TITELTHEMA

Aus dem Tagebuch des Karl Kasser

(c) Looks Film / Tobias Fritzsch

(c) Looks Film / Tobias Fritzsch

 

14 Protagonisten, 14 Tagebücher, 14 Schicksale: ARTE, ARD und ARTE France zeigen den Ersten Weltkrieg aus der Sicht derer, die ihn erlebt haben. Einer von ihnen war der Österreicher Karl Kasser: Der Bauernsohn hinterließ ein seltenes Zeitdokument, als er sich als Soldat „die Pein von der Seele“ schrieb. Hier erzählt Yury Winterberg, Koautor der Reihe, seine Geschichte.

Der 25-jährige Bauernsohn Karl Kasser aus Kilb in Niederösterreich kann dem Krieg wenig abgewinnen, der am 1. August 1914 in seiner Heimat ausgerufen wird. Statt auf dem Feld der Ehre zu sterben, muss das Feld hinter dem Haus bestellt werden. Das Schicksalhafte dieses Tages, das eine ganze Generation prägen wird, ist Kasser aber bewusst – er beginnt, Tagebuch zu schreiben: „Nächsten Tag fuhren bereits die Züge, die die Betroffenen aus der Heimat mitführten. (…) Die Begeisterten und die, die niemand hatten, hatten ihre gute Laune bald wiedergefunden. Kaum waren die Wagentüren geschlossen, hörte man unter dem Jammer schon wieder Singen und Jauchzen. Die paar Serben werden bald aufgefressen sein.“

Verloren im Krieg. Vorerst bleibt Kasser am Bahnsteig zurück, während die Soldaten für Österreich-Ungarn an die Front ziehen. Doch im November 1914 sind die Serben noch immer nicht „aufgefressen“. Die Habsburger Monarchie hat gegen Serbien und vor allem Russland schwere Niederlagen erlitten. Die Verluste betragen über eine Million Soldaten – und nun braucht Kaiser Franz Joseph auch noch den letzten Mann für die Front. Im Januar 1915 rückt Karl Kasser aus, muss Eltern und Verlobte zurücklassen. Seine Erlebnisse sind symptomatisch für die chaotischen Zustände in der k.u.k.-Armee. Die „Menage“ ist unzureichend, das Schuhwerk durchgelaufen, die Uniform bald nur noch ein Flickenteppich. Kasser und seine Kameraden marschieren durch endlose Wälder, unwegsame Berge, tückische Sümpfe. Gen Osten, dem Feind Russland entgegen. Ortsnamen gibt Kasser nur ungefähr phonetisch wieder; nicht einmal den Namen seiner Einheit versteht er richtig. Er schreibt vom „gerlitzischen Infanterieregiment Nr. 80“ und beklagt, dass er „von einem deutschen zu einem polnischen Regiment musste“. Es ist in Wirklichkeit das galizische Regiment, und zwei Drittel der Soldaten sind Ruthenen, wie Ukrainer damals genannt werden. Kaum jemand spricht Deutsch in der Truppe. Karl Kasser ist verloren im Vielvölkerstaat der Habsburger, verloren im Krieg.

Als Kasser im Mai 1915 in der „Durchbruchsschlacht bei Gorlice-Tarnów“ in Galizien kämpft, erringen deutsche und österreichische Armeen einen wichtigen strategischen Sieg. Doch Kassers Regiment läuft beim Vormarsch mitten in eine russische Gegenoffensive. Von Feinden umringt, feuern die Soldaten, bis ihnen die Munition ausgeht. „Da traf mich eine Kugel in die Brust, dass mir das Blut sofort durch den Mund und durch die Nase kam. Wie ich fiel, hatte ich das Gewehr noch schussbereit in den Händen (…).“

Looks Film/Jürgen Rehberg

Looks Film/Jürgen Rehberg

Für Bertl Strasser ist es heute, 100 Jahre später, noch immer schmerzlich, die Aufzeichnungen seines Großvaters zu lesen. Oft sei die Lektüre aber auch ein Trost, so Strasser, angesichts des Überlebenskampfes von Karl Kasser schrumpften die eigenen Probleme auf Normalmaß. Der 1948 geborene Strasser lebt wie sein Vorfahr im kleinstädtischen Kilb. Er hat bei der Autobahnpolizei gearbeitet und ist heute pensioniert. Das Tagebuch übergab ihm der Großvater, eine halbe Stunde bevor er starb. Es ist in Kurrentschrift verfasst, schwer lesbar also, und erst Jahre später erkannte Bertl Strasser den Wert der Aufzeichnungen. Als das achtteilige Dokudrama „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ für ARTE entwickelt wurde, erwies sich der Fund der Niederschrift Karl Kassers als Glücksgriff. Deren Unmittelbarkeit und emo-tionale Tiefe zogen Autoren und Redakteure sofort in ihren Bann.

Die schweigende Generation. Der Wert des Tagebuchs beruht auf seiner scheinbaren Unzulänglichkeit: Da schreibt sich jemand all seine Pein von der Seele, der kaum versteht, was ihm widerfährt – unbekümmert um Zeichensetzung oder militärische Zusammenhänge. Zur gleichen Zeit adressierten Generäle oder Künstler ihre Tagebücher direkt an die Nachwelt; Karl Kasser dagegen rechtfertigt sich nicht, will nicht heroisch erscheinen. Im Jahr 1914 zogen die europäischen Eliten auf eine heute schwer nachvollziehbare Weise begeistert in den Krieg. Arbeiter und Bauern waren oft skeptischer, haben aber nur selten Zeugnisse hinterlassen, weshalb die Geschichtswissenschaft sie lange ignorierte. Karl Kasser hat keinen anderen Anspruch, als für sich zu sprechen – und spricht doch für eine ganze schweigende Generation.

„So lag ich ohne Hilfe und Beistand die ganze Nacht. Zum Glück wusste ich nichts was um mich vorging.“ Den österreichischen Heeresberichten zufolge haben die russischen Angreifer verwundete Gegner erbarmungslos getötet. Doch Karl Kassers Schicksal verläuft im Sommer 1915 anders. Seine Kameraden halten ihn für tot; russische Soldaten finden ihn, versorgen seine Wunden und nehmen ihn gefangen. Sein Leben ist gerettet. Er hofft auf rasche Wiedererlangung der Freiheit. Vielleicht ist der Krieg ja bald vorbei? Doch der Gefangenentransport kennt nur eine Richtung: gen Osten, gen Sibirien. „Ein Gefühl der gänzlichen Verlassenheit beschlich jeden und die ausgestandenen Leiden und Drangsalierungen und die in Dunkel gehüllte Zukunft, stand vor unserem geistigen Auge.“

Gefangenschaft und Versöhnung. Eine jahrelange Odyssee durch Gefangenenlanger steht Kasser bevor. Er wird zur Zwangsarbeit eingesetzt, erlebt den Tod vieler Kameraden durch Krankheiten, Seuchen, Kälte, Hunger. Nur der Gedanke an die Familie daheim lässt ihn durchhalten. Manchmal kommen durch das Rote Kreuz Karten oder kleine Päckchen, sogenannte Liebesgaben, im Lager an. Dann weiß Karl, dass er nicht vergessen ist. 1917 schließt Russland Frieden mit Deutschland und Österreich-Ungarn, die Freilassung der Kriegsgefangenen ist ausgehandelt. Der Weg in die Freiheit ist zum Greifen nah. Doch dann erschüttert ein blutiger Bürgerkrieg das einstige Zarenreich, Kassers Lager fällt in die Hände von Weißgardisten, die den Friedensschluss nicht anerkennen. Erst 1920 kehrt Karl in die Heimat zurück. „Die Fahrt nach Kilb war mir wie ein Traum (…). Um halb 8 Uhr kam ich bei stockfinsterer Nacht in Kilb an, niemand sah mich aussteigen und ganz langsam ging es meinem Elternhaus zu. Es war am 4. Oktober 1920. Wie wird das Wiedersehen sein?“ So endet das Tagebuch.

Das Wiedersehen war alles andere als einfach, wie Bertl Strasser später herausfindet. Kassers Verlobte hat ein Kind von einem anderen – dass Karl zurückkehren würde, hatte sie schon lange nicht mehr geglaubt. Doch ihre Liebe flammt wieder auf. Die beiden heiraten, bekommen zwei Kinder, die aber jung sterben. Über den unehelichen Sohn setzt sich die Familienlinie fort. Bertl Strassers Schwiegertochter stammt aus Sibirien. Sie hat die Tagebücher des einstigen Kriegsgefangenen Karl Kasser studiert, möchte, dass sie bald ins Russische übersetzt werden. Aus einstigen Feinden sind heute, 100 Jahre später, Träger einer gemeinsamen Erinnerungskultur geworden.

Yury Winterberg für das ARTE Magazin

 

ARTE-Gastautor

Yury Winterberg, Schriftsteller und Drehbuchautor, ist Koautor des Dokudramas bei ARTE

ARTE Plus

Ausstellungstipp

Begleitausstellung im Militärhistorischen Museum Dresden ab August 2014: „14 – Menschen – Krieg“

DVD- und buchtipp

Begleitbuch von Gunnar & Florian Dedio: „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ (Bucher Verlag);

Begleitbuch von Yury & Sonya Winterberg: „Kleine Hände im Gro- ßen Krieg. Kinderschicksale im Ersten Weltkrieg (Aufbau Verlag);

Begleit-DVD: „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ (ARTE Edition): alle acht Folgen der ARTE-Reihe sowie Bonus-Material

www.14-tagebuecher.de

mehr zu den 14 Protagonisten, ein Making-of und das Spiel „Zeitmaschine“ (Angebot nur für Tablet)

 

ARTE Schwerpunkt 

Erster Weltkrieg

14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs

Dokudrama

(1) Der Abgrund · Di · 29.4. · 20.15

(2) Der Angriff · Di · 29.4. · 21.10

(3) Die Verwundung · Di · 6.5. · 20.15

(4) Die Sehnsucht · Di · 6.5. · 21.15

(5) Die Vernichtung · Di · 6.5. · 22.20

(6) Die Heimat · Di · 13.5. · 20.15

(7) Der Aufstand · Di · 13.5. · 21.15

(8) Die Entscheidung ·Di · 13.5. · 22.20

Kleine Hände im großen Krieg

Achtteilige Kinderserie

ab 27.4. immer sonntags zwischen 8.30 und 9.20

Mehr Informationen kurz vor Ausstrahlung unter www.14-tagebuecher.de

 

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Kategorien: Mai 2014