TYPISCH FRANKREICH
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Süsser die Glocken nie klingen

Typisch-Frankeich-Mai1

(c) Drushba Pankow

Die Franzosen sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie
wirklich? Das ARTE Magazin geht auf Spurensuche. Warum in Frankreich am 1. Mai durch die Blume gekämpft und geliebt wird.

Der Mai ist gekommen, der Wonnemonat, in dem die Bäume aus- und die Herzen höher, lauter, stürmischer schlagen. Der Mensch wird floral. Oder vegetal? Egal, er blüht auf: Im Mai kann eine Liebe besonders üppig sprießen, denn was gibt es jetzt Schöneres, als unterm Fliederbusch Süßholz zu raspeln? Am besten soll’s auch gleich ein paar rote Rosen regnen (der Mai ist auch der Rosenmonat). Ja, und weiter?

Spricht man im Deutschen von Blümchen, ist man automatisch bei den Bienchen. Also bei den niederen Trieben, um im Bild zu bleiben. Kaum ist für Veronika der Lenz da, wächst der Spargel – unvermeidlich. Ist die deutsche Sprache Brachland, was romantisches Liebeswerben „durch die Blume“ betrifft?

Franzosen, wer sonst, haben da etwas, was wir nicht haben, wenn es darum geht, jemanden zu verführen, ihm den Hof zu machen. Es ist das zärtliche Verb „mugueter“, maiglöckeln. Auch wenn das nicht unbedingt ein hochmodernes Wort ist, denn es stammt aus der Renaissance. Der edle Karl IX., Frankreichs König von 1560 bis 1574, begründete einen Brauch dazu: Am 1. Mai 1560 überreichte er den Damen des Hofes „un brin de muguet“, ein Sträußlein Maiglöckchen.

Bis heute läutet das Glöckchen in Frank-reich den Monat Mai ein: So gut wie alle Franzosen schenken dem oder der Liebsten – oder jemandem, den sie einfach gerne mögen – am 1. Mai „un brin de muguet“, denn die Blume gilt als Glücksbringer. Maiglöckchen sind total toxisch, außerdem stehen sie unter Naturschutz, ruft kopfschüttelnd der Deutsche. Stimmt, antwortet der Franzose, trotzdem werden sie am 1. Mai an jeder Straßenecke verkauft. Und das aus einem weiteren Grund: Sie sind auch ein Symbol des Arbeiterkampfes. Wenn die politisch Engagierten am Tag der Arbeit wieder dem Ruf der Gewerkschaften und Parteien auf die Straße folgen, um wacker für ihre Rechte zu demonstrieren, trägt so mancher Klassenkämpfer ein Bund „muguets“ im Knopfloch. Warum? Seit 1907 sollen Maiglöckchen, mit einem roten Band versehen, Demonstrierenden Glück bringen, frei nach dem Motto: Grün sind die Zweige, die Fahne ist rot. Okay, das ist jetzt aus dem Mailied von Brecht geklaut, aber dessen Herz schlug auch links, obwohl er sehr weit rechts des Rheins lebte.

Und bringt sie denn tatsächlich Glück, die giftige Gabe des Liebesmonats? Einen Versuch ist es wert: Überreichen Sie am 1. Mai „un brin de muguet“, vielleicht mit einem roten Bändchen dekoriert, und erzählen Sie diese Geschichte von Liebe und Klassenkampf dazu. Valentinstag und rote Rosen hauen in Deutschland niemanden mehr vom Stengel, das Maiglöckeln dagegen schon. Und vielleicht gibt es sie ja auch im Topf zu kaufen?

Katja Ernst für das ARTE Magazin

 

Weitere französische und auch deutsche
Eigenheiten in „Karambolage“, sonntags, 19.30,

arte.tv/karambolage

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Kategorien: Mai 2014