GESELLSCHAFT

Europa non grata

 

© 2011 CLIMAGE - RTS - SSR SRG - ARTE

© 2011 CLIMAGE – RTS – SSR SRG – ARTE

 

Europa stößt mit seiner harten Asylpolitik auf heftige Kritik.
Fernand Melgar hat als erster Regisseur den Alltag in einem Abschiebegefängnis dokumentiert –
und die Abgeschobenen wieder aufgespürt. Schockierendes Zeitzeugnis.  

 

Auf der Suche nach einem besseren Leben flüchten jedes Jahr unzählige Menschen nach Europa. In der Schweiz werden Tausende von ihnen ohne juristisches Verfahren in Abschiebezentren inhaftiert. Den Asylsuchenden und Migranten ohne gültige Papiere droht der Sonderflug – ein Euphemismus, der für eine brutale Abschiebepraxis steht: Menschen, die nicht freiwillig gehen wollen, werden gefesselt in ihre Herkunftsländer geflogen. Dort erwarten sie Elend und Angst. Der Schweizer Filmemacher Fernand Melgar konnte monatelang das Leben in einem Abschiebegefängnis, dem Centre Frambois bei Genf, filmen. Das ARTE Magazin hat den preisgekrönten Regisseur getroffen.

 

ARTE: Sie sind der erste Filmemacher, der in einer europäischen Abschiebehaftanstalt drehen durfte. Wie haben Sie die Gefängnisleitung dazu gebracht, Ihnen die Türen zu öffnen?

Fernand Melgar: Dass ich dort drehen durfte, liegt daran, dass Frambois ein Vorzeigezentrum ist. Es ist ein „Fünf-Sterne-Gefängnis“, die Insassen haben im Gegensatz zu denen in anderen Abschiebegefängnissen sogar Einzelzimmer.

ARTE: Wie würden Sie Frambois beschreiben?

Fernand Melgar: Es ist ein Ort absoluter Hoffnungslosigkeit. Als ich ankam, musste ich sofort an einen Satz aus Dantes „Göttlicher Komödie“ denken: „Ihr, die ihr eintretet, lasst alle Hoffnung fahren!“ Die Insassen sind hier aufgrund eines behördlichen Beschlusses, sie haben kein Verbrechen begangen, besitzen lediglich keine gültige Aufenthaltsgenehmigung. Frambois veranschaulicht für mich das, was Hannah Arendt „die Banalität des Bösen“ nannte.

ARTE: Inwiefern?

Fernand Melgar: Man ist an einem Ort, an dem das Personal lächelt und die grausame Welt, in der die Insassen leben, beschönigen. Gefangene heißen hier Bewohner und zu Handschellen sagt man Armreifen.

ARTE: Wie konnten Sie das Vertrauen der Insassen und des Personals gewinnen?

Fernand Melgar: Vor dem Dreh war ich sechs Monate zur Beobachtung in Frambois, um die Verwaltungsmaschinerie zu verstehen. Ich wollte ein Bestandteil dieses Systems werden. Das Vertrauen der Wärter gewann ich schnell, weil sie überzeugt waren, das Richtige zu tun. Und für die Insassen, die sich extrem ungerecht behandelt fühlten, bot der Film die Gelegenheit, über ihr Schicksal zu sprechen und in diesem No Man’s Land nicht in Vergessenheit zu geraten.

ARTE: Wer sitzt in diesem Abschiebezentrum?

Fernand Melgar: In Frambois sind es zumeist Menschen, die erst einige Monate hier sind, aber oft auch solche, die schon zehn oder 20 Jahre in der Schweiz lebten. Sie arbeiteten in Krankenhäusern oder als Putzkraft, zahlten Steuern und ihre Kinder gingen zur Schule. Aber sie saßen auf einem Schleudersitz.

ARTE: Was meinen Sie damit?

Fernand Melgar: Insgesamt leben in der Schweiz 250.000 Menschen illegal. Bei einer Bevölkerung von sieben Millionen Menschen ist das viel. Sie alle tragen zur Schattenwirtschaft bei: Wenn man günstige Arbeitskräfte braucht, gibt man ihnen eine Aufenthaltsgenehmigung, und wenn nicht, weist man sie aus.

ARTE: Wie laufen die berüchtigten in der Schweiz praktizierten Sonderflüge konkret ab?

Fernand Melgar: Die Menschen werden in Käfigen und mit Hand- und Fußschellen abgeführt. Auf den eigens für die Abschiebung reservierten Flügen werden sie von drei Polizisten begleitet. Um sie wehrlos zu machen, werden sie eng an den Sitz gebunden. Die Flüge selbst durfte ich nicht filmen, weil man in der Schweiz Menschen nicht in demütigenden Situationen zeigen darf. Auf solchen Flügen hat es bereits mehrere Tote gegeben, weshalb die Schweiz vom „Komitee zur Verhütung von Folter“ des Europarats schon mehrfach angeprangert wurde.

ARTE: In „Endstation Sonderflug“ haben Sie Menschen, die abgeschoben werden begleitet. Ein Jahr später spürten Sie sie auf und drehten einen zweiten Film. Warum?

Fernand Melgar: Das plötzliche Verschwinden der Menschen ließ mir keine Ruhe.

ARTE: Wie haben Sie sie wieder gefunden?

Fernand Melgar: Ich hatte mit allen Betroffenen Kontaktdaten ausgetauscht. Von den sieben, die ich in Frambois begleitet hatte, konnte ich aber nur fünf wiederfinden. Nach Geordry, einem politisch Verfolgten, suchten wir sechs Monate lang: Direkt nach seiner Rückkehr nach Kamerun war er inhaftiert und gefoltert worden. Viele denken, mit der Abschiebung der Personen in ihre Herkunftsländer sei das Problem gelöst. Im zweiten Teil des Films sieht man deutlich, dass die Schwierigkeiten erst beginnen.

ARTE: Wie ist die Lage der Abgeschobenen heute?

Fernand Melgar: Schrecklich, denn ihre erzwungene Rückkehr gleicht einem gesellschaftlichem Selbstmord. Sie alle haben unterschiedliche Schicksale. Für die abgeschobenen Afrikaner geht es oft um das Überleben der Familie. Ich wollte auch zeigen, wie stark der familiäre Druck ist. Die Ausreise nach Europa zahlt oft die ganze Familie. Sie zählt auf die Entsandten.Zurück in ihren Herkunftsländern sind sie nicht nur arbeitslos, sondern gelten auch als Versager.

ARTE: Alle Ausgewiesenen aus Ihrem Film möchten in die Schweiz zurückkehren. Handelt es sich um eine endlose Geschichte?

Fernand Melgar: Migration ist immer eine endlose Geschichte, ein ewiges Kommen und Gehen. Alle Migranten stecken voller Energie, glauben ganz fest an etwas und lassen sich nicht entmutigen. Sie alle werden es aufs Neue versuchen.

ARTE: Europa betont, nicht alle Asylbewerber und Migranten aufnehmen zu können. In ihren Herkunftsländern herrschen Konflikte und Armut …

Fernand Melgar: Die Haltung Europas und der Schweiz ist verlogen: Während wir uns an den Ressourcen der Dritten Welt bereichern, verfolgen wir eine Politik nach dem Motto „das Boot ist voll“. Vor allem in der Schweiz geht es uns gut genug, um unseren Reichtum mit anderen Menschen zu teilen.

ARTE: Der zweite Film schließt mit einem Lied in der westafrikanischen Sprache Manding: „So ist der Lauf der Welt. Jeder erhält eines Tages eine Chance.“ Warum endet der Film mit diesem Lied?

Fernand Melgar: Trotz meiner pessimistischen Sicht auf die Welt bin ich Optimist. Ich glaube an die Menschlichkeit, sonst würde ich keine Filme machen.

 

DAS LEBEN DANACH

 

Der Regisseur Fernand Melgar konnte einige der aus der Schweiz ausgewiesenen Asylbewerber in ihren Herkunftsländern aufspüren. Drei Porträts.

 

(c) 2011 CLIMAGE – RTS – SSR SRG – ARTE

(c) Fernand Melgar / Climage

Geordry, 29 Jahre alt, Kamerun. Nachdem seine Familie, politische Oppositionelle, in Kamerun ermordet wurden, flieht Geordry 2006 in die Schweiz. Dort lebt er vier Jahre lang, beantragt Asyl, studiert. Da er als Asylbewerber nicht arbeiten darf, betätigt er sich ehrenamtlich als Pfleger. Dann erhält er aus Bern die Meldung: „Es gibt keine Beweise dafür, dass eine Rückkehr des Antragstellers nach Kamerun sein Leben gefährdet.“ Geordry verweigert eine freiwillige Ausreise und verbringt vier Monate in Abschiebehaft. Per Sonderflug in Yaoundé angekommen, wird er sechs Monate inhaftiert und gefoltert. Heute sagt er: „Ich weiß nicht, was mich morgen erwartet.“   

 

 

LMECC_Ragip---Kosovo

(c) Fernand Melgar / Climage

Ragip, 39 Jahre alt, Kosovo. Als Saisonarbeiter kommt Ragip 1989 wie viele aus dem ehemaligen Jugoslawien auf legalem Weg in die Schweiz. 20 Jahre arbeitet Ragip auf dem Bau, zahlt Sozialabgaben. Seine Frau folgt ihm 2003. Sein Saisonnierstatut konnte mehrmals verlängert werden, bevor er dieses verlor – und mit ihm seine Arbeitserlaubnis und seinen Aufenthaltstitel. Ragip weigert sich zu gehen, wird fünf Monate in Frambois eingesperrt. Zurück im Kosovo lebt er bei seinen Eltern. Seine Frau und Kinder halten sich
immer noch in Genf versteckt. Heute sagt er: „Selbst wenn mich die Polizei sucht und ins Gefängnis steckt, ich gehe nach Genf zurück.“

 

 

(c) Fernand Melgar / Climage

(c) Fernand Melgar / Climage

Wandifa, 26 Jahre alt, Gambia. Die finanzielle Perspektivlosigkeit in Gambia treibt den Musiker Wandifa 2008 zur Flucht. Neun Monate dauert die Überfahrt nach Europa. In der Schweiz beantragt er Asyl, arbeitet schwarz und schickt seiner Familie Geld. Dann wird sein Asylantrag abgelehnt. 16 Monate verbringt er im Centre Frambois. Per Sonderflug bringt man ihn zurück nach Gambia. Ohne Arbeit kommt er bei seinem Onkel unter. Heute sagt er: „There’s no place like home“, kein Ort ist wie zu Hause. Doch viele Regierungen in Afrika täten nicht das Nötige, um den Menschen das Überleben zu sichern.

 

 

ARTE Interview

Fernand Melgar

(c) SWISSFILMS

(c) SWISSFILMS

Fernand Melgar, 1961 als Sohn spanischer Exilanten in Marokko geboren, reiste 1963 illegal in die Schweiz ein. Seit 1985 ist der Schweizer Produzent und Regisseur zahlreicher Dokumentarfilme, in denen er sich mit den Themen Identität und Migration befasst

ARTE Plus

Asylbewerber in der EU

Die Zahl der Asylsuchenden in der EU steigt stetig: 2013 betrug sie 434.160, im Vergleich zu 332.000 im Vorjahr. 2013 wurden insgesamt 213.580 Asylanträge in erster Instanz abgelehnt. Deutschland war 2013 mit rund 110.000 Anträgen Hauptziel aller Industriestaaten für Asylbewerber. Schweden nahm 2013 mit 24.015 am meisten Asylbewerber in Europa auf, gefolgt von Deutschland und Italien

Christine Amtmann für das ARTE Magazin

 

ARTE Dokumentarfilm

Dienstag · 15.7.

Endstation Sonderflug

21.40

Endstation Sonderflug – Ein Jahr danach
23.20

 

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Kategorien: Juli 2014