ENTDECKUNG

Sommer am Polarkreis

(c) ARTE / YLE

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30 Tage Arktis, zu Land, zu Wasser und in der Luft: Eine zehnteilige ARTE-Dokureihe zeigt Russlands raue, unbekannte Seite. Ein 6.000-Kilometer- Abenteuer zwischen Murmansk und dem Beringmeer, das voller Extreme steckt.

Die Sommer in Russlands hohem Norden können wie Wundertüten sein. Während die Sonne scheinbar niemals untergeht, wechselt das Wetter am nördlichen Polarkreis fünfmal am Tag, so heißt es – das ist der Einfluss der Arktis. Unwirtliche Bedingungen für das Filmteam, das für ARTE zu einer „Sommerreise am Polarkreis“ aufgebrochen war; denn Stürme, die aus dem Nichts heraufziehen, können einen straffen Drehplan für Tage außer Kraft setzen. Und das umso mehr, als das Team in 30 Tagen eine Strecke von 6.000 Kilometern zurückzulegen hatte. Die abenteuerliche Reise startete in Murmansk im Westen, nahe Finnland und Norwegen, um in Russlands äußersten Nordosten zu führen: zum Beringmeer, nur 80 Kilometer von Alaska und damit von den USA entfernt.

Eine Terra incognita

Die Naturgewalten seien launisch, doch dem Dreh wohlgesonnen gewesen, sagt Ville Haapasalo rückblickend. Der 42-jährige Finne ist das Gesicht der zehnteiligen Dokureihe; mit ihm reist der Zuschauer durch Städte und Landschaften jenseits des 66. Breitengrades, und mit ihm begegnet er den unterschiedlichsten Menschen: Mönchen auf der Insel Solowezki im Weißen Meer, jungen Städtern in einem Nachtclub in Murmansk, dem U-Boot-Kommandanten in Sewerodwinsk, Arbeitern in der Industriestadt Norilsk, dem Schamanen vom Stamm der Tschuktschen, östlich des Urals.

Der Schauspieler Ville Haapasalo studierte in Sankt Petersburg und tritt in Finnland wie in Russland im Fernsehen auf; 2003 wurde er für eine seiner Rollen mit dem Staatspreis der Russischen Föderation ausgezeichnet. Eine Idealbesetzung für die Dokureihe, denn er ist charismatisch, spricht fließend Russisch und bewegt sich selbstverständlich im Land. Außerdem: Wie wohl für die meisten Europäer war Russlands Norden für ihn eine Terra incognita. Die Region steht für dünn besiedeltes Ödland, Murmansk mit seinen 370.000 Einwohnern ist die größte Stadt. Beherrscht wird die russische Arktis von Industrie und Militär; immer wieder ist sie in der Presse, weil unter ihren Böden geradezu mythische Vorkommen an Öl, Gas, Kohle, Metallen lagern – und wegen der Nordostpassage, dem legendären Seeweg, der bei schmelzendem Eis 2040 verlässlich schiffbar sein könnte.

Ville Haapasalo wolle, so sagt er, mit dieser Dokureihe russische Wirklichkeit zeigen, über die in den Medien kaum berichtet werde: Vielfalt, gespiegelt in der Begegnung mit den Menschen. Und so geht er, ein bulliger Typ mit immer derselben Wollmütze, auf die Leute zu und bringt sie zum Reden: mit kumpelhafter Neugier, bärtig und gut gelaunt. Kritische Themen lässt er nicht aus; es geht auch um Erdgasgewinnung, Umweltschäden durch tauende Permafrostböden im Zuge des Klimawandels, den Gulag in Sibirien. Haapasalo spricht mit Umweltaktivisten ebenso wie mit Repräsentanten der Industrie, Gazprom zum Beispiel. Wichtig sei ihm, betont er, sich mit seiner Meinung zurückzuhalten. Der Zuschauer solle sich sein eigenes Bild machen.

Von Samen, Nenzen und Tschuktschen

„Das Leben im Norden ist rau“, sagt Ville Haapasalo, „und ich habe einen enormen Respekt vor den Menschen. Sie sind starrsinnig, liebenswürdig und gastfreundlich“. Vor allem die traditionelle Lebensweise und die Geschichte der indigenen Völker, von denen es etwa 40 am russischen Polarkreis gibt, hat ihn tief berührt. Ursprünglich Nomaden, verloren sie ihr Land, unter anderem weil ihr Boden ab den 1950er und 60er Jahren industriell erschlossen und für Atomtests genutzt wurde. Ville besucht das „heilige Land“ der Samen im Westen, teilt auf der Jamal-Halbinsel den Alltag der Nenzen, die in Zelten leben und Rentierzucht betreiben, und reist zu einem Dorf der Tschuktschen im wilden Osten. „Müsste ich einen ‚Lieblings‘-Protagonisten wählen, würde ich mich für einen älteren Tschuktschen entscheiden. Er würde alles dafür geben, sagte er, damit seine Leute aus den Städten in ihr Land zurückkehren können.“

(c) ARTE/YLE

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Mit dem Panzer zum Kap Deschnjow

Die 6.000 arktischen Kilometer seiner „Sommerreise“ legt Ville zu Wasser, zu Land und in der Luft zurück: per Schlauchboot oder Eisbrecher, auf dem Rücken eines Esels oder in einem Amphibienfahrzeug. Oft reist er per Hubschrauber, weil die Entfernungen kaum anders zu bewältigen sind – entsprechend atemberaubend ist der Blick auf das weite Land. Der westlichere Teil des Reisegebietes wird stückweit erschlossen: Ein Abschnitt der Transsibirischen Eisenbahn ist seit 2011 fertiggestellt, die Route von Obskaja nahe Salechard nach Karskaja auf der Jamal-Halbinsel ist die nördlichste Bahnstrecke der Welt. Gebaut wurde sie, weil hier, im Autonomen Bezirk der Jamal-Nenzen, Russlands größte Erdgasvorkommen liegen; sie sind auch die größten weltweit. In den 1980er Jahren entdeckt, ist die technisch komplizierte Gasförderung erst seit Ende 2012 möglich. Eine tickende Zeitbombe sind die Permafrostböden. Sobald sie auftauen, entsteht ein Sumpfgebiet, in dem das Pipeline-System einfach einsinkt. Ville, der die ein Quadratkilometer große Anlage in Bowanenkowo besichtigt, wo die Gaspipeline Nord-Stream beginnt, kann ein Stück weit mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren (obwohl der Zug nur Geräte und Gazprom-Mitarbeiter transportiert), um in der Tundra vom Zug zu springen: Ab hier bringt ihn ein Rentierschlitten der Nenzen zu deren Camp. Seine letzte Etappe, zum Kap Deschnjow am Beringmeer im äußersten Osten, bezwingt Ville gar mit einem Panzer; das Wetter macht Fliegen unmöglich, Straßen sind nicht ausgebaut. Auch die Orientierung ist nicht einfach: Die Bewohner der Stadt Anadyr leben an 300 Tagen im Jahr mit Nebel. Damit sie zu ihren Häuserblocks finden, sind die großflächig mit Bildern bemalt.

Land der Extreme

Ville zeigt Nordrussland als Land der extremen Gegensätze: Er reist in die nördlichste Wüste der Welt, in das Dorf Schoina am Weißen Meer, das nur per Schiff oder Flugzeug zu erreichen ist und das vom Sand überflutet wird, weil die schützende Vegetation fehlt. Den 300 Bewohnern bleibt nur der Griff zum Spaten, um ihre Behausungen freizuschaufeln. Einen Rekord ganz anderer Art hält Norilsk auf der Taimyrhalbinsel: Der Ort ist eine der am stärksten verschmutzten Städte der Welt mit der größten Nickelmine der Welt. Ville steigt in den Aufzug, 1.300 Meter Luft unter sich, obwohl er nicht schwindelfrei ist. Während die Besichtigung mit Sondererlaubnis möglich ist, bleiben dem ausländischen Team andere Türen verschlossen, wie die zu einer Werft im ehemaligen Arbeitslager Sewerodwinsk: Interview mit einem Ingenieur ja, Begehung und Aufnahmen von Atom-U-Booten und Bohrplattformen nein.

Was hat es bedeutet, im wilden Russland zu drehen, das so rau und so reich an Begegnungen, Naturschönheiten, Zukunftsthemen ist? Abenteuer, Entdeckung, Herausforderung? „Viel von alledem“, sagt Ville. „Aber für mich war diese Reise vor allem eines: eine Eroberung.“

 

Katja Ernst für das ARTE Magazin

 

ARTE Plus

Die Nordostpassage

Die Nordostpassage wird im Zuge des Klimawandels schiffbar: 71 kommerzielle Fahrten gab es 2013, siebenmal so viele wie 2010. Die Route verkürzt den Seeweg von Asien nach Nordeuropa um 30 Prozent im Vergleich zur südlichen Strecke durch den Suezkanal. Wann die Passage wirtschaftlich rentabel wird, ist fraglich: Seit 2008 ist sie nur einen Monat im Jahr eisfrei. 2013 betrug das Frachtvolumen 1,35 Mio. Tonnen – durch den Suezkanal gingen 2 Mio. Tonnen Fracht am Tag

 

ARTE Dokureihe

Eine Sommerreise am Polarkreis

von Mo 5.5. bis Fr 9.5. · zwei Folgen täglich, jeweils um 18.25 und 19.30

(1) Halbinsel Kola, Murmansk

(2) Weißes Meer, Solowezki-Inseln

(3) Weißes Meer, Letnyaya Zolotitsa

(4) Kanin-Halbinsel, Schoina

(5) Jamal-Halbinsel, Land der Nenzen

(6) Taimyrhalbinsel, Norilsk

(7) Jenissei, Dudink

(8) Jakutien, Tiksi

(9) Tschuktschen-Halbinsel, Lorino

(10) Beringstraße, Kap Deschnjow

Beachten Sie das Zusatzangebot rund um den Nordpol: Schwerpunkt unter arte.tv/polarkreis

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Kategorien: Mai 2014