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Bio – Ein Massenproblem

 

 

(c) MDR / DOKfilm

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Mensch und Natur zu schützen, das war das Anliegen der ersten Bio-Bauern. Von den kleinen Anfängen ist heute kaum etwas geblieben, Bio ist zum globalen Geschäft geworden. Hat der Kapitalismus die Ideale von einst zerstört? Das Interview.

 

Natürlich, regional, nachhaltig – das waren die Ideale der Bio-Pioniere in den 1920er Jahren. Heute, fast ein Jahrhundert später, ist Bio so populär wie nie. Es ist zum globalen Massenphänomen geworden – und zum großen Geschäft mit dem guten Gewissen, das dem Verbraucher mit grünen Siegeln faire Arbeitsbedingungen, nachhaltige Produktion und chemiefreie Nahrung verkauft. Filmemacher Christian Jentzsch ist für ARTE in sechs Länder gereist und hat sich auf dem heiß umkämpften Markt umgesehen. Ein Interview über die Frage, ob Bio und Masse zusammenpassen.

 

ARTE: Kaufen Sie selbst noch Bio?

Christian Jentzsch: (lacht) Warum denn nicht? Es geht im Film ja nicht darum, dem Konsumenten Bio auszureden. Wir wollen zeigen, welche Fehlentwicklungen die Bio-Szene genommen hat.

ARTE: Welche sind das?

Christian Jentzsch: Bio ist zu einer Massenproduktion geworden, der ökologische Landbau ist industrialisiert worden. Die ursprünglichen Bio-Pioniere wollten eine schonende, regionale und saisonale Landwirtschaft. Heute werden ihre Träume oft verkauft. Die Liste der Probleme ist lang: unfaire Arbeitsbedingungen, nicht artgerechte Tierhaltung, EU-Subventionen, die vor allem die Rendite von Investoren und manchmal sogar von Betrügern fördern, Etikettenschwindel …

ARTE: Ist Bio also Schwindel im großen Stil?

Christian Jentzsch: Es geht nicht darum, Bio grundsätzlich schlecht zu machen. Nur hat Bio eben den Anspruch, besser zu sein, fairer zu sein, nachhaltiger zu sein. 

ARTE: Das ist es aber nicht?

Christian Jentzsch: Nicht unbedingt. Bio verspricht den Menschen ein gutes Gewissen, aber die industrielle Bio-Produktion passt sich immer mehr der konventionellen Lebensmittelproduktion an. Man greift auf dieselben Betriebswege zurück, dieselben Anbaugebiete, auf großflächige Monokulturen. Also auf das, was man eigentlich kritisiert hat. 

ARTE: Einige dieser Kritikpunkte haben Sie unter die Lupe genommen. Unfaire Arbeitsbedingungen zum Beispiel in Spanien, Almería …

Christian Jentzsch: Dort werden Bio-Tomaten mit unglaublich viel Energieaufwand bewässert, während die Landarbeiter zum Großteil ohne fließend Wasser leben. Viele arbeiten für maximal 35 Euro am Tag zehn Stunden unter Plastikplanen bei gefühlten 80 Grad. Man greift auf ein Heer von Migranten zurück, oft ohne Papiere und Arbeitsverträge. Das sind teilweise rechtlose Zustände.

ARTE: Ihre Reise hat Sie auch nach China geführt, das Land ist einer der größten Bio-Rohstoffexporteure weltweit. Wie ist die Situation dort?

Christian Jentzsch: China erlebt einen enormen Bio-Boom. Das Problem ist, dass die Bauern in einem Teufelskreis stecken, weil die Böden in China schon stark vergiftet sind. Hinzu kommt, dass gefälschte Bio-Zertifikate ganz leicht erkauft werden können, zudem werden Böden oft mit Schwefel angereichert – nach Bio-Richtlinien. Benutzt man zu viel, übersäuert der Boden. Um große Erträge zu erzielen, werden oft verbotene Pestizide eingesetzt.

ARTE: Und große Erträge braucht man, um die weltweit steigende Nachfrage nach Bio zu bedienen …

Christian Jentzsch: Großinvestoren sind davon überzeugt, dass Bio größer werden, Rendite abwerfen müsse. Bio-Investment ist das Stichwort, also die Tatsache, mit viel Bio viel Geld zu verdienen. Bio dient so vor allem der Geldanlage. Ein Beispiel dafür ist Osteuropa, wo ausländische Investoren massenhaft Land aufkaufen, weil die EU das subventioniert. Kleinbauern bleiben auf der Strecke. 

ARTE: Ist es also nur ein Traum, dass Bio eines Tages die ganze Welt ernähren kann?

Christian Jentzsch: Ich kann verstehen, dass Menschen davon träumen. Sicher könnte man das schaffen, wenn man Bio nur über den kleinsten gemeinsamen Nenner definiert: als Lebensmittel ohne Chemie. Aber Bio, so wie die Pioniere und auch die Konsumenten es verstehen, kann nicht in solchem Ausmaß produziert werden.

ARTE: Massenproduktion macht Bio für viele erschwinglich – ist das nicht gut für den Verbraucher?

Christian Jentzsch: Wenn billig das Kriterium ist: ja. Aber das Kriterium sollte doch sein, wie nachhaltig etwas produziert ist. Und dahinter muss man ein großes Fragezeichen setzen.

ARTE: Unterhöhlt der massenhafte Verkauf im Discounter den Bio-Gedanken?

Christian Jentzsch: Ja! Auch in der Bio-Szene ist das hochumstritten. Bio soll der Natur zum Durchbruch verhelfen, egal wie die Kartoffel aussieht. Bei den Discountern geht es um optische Kriterien, um Vermarktbarkeit. Da werden Kartoffeln weggeschmissen, weil sie nicht makellos sind – obwohl sie mehr Bio-Kriterien erfüllen als die eingeflogenen, schönen ägyptischen Frühkartoffeln …

ARTE: … auf denen ein Bio-Siegel klebt. Dass die nicht immer dabei helfen, Bio zu definieren, zeigt Ihr Besuch bei einem norwegischen Start-up …

Christian Jentzsch: Das Unternehmen wollte einen Hagebutten-Extrakt biozertifizieren lassen. Schließlich kam heraus, dass die Kapsel aus Gelatine ein Siegel in Norwegen bekommen hätte, aber keines in Deutschland. Die Hagebutten wiederum hätten ein Zertifikat in Deutschland, nicht aber in Norwegen bekommen … Absurd!

ARTE: Ein Tierschützer sagt im Film: „Wir können Bio nicht mit Siegeln steuern. Es wird immer an Schrauben gedreht, damit Bio möglichst billig und damit als Illusion verkauft wird.“ Stimmen Sie zu?

Christian Jentzsch: Das ist die Erkenntnis, die bleibt. Der Versuch, über Zertifikate Nachhaltigkeit objektivierbar zu machen, ist fragwürdig. Unsere Gesellschaft braucht eine Debatte darüber, was Bio ist. Ich würde mir wünschen, dass sich Bio wieder dahin entwickelt, woher es kommt: Zu einer schonenden, regionalen, saisonalen Produktion, die auf manches verzichtet. Genauso wie wir Konsumenten auf das ein oder andere Schnäppchen verzichten müssen. Wollen wir nun die belohnen, die in Massen billig produzieren oder die Kleinbauern, die es verdienen?

Diana Aust für das ARTE Magazin

ARTE Interview

Christian Jentzsch hat Visuelle Kommunikation in Hamburg studiert; seitdem freier Autor, Journalist und Filmemacher; 2013 Umwelt-Medienpreis für „Wem gehört das Wasser?“

ARTE Plus

Bio – das Geschäft in Zahlen

Bio-Landwirtschaftsfläche

Weltweit gibt es 37,5 Millionen Hektar Bio-Landwirtschaftsfläche (hat sich innerhalb von zehn Jahren fast verdoppelt); Spitzenreiter ist Ozeanien mit 32% Anteil an der globalen Fläche, gefolgt von Europa mit 30% (Deutschland: circa eine Million Hektar)

Bio-Markt

2012 waren die USA der größte Bio-Markt der Welt, die Menschen gaben über 22 Milliarden Euro für Bio aus; Deutschland ist der weltweit zweitgrößte und Europas größter Markt mit über sieben Milliarden Euro Umsatz

Bio-Produzenten

2012 gab es 1,9 Millionen Bio-Produzenten, führende Länder sind Indien, Uganda und Mexiko

arte.tv/bio-illusion

 

 

ARTE Themenabend

Die Bio-Illusion: Massenware mit Öko-Siegel

Dienstag · 3.6. · 20.15

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Kategorien: Juni 2014