu gedenken. Im vergangenen Jahr waren zwei
Millionen Menschen auf der Straße, um „Gay Pride“ zu feiern und um der LGBT-Community ihren Status als integraler Teil der Gesellschaft zu versichern. Die Ableger der New Yorker „Gay Pride“-Parade in San Francisco und Chicago oder die „Christopher Street Days“ in Köln und Berlin sind heutzutage genauso populär.

Politisch waren die Gäste des Stonewall Inn und der anderen Schwulenkneipen an der Christopher Street damals nicht. „Wir waren nur Kids, die sich ausleben wollten“, erinnert sich Williamson Henderson heute, während er aus dem Fenster seiner Wohnung im 38. Stock eines Appartmentkomplexes in der Bronx auf die Stadt hinunterblickt. Der damals 17-Jährige war einer der Stammgäste des Schwulenclubs an der Christopher Street – das Stonewall Inn war seine zweite Heimat. Als Junge aus der Vorstadt Long Island versuchte er dort, mit seiner Homosexualität ins Reine zu kommen. „Zu Hause konnte ich mit niemandem darüber sprechen“, sagt er. Deshalb fuhr er am Wochenende ins Greenwich Village, ein Refugium für Künstler und Intellektuelle sowie eine der wenigen offenen Schwulenszenen des Landes. Dort lief Discomusik aus der Jukebox, man konnte bis in die Morgenstunden tanzen. In Hendersons Wohnzimmer hängen Fotos von damals, wie er in einem dreiteiligen John-Travolta-Anzug über die Bohlen des Inn fegte. „Ich war der Schwarm der Jungs dort“, sagt er heute und grinst. Seine mittlerweile ergraute Mähne hängt ihm noch immer wie damals ins Gesicht, im rechten Ohr steckt ein Brillantohrring.

 

Kampf um Anerkennung

Der Tag und die Unruhen änderten alles für Henderson und seine Mitstreiter. Das Private war politisch geworden. Sie begannen, sich zu organisieren. „Schon eine Woche später, als ich mich vom Gefängnis erholt hatte, haben wir angefangen, den nächsten Marsch zu planen.“ Es gab kein zurück mehr zur Unschuld der Zeit vor dem 28. Juni 1969. Henderson wurde ein Vorkämpfer für die Schwulenrechte. Er marschierte viele Jahre trotz Morddrohungen an der Spitze der „Gay Pride“. Er vertrat die Belange der Homosexuellen gegenüber lokalen und nationalen Politikern. Im Flur seiner Wohnung hängt eine Galerie mit Bildern von ihm mit allen New Yorker Bürgermeistern seit den 60er Jahren sowie mit drei US-Präsidenten. Er stand mit den New Yorker Schwulen die AIDS-Krise der 80er Jahre durch, bei der er viele Weggefährten verlor, aber auch gleichberechtigte medizinische Versorgung erstritt.

Seit Mitte der 90er Jahre sei Henderson die Bewegung jedoch fremd geworden. „Es ist eine neue Generation“, sagt er. „Sie sind sehr im Mainstream angekommen, das ist keine Gegenkultur mehr.“ Die großen Schlachten sind für ihn geschlagen, auch wenn er weiß, dass es noch viel zu tun gibt. „Wir haben viel erreicht, wir sind lange nicht mehr so marginal in der Gesellschaft wie damals. Offene Homophobie ist heute tabu. Man kann heute sogar als geouteter Homosexueller im Militär dienen.“ Den Kampf um die Anerkennung der Homo-Ehe, der heute die Schwulen und Lesben Amerikas bewegt, kann er nur bedingt verstehen. „Ich weiß nicht so recht, warum die Jungen an dieser bürgerlichen Institution teilhaben wollen.“ Auch wenn er einsieht, dass dies zur vollen Gleichstellung dazugehört. Die ist in den USA noch lange nicht in vollem Umfang gegeben. 19 der 50 US-Staaten haben in den letzten Jahren die Homo-Ehe anerkannt. Auf Bundesebene gilt noch immer der „Defense of Marriage Act“, der die Ehe als Verbindung von Mann und Frau festschreibt, obwohl der Oberste Bundesgerichtshof der USA 2013 Teile des Gesetzes für verfassungswidrig erklärt hat.

 

Frieden im Greenwich Village?

An einem milden Abend Anfang Juni 2014 verströmt das Greenwich Village derweil Frieden und Harmonie. An der Bar des Stonewall Inn trinken ein paar Männer ihr Feierabendbier und flirten miteinander, darunter ein Marinesoldat in Uniform. Aus der Jukebox läuft 70er-Jahre-Musik und Peggy, die stämmige Barkeeperin, plaudert mit einem jungen lesbischen Pärchen. Ein heterosexuelles Touristenpaar studiert die Fotos und Zeitungsausschnitte von 1969 an der Wand. Doch selbst im Greenwich Village sind Schwule noch immer nicht vollständig akzeptiert. Erst im März dieses Jahres wurde in der U-Bahn-Station an der West 4th Street, nur wenige Schritte vom Stonewall Inn entfernt, ein homosexuelles Paar krankenhausreif geschlagen. Ihr Kampf um volle Anerkennung und Gleichstellung ist noch nicht ganz gewonnen.

 

ARTE Schwerpunkt

Pink Weekend

 

KurzSchluss – Das Magazin: Schwerpunkt „Schwuler und lesbischer Film“

Freitag · 4.7. · 00.15

 

„Somewhere over the Rainbow“: Die schwule Bewegung und ihre Hymnen

Dokumentarfilm · Samstag · 5.7. · 22.00

 

Tracks

Musikmagazin · Samstag · 5.7. · 23.30

 

In & Out – Rosa wie die Liebe

Komödie · Sonntag · 6.7. · 20.15

 

Rock Hudson – Schöner fremder Mann

Dokumentarfilm · Sonntag · 6.7. · 21.40

 

Fünf Tage in New York: Gay Pride am Hudson

Gesellschaftsdoku · Sonntag · 6.7. · 23.20

 

Mehr Informationen
kurz vor Ausstrahlung
unter arte.tv/pink

 

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Kategorien: Juli 2014