FILM

Hymne an das Leben

(c) Rommel Film/Andreas Dresen

(c) Rommel Film/Andreas Dresen

 

Ein Vater stirbt, seine Familie begleitet ihn. Von diesem Drama erzählt Andreas Dresen in seinem erschütternden und zugleich lebensbejahenden Film „Halt auf freier Strecke“.
Der Regisseur und sein Hauptdarsteller Milan Peschel im Interview.

„Halt auf freier Strecke“ hat Andreas Dresen sein Drama genannt. Es erzählt, was es heißt, gehen zu müssen, mitten im Hier und Jetzt. Dieses Schicksal ereilt den Familienvater Frank, gespielt von Milan Peschel, als er die Diagnose erhält: Hirntumor, unheilbar. Das Leben wird im Laufe des Films immer mehr aus ihm heraussickern – seine Familie bleibt hilflos an seiner Seite. Der letzte Schnee, die letzte Zigarette, der letzte Sex – Andreas Dresens Film ist todtraurig, aber trotzdem voller Hoffnung. Dafür wurde er 2011 in Cannes ausgezeichnet. Das ARTE Magazin sprach mit Dresen und Peschel über einen Film, bei dem man als Zuschauer viel durchmacht – und gestärkt aus ihm hervorgeht.

ARTE: Ist der Tod ein Tabu in unserer Gesellschaft?

Andreas Dresen: Nur insofern, als wir ihn selbst dazu machen.

ARTE: Das müssen Sie genauer erklären.

Andreas Dresen: Unsere Gesellschaft ist auf vielen Ebenen eine entfremdete: Vor 100 Jahren war es ganz selbstverständlich, dass der Großvater im Kreis der Familie starb und die Kinder dabei waren. Da konnte man den Tod sehen, riechen, anfassen. Jetzt lagern wir Themen wie Kindererziehung, die Pflege der Kranken und Alten oder das Sterben immer mehr aus und übergeben sie der Gesellschaft.

ARTE: Ist „Halt auf freier Strecke“ ein Beitrag zum würdevollen Sterben? Gibt es das überhaupt?

Milan Peschel: So wie Frank Lange im Film stirbt, im Kreis seiner Familie, ist es würdevoll. Ich glaube, dass das auch in der Realität möglich ist. Es hängt wohl davon ab, wie die Beteiligten mit dem Thema umgehen. Petra Anwar, die Palliativärztin, die neben weiteren realen Ärzten im Film zu sehen ist, sagt das an einer Stelle deutlich: „Man muss vor allem den Kindern das Gefühl geben, keine Angst haben zu müssen.“

ARTE: Ist das vielleicht das wichtigere Thema des Films: Familie?

Milan Peschel: Ich finde schon. Genauso wie es ein Film über das Leben an sich ist. Über die Kraft des Lebens. Wenn man ihn gesehen hat, fühlt man sich gestärkt. Man hat viel durchgemacht, aber man kommt stärker heraus. Man erkennt die einfachen Dinge wieder, dass man gesund ist zum Beispiel. Alles andere spielt für einen Moment gar keine Rolle. Das ist wunderschön.

Andreas Dresen: Nicht ohne Grund singt der Liedermacher Gisbert zu Knyphausen am Ende „Das Leben lebt, es ist ein wunderschöner Sommertag“. Wir haben alle während der Dreharbeiten Krisen durchlebt und sind dann wieder herausgekommen. Das war eher eine Reise als ein bloßer Film.

ARTE: Was haben Sie auf dieser Reise erlebt?

Milan Peschel: Ich durfte mich mit dieser Krankheit auseinandersetzen, mit dem Schicksal, das sie bedeutet. Das erleben zu dürfen und trotzdem jeden Abend gesund nach Hause zu meiner Familie zu kommen, das war eine ganz große Erfahrung.

ARTE: Der Film wurde in Berlin und Cannes mit Preisen überhäuft, es gibt aber auch Menschen, die ihn wegen der sehr direkten Darstellung des Sterbens nicht ansehen können. Was sagen Sie dazu?

Andreas Dresen: Filme sind zum Ansehen gemacht, also fände ich es sehr schade, wenn „Halt auf freier Strecke“ nicht gesehen würde. Zumal ich glaube, dass man verändert daraus herauskommt. Zugegebenermaßen durchschreitet man im Laufe des Films ein Tal, weil man sich Dingen stellen muss, die im Alltag gerne verdrängt werden. Wer das aber schafft, nimmt – so hoffe ich wenigstens – etwas fürs eigene Leben mit.

ARTE: Was zum Beispiel?

Andreas Dresen: Das Gefühl für die Endlichkeit der eigenen Existenz. Wir haben grundsätzlich das Gefühl, endlos Zeit zu haben. Wenn wir feststellen, dass es doch nicht so ist, macht uns das Angst.

ARTE: Wie in Ihren vorigen Filmen „Wolke 9“ und „Halbe Treppe“ sind die meisten Szenen improvisiert – warum?

Andreas Dresen: Wir waren der Meinung, dass wir der Geschichte so Lebensnähe geben und vielleicht sogar etwas Wirklichkeit einhauchen können. Außerdem ließen sich so die Laiendarsteller – die professionellen Ärzte und Sterbehelfer – besser integrieren. Deren Erfahrungsschatz kommt aus der Realität. Ich wäre als Regisseur ja verrückt, wenn ich einer Frau wie Petra Anwar, die in ihrem Alltag bis zu 50 Familien im Sterbeprozess begleitet, erklären würde, was sie zu tun oder zu lassen hat.

ARTE: Herr Peschel, haben die Ärzte Sie auch im Vorfeld beraten?

Milan Peschel: Ja, es war für mich als Darsteller ganz wichtig, Fragen zu stellen wie: Wie sieht das eigentlich aus, wenn jemand aufhört zu leben? Wie hört es sich an, wenn er die letzten Atemzüge tut?

ARTE: Wie war es, diese zum Teil sehr erschütternden Szenen mit Kindern zu spielen?

Milan Peschel: Einfach. Die Kinder waren sehr unbefangen. Die hatten gar keine Probleme.

Andreas dresen: Sie haben genauso improvisiert wie alle anderen. Das hat so viel besser funktioniert, als wenn wir ihnen von Erwachsenen geschriebene Texte in die Hand gedrückt hätten.

ARTE: Der Ton des Films, die Kameraeinstellungen, das lange Verharren in einer Szene – das alles wirkt dokumentarisch und detailliert. Gab es Dinge, die Sie nicht zeigen wollten?

Andreas Dresen: Der Film geht an Grenzen heran, die für viele schwer erträglich sind. Das war ein ständiger Balance-Akt: Wie weit kann ich, wie weit muss ich aber auch gehen? Ich fand es zum Beispiel nicht nötig, die vollgeschissene Windel zeigen. Es genügt, wenn ein Gefühl dafür entsteht, dass die Dinge da sind. Die Fantasie des Zuschauers tut ihr Übriges.

ARTE: Gab es etwas, Herr Peschel, das Sie nicht hätten spielen wollen oder können?

Milan Peschel: Es gab Dinge, die ich in der Vorbereitung nicht hätte machen wollen. Ich fand es sehr wichtig, mit Ärzten zu sprechen und auch mit Hinterbliebenen von Menschen, die an einem Hirntumor gestorben sind. Aber ich hätte nie mit einem Erkrankten selber sprechen wollen. Das hätte ich obszön gefunden. Beim Drehen selbst hatte ich nie Sorgen. Wobei: Ich wäre ungern die ganze Zeit nackt durchs Wohnzimmer gelaufen. (lacht)

ARTE: War der Dreh für Sie beide belastend?

Andreas Dresen: Er war natürlich kein Spaziergang, aber wir haben uns auch nicht gequält. Zu Anfang mussten wir die eigenen Hemmschwellen überschreiten. Je weiter wir kamen, desto leichter wurde es. Je ernster es wurde, desto mehr wurde gelacht am Set, desto mehr haben wir uns befreit.

Milan Peschel: Als ich merkte, worauf ich mich  mit der Rolle eingelassen hatte, bekam ich Angst, ob ich das durchhalte. Aber dann ging’s mir wie Andreas: Es wurde immer leichter während des Drehs.

ARTE: Ihr Vater, Herr Dresen, ist auch an einem Hirntumor gestorben. Hat der Film autobiografische Elemente?

Andreas Dresen: Nein. Als mein Vater gestorben ist, hat das keine zwei Wochen gedauert. Die Stadien, durch die unsere Familie im Film geht, habe ich alle nicht erlebt. Bei mir war das fast überfallartig.

ARTE: Sie haben Ihren Film erstmals bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes gesehen, wo er vor Publikum lief. Wie war das?

Andreas Dresen: Das was sehr berührend: Da sind über 1.000 Menschen im Saal und es herrscht eine atemberaubende Stille. Nur ab und zu hört man ein Schluchzen oder es wird an Stellen gelacht, an denen es auch wirklich etwas zu lachen gibt. Genau das ist doch die Kraft des Kinos: mit anderen Menschen ein Leben und Gefühle zu teilen. Plötzlich merkt man, dass die aus denselben Gründen still sind, aus denen man selbst auch schweigt. Das lässt das Publikum zu einer Familie verschmelzen. Es ist ein schönes Gefühl, nicht mehr so einsam zu sein.

 

Jakob Biazza für das ARTE Magazin

ARTE Interview

Andreas Dresen & Milan Peschel

Andreas Dresen (li.) wurde 1963 in Gera geboren und studierte Regie an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg. 2003 war er Gründungsmitglied der Deutschen Filmakademie

Milan Peschel, 1968 in Berlin geboren, studierte an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch.Er führt auch immer wieder selbst Regie an Theatern in Berlin und Dänemark

ARTE Plus

Filmografie Andreas Dresen

„Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ (2012);

„Wolke 9“ (2008);

Sommer vorm Balkon“ (2005);

„Denk ich an Deutschland – Herr Wichmann von der CDU“ (2003);

„Halbe Treppe“ (2002);

„Nacht-gestalten“ (1999);

„Raus aus der Haut“ (1997)

 

Filmografie Milan Peschel

„Irre sind männlich“ (2014);

„Schlussmacher“ (2013);

„What a Man“ (2011);

„Jud Süß – Film ohne Gewissen“ (2010);

„Boxhagener Platz“ (2009);

„Mitte Ende August“ (2009);

„Schwarze Schafe“ (2006)

(Auswahl)

 

ARTE Schwerpunkt 

Filmfestival Cannes

Halt auf freier Strecke

Drama · Mo · 19.5. · 20.15

Im Rahmen des Schwerpunkts Filmfestival Cannes

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Kategorien: Mai 2014