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Schlaflos im Sommer

Mit der Single „Hyper Hyper“ gelang H.P. Baxxter und seiner Band Scooter 1994 der internationale Durchbruch.
Der Hit wurde zur Hymne der 90er. Nur folgerichtig, dass der gebürtige Ostfriese durch den „Summer of“ bei ARTE führt!

(c) Robert Grischek

(c) Robert Grischek

 

Wasserstoffblonde Haare, Piercing, Lederjacke – in den 90er Jahren sind diese Accessoires zum Markenzeichen von H.P. Baxxter geworden. 2014 sieht der Frontmann der Band Scooter immer noch genauso aus wie damals, als er mit seinen Techno-Beats die größten Partys des Jahrzehnts anführte und mit dem Song „Hyper Hyper“ die Hymne für das Jahrzehnt lieferte. Wer könnte also besser den „Summer of the 90s“ für ARTE moderieren als er? Das ARTE Magazin hat ihn in Hamburg getroffen und über nebelverhangene Diskos, „Zackzackzack“-Musik und den Schlüssel zum Erfolg gesprochen.

 

ARTE: Ihr Outfit hat sich seit den 90ern nicht viel verändert …

H.P. Baxxter: Das stimmt, ich halte gerne an den Dingen fest. Meine Haare waren übrigens schon zehn Jahre, bevor es mit meiner Band Scooter losging, wasserstoffblond.

ARTE: Die 90er werden oft als Party-Jahrzehnt beschrieben – stimmt oder stimmt nicht?

H.P. Baxxter: Stimmt definitiv! Es lag so eine Unbeschwertheit in der Luft. Feiern bekam durch die großen Techno-Partys eine andere Dimension: Gemeinsam in der Masse zu feiern, das gab es vorher nicht. Der Fall der Mauer, der extreme Nachholbedarf in den neuen Bundesländern, letzlich in ganz Osteuropa, haben sicher viel damit zu tun.

ARTE: Sie moderieren den „Summer of“ bei ARTE. Was erwartet den Zuschauer?

H.P. Baxxter: Ein Querschnitt durch die Kultur der 90er! Wobei mich natürlich am meisten die Musik interessiert. Der Schwerpunkt ist musikalisch sehr breit gefächert und man erfährt, was damals hip, was neu war, was den Zeitgeist ausgemacht hat.

ARTE: Was war das?

H.P. Baxxter: Es war vor allem dieses Erlebnis, bis morgens durchzutanzen und das Gefühl, durch die Musik in einer ganz anderen Sphäre zu sein. Vor den 90ern ging man einfach in die Disko, in der Mitte war die Tanzfläche beleuchtet, man ließ sich nicht gehen. Und auf einmal waren die Diskos dunkel, es gab so viel Nebel, dass man zwei Meter weiter schon nichts mehr erkennen konnte. Das war irre!

ARTE: „Die 70er und 90er Jahre waren musikalisch das Größte“, meint Dr. Alban. Stimmen Sie zu?

H.P. Baxxter: Schwer zu sagen, beide Jahrzehnte haben tolle Sachen hervorgebracht. In den 70ern konnte man sich viel mehr Zeit lassen, da hat man wochenlang in einem Studio verbracht, um einen Song zu entwickeln. Heute werden die Tracks zum Teil von DJs „zackzackzack“ im Flugzeug auf einem Laptop zusammengeballert. Da geht natürlich die Tiefe verloren. Ich würde sagen, es gab tolle Sachen in den 90ern, aber auch viel Schrott (lacht).

ARTE: Sind Sie ein Kind der 90er?

H.P. Baxxter: Ich bin eher ein Kind der 80er, für mich waren die 90er wie eine zweite Jugend. Die 90er kamen mit einer ganz anderen Wucht, der Beginn der Rave-Szene stellte alles in den Schatten, was ich vorher erlebt hatte.

ARTE: Ihren Durchbruch hatten Sie 1994 mit dem Lied „Hyper Hyper“ – wieso dieser Titel?

H.P. Baxxter: Es gab einen Klamottenladen in London, der so hieß.

ARTE: „Hyper Hyper“ ist quasi zur Hymne der 90er geworden, wie erklären Sie sich heute den Erfolg?

H.P. Baxxter: Wir waren wohl am Puls der Zeit. Ich arbeitete damals in einer Schallplattenfirma und habe nebenbei Remixe gemacht. Der Hit ist eher zufällig entstanden und das ist vielleicht der Schlüssel zum Erfolg: Wenn man etwas zu verkrampft und unbedingt will, dann wird es oft nichts.

ARTE: Hat der Erfolg nichts mit den 90ern zu tun?

H.P. Baxxter: Wir haben den Zeitgeist vielleicht ein bisschen kanalisiert, wir haben die Musik der Raves in ein Songschema gepresst, in ein Format gebracht. Wir waren sicher die ersten, die mit der Musik aus dem Technobereich etwas Greifbares gemacht haben.

ARTE: Was ist für Sie persönlich die schönste Erinnerung an die 90er?

H.P. Baxxter: Meine Erinnerungen sind natürlich eng verknüpft mit unserem Durchbruch. Ein einschneidendes Erlebnis war, als wir es das erste Mal in die offiziellen Charts geschafft hatten. Da ging ein jahrelanger Traum in Erfüllung. Wir sind damals direkt zu einem etwas runtergekommenen Griechen gegangen, da haben sie mich anschließend rausgetragen.

ARTE: Die 90er waren eine Zeit der Sorglosigkeit …

H.P. Baxxter: … das sehe ich ganz genauso …

ARTE: … wie sorglos leben Sie heute?

H.P. Baxxter: Ich versuche, mir die Sorglosigkeit zu erhalten. Meine Grundeinstellung ist, im Hier und Jetzt zu leben. Ich habe nicht die Mission, die Welt zu verändern. Ich möchte mein Leben genießen und mich nicht nur mit Problemen befassen.

ARTE: Was passiert eigentlich, wenn Sie jemand Hans Peter nennt?

H.P. Baxxter: Eine Zeit lang konnte ich da gar nicht drauf. In den letzten 20 Jahren hat mich nur meine Mutter so genannt. Heute finde ich das fast schon wieder cool.

 

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H.P. Baxxter

Der Frontmann und Sänger von Scooter wurde 1966 als Hans Peter Geerdes in der ostfriesischen Stadt Leer geboren. Seit 20 Jahren verbucht die wohl bekannteste Techno-, Trance- und Rave-Band Europas mit ihren legendären Vocals große Erfolge: Keine andere Musik-Gruppe konnte so viele Songs in den Top-Ten platzieren

Diskografie (Auswahl)

„The 5th Chapter“ (Herbst 2014), „Music For A Big Night Out“ (2012), „Under The Radar Over The Top“ (2009), „Jumping All Over The World“ (2007), „Back To The Heavyweight Jam“ (1999), „… And The Beat Goes On“ (1995)

Katrin Ullmann für das ARTE Magazin

 

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Kategorien: Juli 2014