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Ein Banker packt aus

 

(c) HR / bauderfilm

(c) HR / bauderfilm

 

Erstmals spricht ein ehemals führender deutscher Investmentbanker über die dubiosen Geschäfte der Banken. Der preisgekrönte Dokumentarfilm gibt einen beunruhigenden Einblick in die undurchsichtige Welt der Finanzen.

 

22 Sekunden. Oft sind die kleinen Zahlen eindrücklicher als die gigantischen Milliardensummen, unter denen sich kaum jemand etwas vorstellen kann. 22 Sekunden, das ist heute die durchschnittliche Haltedauer einer Aktie, sagt der ehemalige Investmentbanker Rainer Voss. Vor 20 Jahren lag sie noch bei vier Jahren. Mit Aktien kauft man Anteile an einem Unternehmen. „Welchen Sinn es hat, eine Unternehmensbeteiligung für 22 Sekunden zu behalten, das kann mir keiner erklären“, sagt Voss. Wenn ein ehemaliger Trader das schon nicht versteht, dann sollten wir Laien uns sorgen.

Voss war einst ein führender Investmentbanker in Deutschland. Er machte Gewinne in Millionenhöhe, manchmal an nur einem Tag. Im Film steht er in einem ausrangierten Bankenturm in Frankfurt und redet. Über eine größenwahnsinnige, quasi-religiöse Parallelwelt, in der die Bürotürme wie Kathedralen wirken und die Händler Fantasien von Allmacht entwickeln. Voss ist der Protagonist in Marc Bauders Film „Der Banker – Master of the Universe“, der eine verstörende Innenperspektive auf die Finanzwelt eröffnet.

Voss erzählt nüchtern von Menschen, die ein veritables Interesse daran haben, dass der Euro zerbricht. Von Banken, die ihre Filialen inzwischen möglichst nah an die Rechenzentren der Börsen bauen, weil im automatisierten Handel Tausends- telsekunden über ein Geschäft entscheiden. Er erzählt von den „irrsinnigen Summen“, mit denen spekuliert wird, damit bei Kursänderungen die vierte oder fünfte Stelle hinterm Komma reicht, um „richtig Umsatz“ zu machen. Er spricht auch von der nächsten Finanzkrise. Wo er die erwarte? „Frankreich!“ Die Antwort kommt sehr schnell. Es wirkt, als gäbe es daran keinen Zweifel.

 

(c) HR / bauderfilm

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Das erlegte Monster. Kann eine einzige Person als Quelle für Informationen über ein weltumspannendes Bankennetz und eine globale Finanzkrise dienen? Eine einzelne Lebensgeschichte als Pars pro Toto für ein ganzes System? Die Antwort lautet: Ja, das kann sie. Gerade deswegen polarisiert „Master of the Universe“. In den Medien warf man Bauder unter anderem vor, sein Dokumentarfilm sei einseitig. Das ist zwar richtig, geht aber am Punkt vorbei. Denn der Film will keine Gesamtschau der Krise sein, keine Analyse aus der Vogelperspektive. Er will eintauchen, die Krise herunterbrechen. Will ihre Gigantomanie ästhetisch fühlbar machen und zeigen, dass hier nicht nur die kokainvergifteten Soziopathen am Werk sind, die durch Filme wie „Wolf of Wallstreet“ von Scorsese delirieren. Es sind normale Menschen wie Rainer Voss. Sie haben rosige Wangen und Doppelkinn. Und ihnen wird es eng um die Brust, wenn sie von ihren Familien erzählen, für die sie zu wenig da waren. Der Regisseur gibt den Aussagen seines Protagonisten mit langsamen Kamerafahrten durch die verlassene Bank die Zeit und den Raum, nachzuhallen. Man sieht Konferenzräume, in denen die Farbe langsam abbröckelt, leergeräumte Serverschränke, einen Kabelwust, der wie die Innereien eines ausgeweideten Tieres aus dem Boden quillt. So sieht es aus, wenn das einstige Monster erlegt ist.

 

Eine gigantische Sandkiste. Bevor Computer existierten und es auf dem Finanzmarkt weder auf Milli-sekunden ankam noch um exorbitante Summen ging, war es wie in einer „gigantischen Sandkiste“, erzählt Voss. Mit Kollegen kreierte er absurde Produkte wie „Ölbonds“, auf die es statt Zinsen Heizöl gab. „Heute kann in der Sandkiste verdammt viel kaputt gehen.“ Die risikoreichen Geschäfte der Banken gipfelten 2007 in der Finanzkrise. Auf den Tradern lastete ein enormer Druck, so Voss. Wie „Prostituierte“ sollten sie „immer fette Gewinne bringen“. Auf welche Weise man an das Geld kam, war den Vorgesetzten meist egal.  

Bei ihm klingen solche Aussagen nicht wie Phrasen. Er ist inzwischen Privatier, finanziell offenbar abgesichert. Er müsste sich nicht die Blöße geben, vor einer Kamera zu petzen. Deshalb wirkt es, als wolle er ehrlich aufklären. Ursprünglich hatte Bauder geplant, die Geschichte breiter zu erzählen: „Ich wollte die Banken in den Drehprozess einbinden.“ Vor der Kamera mochte aber kein anderer Banker etwas sagen. In der Branche herrsche „mit einem Wort: Angst“, so der Regisseur. Also ließ er seinen einzigen Protagonisten erzählen. Der stellte nur eine Bedingung: keine Nennung von Namen, weder von Menschen noch Banken, für die er gearbeitet hatte.

Ob die Verantwortlichen aus der Krise gelernt hätten, will Bauder am Ende wissen. Voss schmunzelt: „Das können nur Naivlinge glauben, dass der Markt lernfähig ist.“ Aber der Schock, der sei doch wirklich groß gewesen, hakt Bauder nach. Voss zuckt mit den Schultern: „Klar, war ein großer Schock. Let’s get on with it.“ Dazu reibt er sich beiläufig die Hände wie ein Pizzabäcker. Es sind die kleinen Dinge, die Angst machen.

Jakob Biazza für das ARTE Magazin

 

ARTE Dokumentarfilm

Der Banker – Master of the Universe

Dienstag · 17.6. · 22.55

 

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Kategorien: Juni 2014