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Brasilien und Daniel Cohn-Bendit

 

(c) Rodgrido Torres

(c) Rodgrido Torres

Brasiliens Regierung will mit Polizeigewalt die Armenviertel zurückerobern – und die
Sicherheit in den Städten erhöhen. Ist das mehr als nur Make-up für die WM?

Ein Bericht über den Wandel in Rio de Janeiros größter Favela.

 

Zezinho tastet sich vorsichtig die schmalen, steilen Gänge zwischen den rötlichen Ziegelhütten hinunter, hinter ihm eine Gruppe von Touristen, die Hundehaufen und Müll ausweichen. Graffiti an den Wänden, Berge von Stromkabeln hängen über den Gassen, an manchen Stellen läuft Abwasser über den Weg. Der 50-jährige Brasilianer führt fast täglich Besucher durch Rocinha, Rio de Janeiros größte Favela. Mit den Großereignissen Fußballweltmeisterschaft und Olympia kommen immer mehr Touristen in die Favelas.

An einer Ecke sitzen die jungen Späher der Drogengang und drehen sich Joints, Handys in der Hand und am Hosenbund – sie müssen sofort kommunizieren können, wenn die Sicherheitskräfte kommen. Nur ein paar Meter weiter, an der Hauptstraße, dort wo früher Gangster mit Sturmgewehren patrouillierten, stehen jetzt bewaffnete Polizisten.

Mit Gewalt für den Frieden. Vor zweieinhalb Jahren konnte Zezinho von seinem Fenster aus beobachten, wie der Staat in Rocinha einmarschierte. „Es hat sich angefühlt wie im Krieg“, sagt er. Dabei sollten die Befriedungspolizisten der Unidade de Polícia Pacificadora, UPP, den Menschen in den Favelas den Frieden bringen: Seit 2008 hat der Staat fast 200 Favelas in Rio besetzt – um die Stadt vor der Fußball-WM 2014 sicherer zu machen und den Einfluss der Drogengangs zurückzudrängen. Allein in Rio, dem Touristenmagneten mit den schönen Stränden, dem Meer und dem Zuckerhut, lebt etwa ein Viertel der sechs Millionen Einwohner in den mehr als 1.000 Favelas. Besetzt werden nur jene, die in der Nähe von Flughäfen, Fußballstadien, Stränden oder wohlhabenden Vierteln liegen – wie die Favela Rocinha, deren rote Ziegelhütten sich dicht an dicht an einen Berg stapeln, unter dem das Reichen-Viertel São Conrado liegt.

Hoffnung auf mehr. Als die Polizei die Favela einnahm, hofften viele Bewohner auf eine neue Zeit, darauf, dass der Staat sich vom Anwalt der Reichen in einen Dienstleister für alle verwandeln würde. Bisher war die lokale Drogengang der einzige Ansprechpartner für die Sorgen der Bevölkerung gewesen, ein Teil des Drogengeldes der Gang floss in Schulen, Müllabfuhr, Verpflegung und Arztkosten für die Armen. Neben der Polizeipräsenz sollen nun auch Infrastrukturmaßnahmen und Freizeitangebote den Alltag in den Armenvierteln verbessern. Jugendliche können kostenlos Kampfsportunterricht nehmen, in einem Orchester spielen. Doch vor allem optisch wurde die Favela aufgewertet, mit Prestigebauten und bunten Sozialwohnungen, in die einige bedürftige Familien umziehen konnten. Ein maroder Fußgängerüberweg wurde abgerissen, jetzt führt eine riesige Steinbrücke nach dem Entwurf des Stararchitekten Oscar Niemeyer in die Favela hinein. Daneben hat die Stadt ein Sportzentrum hochgezogen. In der neuen Bibliothek, einem modernen Gebäude mit Terrasse, surfen Jugendliche im Internet, Kinder lümmeln auf Sofas und blättern in Magazinen.

„Es ist wichtig, dass die Kinder eine Beschäftigung haben“, sagt Mary Santos. „Und es könnte eine neue Realität werden, dass sie hier mit Büchern aufwachsen.“ Die 25-Jährige ist die erste aus ihrer Familie, die studiert. Santos’ Mutter ist Analphabetin, kam wie viele in der Favela Rocinha aus Bahia im ärmlichen Nordosten Brasiliens nach Rio. Mary Santos schaffte es mit einem Stipendium an die Universität, doch sie weiß, wie hart es ist, sich hier auf die Schule zu konzentrieren: Die Wände der Ziegelhäuser sind dünn, kaum eine Handbreit trennt die Fenster von Nachbarn, mehrere Musikanlagen gleichzeitig sowie Verkehrslärm dröhnen durch die Gassen. Mit den angekündigten Investitionen könnte sich der Alltag der jungen Generation verändern. „Wir warten, aber die Hoffnungen sind größer als das, was letztendlich passiert“, sagt Santos.

Skandale schüren Misstrauen. Tatsächlich wächst die Wut auf Regierung und Polizei: Viele haben das Gefühl, dass die Probleme in den Armenvierteln zur WM übertüncht, nicht gelöst werden sollen, während für die WM Milliarden ausgegeben werden – und dass die UPP vor allem mit Gewalt für Ruhe sorgen will. Auch wenn viele Bewohner das Ende der Drogenherrschaft als Befreiung empfinden, ist das Ansehen staatlicher Macht durch das harte, willkürliche Vorgehen stark geschwächt. Zahlreiche Menschen sind in Rios Favelas umgekommen, oft im Kreuzfeuer zwischen Polizei und Drogengangs. Der Favelareporter Michel Silva, der auf seiner Webseite „Viva Rocinha“ über die Entwicklungen in Rocinha berichtet, ist skeptisch: „Die Polizei missbraucht ihre Macht, die Menschen haben Angst.“ Im Juli 2013 nahmen Polizisten in Rocinha den Maurergehilfen Amarildo de Souza fest, dann verschwand er spurlos. 25 Polizisten wurden daraufhin angeklagt – sie hatten Amarildo mit Elektroschocks gefoltert, dabei starb er. Bis heute weiß niemand, wo die Leiche ist.

(c) NDR / Bildersturm

(c) NDR / Bildersturm

Die WM als Milliardenschleuder. An Strommasten und Häuserwänden hängen Handzettel, die gegen eine Gondelbahn in der Favela protestieren, die Favelabewohner und Touristen vom Fuß der Favela bis oben auf den Berg transportieren soll. Über die Favelasiedlungen des Complexo do Alemão im Norden Rios schweben jetzt schon jeden Tag etwa 12.000 Favelabewohner und Touristen in einer roten Gondelbahn – das sind mehr Besucher als auf dem Zuckerhut. In Rocinha nennen Favelabewohner die geplante Seilbahn „Telefante“ – weil sie ihnen wie ein weißer Elefant vorkommt, eine Verschwendung von Millionen von Reais, die an anderer Stelle dringender benötigt werden. „Es wird viel Geld versenkt, während wir weiter offene Abwasserkanäle haben“, sagt Michel Silva. Mit seinem Smartphone fotografiert er, wie Wasser bei Regen die Häuser überschwemmt oder Müll sich an manchen Ecken meterhoch stapelt – und twittert die Behörden an. Mehr als 8,5 Milliarden Euro pumpt der Staat in die Fußball-WM. Allein die Renovierung von Rios berühmtem Maracanã-Stadion soll mehr als 425 Millionen kosten – doppelt so viel wie ursprünglich vorgesehen.

Das Make-up für die WM. Einige der Favelabewohner wünschen sich sogar die alte Herrschaft der Drogengangs zurück. Mit harten Gesetzen sorgten die Gangs für Ruhe. Mörder und Verräter wurden erschossen, die Hände von Dieben in Säure getaucht. Er stehe nicht auf der Seite der Gangs, sagt der Favelabewohner Zezinho, „aber das System hat funktioniert“. Jetzt fühle sich Rocinha unsicherer an als zuvor, auch weil die Drogengangs ihr Gebiet vor der WM zurückerobern wollen. In mehreren Favelas haben sie bereits No-go-Zonen errichtet, die von der Polizei nicht mehr betreten werden. „Man kann nicht sagen, wie es hier in einem Jahr aussehen wird“, sagt Michel Silva. „Weil sich die Dinge jeden Tag ändern.“ Die meisten glauben inzwischen sogar, dass sich die Polizei nach WM und Olympia wieder ganz aus den Favelas zurückziehen wird und nennen den Versuch des Staates, die Favelas zu befrieden nur noch „Maquiagem“, Make-up.

Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl für das ARTE Magazin

 

ARTE Gastautorinnen

Die Journalistinnen Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl bloggen seit 2013 auf Favelawatchblog.com live aus Rocinha

ARTE PLUS

Favela – Die Stadt in der Stadt

Die ersten Favelas Brasiliens entstanden im Zuge der Sklavenbefreiung 1888 und des darauffolgenden großen Zustroms in die Städte. Laut des letzten Zensus 2010 leben offiziell über 11 Millionen Menschen in Brasiliens Armenvierteln, wovon ein Drittel über keinen Anschluss an ein Abwassersystem verfügt. Früher bestanden die Behausungen aus Kistenbrettern, Blechkanistern und Palmwedeln, werden mittlerweile aber vor allem in Großstädten aus Stein und Holzbrettern gebaut

 

 

„Dany’s Day“ – der Blog zur WM

Der frühere Europapolitiker und Fußballfan Daniel Cohn-Bendit reist während der WM mit einem Campingbus durch Brasilien – und schreibt für ARTE einen Blog.

Ein Interview kurz vor seiner Abreise.

(c) ACAJOU FILMS 2014

(c) ACAJOU FILMS 2014

 

ARTE: Herr Cohn-Bendit, werden wir Sie bei der Weltmeisterschaft im französischen, deutschen oder brasilianischen Trikot im Stadion sehen?

Daniel Cohn-Bendit: Weder noch, denn ich bin für meinen Weblog auf ARTE unterwegs. Sowieso würde man mich nie in einem Nationaltrikot sehen, auch wenn ich meistens für Frankreich bin. Bei dieser WM hoffe ich aber, dass Brasilien gewinnt!

ARTE: Fußball, was ist das für Sie?

Daniel Cohn-Bendit: Fußball ist meine Leidenschaft – seit ich sechs bin. 1984 reiste ich nach Brasilien. Es war eine Zeit des Umbruchs von der Militärdiktatur zur Demokratie und erst in Brasilien bekam Fußball für mich eine politische Komponente: Damals ging ich in São Paulo zu einem Fußballspiel der damaligen brasilianischen Meister, der Corinthians. Bei ihrem Einzug ins Stadion hielten die Spieler ein riesiges Transparent in die Höhe, auf dem stand: „Gewinnen oder verlieren, aber immer für die Demokratie.“ Sie forderten freie Wahlen in Brasilien. Der Kopf hinter dieser Aktion war Sócrates, der Kapitän der Mannschaft. Wir wurden enge Freunde.

ARTE: Wie wird Ihr Blog „Dany’s Day“ aussehen?

Daniel Cohn-Bendit: Der Blog ist ein Online-Tagebuch aus drei-minütigen Kurzfilmen meiner 6.000 Kilometer langen Reise durch Brasilien. Außerhalb der Stadien werde ich mit den verschiedensten Leuten, wie dem Ex-Fußballer Afonsinho oder dem Musiker Gilberto Gil, die WM erleben. Dieser Blog soll während der Weltmeister-schaft in Direktzeit ein etwas

anderes Bild der Realität in Brasilien vermitteln als die gängigen Sportmedien.

ARTE: Sie reisen mit einem Campingbus. Wieso?

Daniel Cohn-Bendit: Der Campingbus begleitet unsere Reise – im Sinne eines Roadmovies. Er trägt den Namen Sócrates – eine Hommage an meinen 2010 verstorbenen Freund, mit dem ich das Projekt geplant hatte. Den Bus lassen wir von dem Favela-Künstler Sesh bunt bemalen – so sind auch die Menschen neugierig auf uns und nicht nur wir auf sie.

ARTE: Ist die Weltmeisterschaft eine Chance für Brasiliens Demokratie?

Daniel Cohn-Bendit: Es hat schlecht begonnen: Das Geld hätte statt in Stadien in Krankenhäuser investiert werden können. Vor Ort habe ich Transparente gesehen mit dem Spruch: „Wenn Sie krank sind, gehen Sie ins Fußballstadion.“ Diese Fehlinvestitionen haben die Bevölkerung aber mobilisiert und es kommt zu Revolten im Sinne der Demokratie.

ARTE: Worauf kommt es jetzt an, damit sich das Blatt noch zum Guten wendet?

Daniel Cohn-Bendit: Mit der WM in Brasilien prallen Sport und soziale Gerechtigkeit aufeinander. Und die brasilianischen Fußballer spielen eine tragende Rolle. Beim Confed-Cup 2013 haben sie sich mit den Demonstranten solidarisiert. Wir werden sehen, wie sie sich dieses Mal verhalten – ob es EIN Brasilien gibt, oder ob sich Brasilien in FIFA-Land und Nicht-FIFA-Land teilt.

 

Isabel Bleyhl für das ARTE Magazin

ARTE Schwerpunkt

 Mit ARTE auf Brasilien-Tour

Kulinarische Reise durch Brasilien · 20-tlg. Dokureihe
ab Montag · 2.6. · ab 11.15

In der Hängematte auf dem Amazonas · Gesellschaftsdoku
Montag · 2.6. · 16.10

Brasiliens unbekannte Seite · Gesellschaftsdoku

Dienstag · 3.6. · 16.15

Der wahre Karneval in Rio · Gesellschaftsdoku
Mittwoch · 4.6. · 16.15

Kinder des Windes · Gesellschaftsdoku
Donnerstag · 5.6. · 16.15

Die Wanderärzte vom Río Pastaza · Gesellschaftsdoku

Freitag · 6.6. · 16.20

Rio 50 Grad Celsius · Dokumentarfilm
Samstag · 7.6. · 22.00

 Deborah Colker und der Tanz am Zuckerhut · Kulturdoku

Sonntag · 8.6. · 23.15

X:enius · Wissensmagazin

Montag · 9.6. · fünf Folgen von Montag bis Freitag
jeweils um 8.25

 Das Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro · Dokumentarfilm
Montag · 9.6. · 9.45

360° GEO Reportage: Paco Pacos – Die Knatterkisten vom Amazonas · Reportage
Montag · 9.6. · 13.05

O Samba · Kulturdoku
Montag · 9.6. · 15.15

Brasiliens Küsten · 5-tlg. Dokureihe
Montag · 9.6. · ab 16.10

Rio – Kampf um Frieden · Dokumentarfilm

Dienstag · 10.6. · 22.40

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter arte.tv/brasilien2014

 

 Der Dokumentarfilm „Futebole“ über Cohn-Bendits Reise wird im Dezember
bei ARTE ausgestrahlt

Den Webblog „Dany’s Day“ finden Sie ab 11. Juni unter: info.arte.tv

 

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Kategorien: Juni 2014