FILM

Augstein und die Spiegel-Affäre: Held oder Verräter?

(c) Wiedemann& Berg/Stephan Rabold

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Die Spiegel-Affäre erschütterte im Oktober 1962 die BRD – und entzün-dete in der ganzen Gesellschaft eine Debatte über Pressefreiheit und Staatsmacht. Stefan Aust, Koautor des
ARTE-Politkrimis
„Die Spiegel-Affäre“, über die Hintergründe und ihre aktuellen Bezüge.

Am Abend des 26. Oktober 1962, es war ein Freitag und somit Redaktionsschluss des „Spiegel“, stoppten grüne Mannschaftswagen der Hamburger Schutzpolizei vor dem Pressehaus am Speersort. An die drei Dutzend Männer sprangen heraus und stürmten die Räume der im sechsten Stock gelegenen „Spiegel“-Redaktion. Der Verdacht: Landesverrat durch das Veröffentlichen geheimer Dokumente über das Nato-Manöver „Fallex 62“. Der Beginn dessen, was als Spiegel-Affäre in die bundesdeutsche Geschichte einging.

Medien versus Staat. Es war ein Fall, der die deutsche Nachkriegsgeschichte grundlegend veränderte – und der in der Gegenwart erstaunliche Parallelen hat. Der Verrat von Staatsgeheimnissen und die Frage, ob „Whistleblower“ Helden oder Verräter sind, werden spätestens seit Wiki-Leaks und Snowden weltweit diskutiert. Und die Argumente sind immer dieselben, auch wenn sich die Weltlage gründlich verändert hat. Medien und Öffentlichkeit pochen darauf, dass der Bürger ein Anrecht darauf hat, zu erfahren, was seine Regierung und ihre Institutionen treiben, ob sie sich an Recht und Gesetz halten, ob es möglicherweise illegale Staatsgeheimnisse gibt. Die staatliche Seite, ob nun wie damals das Verteidigungsministerium und die Bundesanwaltschaft oder heute die NSA, sehen überall Landesverräter am Werk, von denen die Sicherheitsbehörden an der – notwendigerweise geheimen – Verteidigung des Staates, seiner Institutionen und damit dem Schutz der Freiheit gehindert werden. Und wie damals im Kalten Krieg die Auseinandersetzung zwischen Ost und West herhalten musste, um die Geheimhaltung der Verteidigungsbemühungen der Nato rechtfertigen zu können, ist es heute vor allem die Terrorismusbekämpfung, mit der jeder Eingriff in die Privatsphäre des Bürgers begründet wird. Im Zeichen der Krim-Krise wird vermutlich demnächst die Sicherheit vor Putins Weltmachtgelüsten eine neue Argumentationslinie der Geheimhaltungsstrategen sein. Augstein und seine Kollegen kamen mit Untersuchungshaft davon. Die Gefahr für Edward Snowden, den Rest seines Lebens in einem amerikanischen Gefängnis zu verbringen, dürfte sehr viel größer sein.

Krieg zwischen zwei Männern. Die Spiegel-Affäre vor mehr als einem halben Jahrhundert wurde zu einem Meilenstein in der demokratischen Entwicklung der Bundesrepublik. Sie ereignete sich auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, als die Welt durch die Kubakrise am Rande des Atomkrieges stand. Zwei Dinge vermischten sich: die erbitterte Auseinandersetzung um die Verteidigungsstrategie des westlichen Bündnisses und die Fehde zwischen dem damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß und dem streitbaren Publizisten Rudolf Augstein und seinem Magazin.

Strauß und Augstein sind die Kontrastpersonen der deutschen Nachkriegszeit, beide Kinder der Adenauerzeit und des Wirtschaftswunders, der eine mächtig, der andere reich – zunächst, denn die Koordinaten werden sich verschieben. Im Laufe der Affäre gewinnt Augstein an Einfluss und damit an Macht, der „Spiegel“ siegt und Strauß muss zurücktreten. Seine Aussichten Kanzler zu werden, gehen gegen Null. Augstein dagegen wird zur Ikone des freiheitlichen Journalismus.

(c) Wiedemann& Berg/Stephan Rabold

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Angefangen hatte die Fehde bereits 1957, fünf Jahre zuvor. Rudolf Augstein hatte nach einem misslungenen Abendessen mit Strauß beschlossen: Dieser Mann darf nichts werden. Strauß, gerade ein halbes Jahr im Amt des Verteidigungsministers, ist damals im Anschluss an eine Wahlveranstaltung bei Augstein eingeladen. Es entwickelt sich ein erst bemühtes, mit zunehmendem Alkoholgenuss jedoch immer hitziger werdendes Gespräch. Der Minister vergleicht die Russen mit Sittlichkeitsverbrechern: „Ich nenne jeden einen potenziellen Kriegsverbrecher, der durch Schwächung der westlichen Abwehrkraft dem kommunistischen Osten strategische Vorteile verschafft.“ Augstein kontert scharf, bis Strauß die bierselige Runde gegen drei Uhr morgens erbost verlässt. Augstein beauftragt daraufhin seine Redakteure, mit aller Energie gegen Strauß zu recherchieren. Alles, was Strauß zu Fall bringen könnte, soll ans Licht kommen. Aber Strauß übersteht zunächst alle Enthüllungen.

Diplomatie oder atomare Aufrüstung. Die beiden Kontrahenten stehen für zwei politische Richtungen des westlichen Bündnisses. Es geht um die Frage, ob man der Sowjetunion mit einer verschärften Politik der Abschreckung begegnen soll, indem man mit „massiver Vergeltung“ droht – oder sich ihr in Zukunft mit Diplomatie nähern soll. Augstein kämpft erbittert gegen die atomare Aufrüstung. Er hält sie für verhängnisvoll, erst recht, wenn ein Mann wie Strauß am Drücker sitzt. Augsteins Spiegel-Titelgeschichte „Der Endkampf“ im Mai 1961, eine Abrechnung mit der Atompolitik von Strauß, ist mit zahlreichen Angriffen auf Strauß gespickt: „Das Gesicht des Mannes, der mit Vokabeln wie ,totale Vernichtung‘, ,selbstmörderisches Risiko‘, ,absolute Abschreckung‘ wie mit Jongleurkugeln um sich wirft, kennt jeder Bewohner der Bundesrepublik; das Gesicht des Mannes, von dem Zeitgenossen geschrieben haben, er sehe aus wie ein ,stein of beer‘, wie ein Maßkrug also.“ Strauß beantragt wegen Beleidigung eine einstweilige Verfügung gegen den „Spiegel“.

Angst vor dem Dritten Weltkrieg. Nach Kennedys Wahl zum US-Präsidenten 1961 denken die USA zum ersten Mal über Entspannungspolitik nach. Das gilt vielen, auch Strauß, als Verrat am westlichen Bündnis. Er setzt auf eine taktische Atombewaffnung der Bundeswehr: „Eine Atombombe ist so viel Wert wie eine Brigade und außerdem viel billiger“, so Strauß. Doch bevor Kennedy die Entspannungspolitik umsetzen kann, schicken die Sowjets Raketen nach Kuba, Kennedy lässt daraufhin die Insel mit amerikanischen Kriegsschiffen blockieren. Jeden Moment kann der Dritte Weltkrieg beginnen.

Die Anspannung in der Politik ist riesengroß, als der „Spiegel“ seine Titelgeschichte „Bedingt abwehrbereit“ im Oktober 1962 veröffentlicht. Darin geht es um das Nato-Manöver „Fallex 62“, das den Dritten Weltkrieg mit einem Großangriff des Warschauer Pakts auf Westeuropa simulierte. Nach wenigen Tagen wären – so das Ergebnis des fiktiven Manövers – erhebliche Teile Englands und der BRD völlig zerstört. Auch ein sofortiger Gegenschlag der Nato könnte die rote Aggression nicht stoppen. Man rechnete in beiden Ländern mit zehn bis 15 Millionen Toten. In den USA, die von mehreren sowjetischen Wasserstoffbomben getroffen würden, wären die Verluste noch größer.

Strauß’ Muskelspiel. Zweck der Übung war, die militärische Funktionsfähigkeit der Nato insgesamt zu prüfen. Deshalb nahmen an dem Manöver zahlreiche zivile Institutionen teil und es zeigte sich, dass die Vorbereitungen der Bundesregierung für den Ernstfall völlig ungenügend gewesen wären. Das Nato-Oberkommando qualifiziert die Alliierten Streitkräfte in vier Stufen: Zum Angriff voll geeignet – zum Angriff bedingt geeignet – zur Abwehr voll geeignet und – zur Abwehr bedingt geeignet. Sieben Jahre nach der deutschen Wiederbewaffnung erhielt die Bundeswehr die niedrigste Note: zur Abwehr bedingt geeignet. Daher der „Spiegel“-Titel und die Schlagzeile: „Bedingt abwehrbereit“.

Der neuen US-Strategie der „Flexible Response“, die eine Stärkung der konventionellen Streitkräfte erforderte, wollte Bonns Verteidigungsminister Strauß aber nicht folgen. Eine konventionelle Aufrüstung der Bundeswehr, wie von den neuen Washingtoner Strategen gewünscht, wurde in Bonn durchgerechnet. Man kam zu dem Ergebnis, dass die Truppenstärke der Bundeswehr von damals 375.000 Mann über die anvisierte Zahl von einer halben Million bis auf 750.000 Mann angehoben werden müsste. Das sei aber völlig unrealistisch und auch nicht bezahlbar. Schon jetzt fehle es an Soldaten und an Geld.

Strauß wollte die knappen Etatmittel lieber in atomare Feuerkraft, am besten nukleare Kleinstkampfmittel wie den Atom-Granatwerfer „Davy Crockett“, investieren. Das allerdings stieß auf erbitterten Widerstand der Amerikaner. Strauß’ robuster Presseoberst Gerd Schmückle zog in der Wochenzeitung „Christ und Welt“ gegen die amerikanischen Theoretiker der neuen Nato-Strategie zu Felde: „Sie verharmlosen das neue Kriegsbild in Europa und legen ihm die gefälschte Patina vom konventionellen Waffengang auf.“ Den Kameraden in der Bundeswehrführung warf er gar gefährliche Rückwärtsgewandtheit vor: „Unterstützt werden die amerikanischen Philosophen von Militärs, die die Aufgabe der Heere im Atomzeitalter mit aller Gewalt nicht begreifen können und deren verhärtetes Gedächtnis immer noch damit beschäftigt ist, Panzer- und Kesselschlachten im Stil des Zweiten Weltkrieges zu schlagen (…).“ Insofern verlief die Frontlinie in der Bundeswehr zwischen alten Wehrmachtsoffizieren und „Modernisierern“ um Atomfreund Strauß. Der ließ sich auch nicht durch Berichte seiner eigenen Offiziere aus Washington stören. Im US-Heeres-Generalstab hatte man auf die Frage, ob der Atom-Granatwerfer die herkömmliche Artillerie ersetzen könne, lakonisch geantwortet: „Auf keinen Fall!“

Der BND kooperiert. Der brisante Artikel „Bedingt abwehrbereit“ entstand unter Mitwirkung des bundesdeutschen Geheimdienstes BND, der mit der US-Regierung sympathisierte. Man warf dem „Spiegel“ Landesverrat vor: Staatsgeheimnisse in Form geheimer Militärdokumente seien veröffentlicht worden. Der Bundeskanzler Konrad Adenauer wollte sogar BND-Chef Gehlen verhaften lassen.

Augstein musste schließlich 103 Tage im Gefängnis absitzen. Bei den Durchsuchungen der Redaktionsräume konnten jedoch keine geheimen Unterlagen gefunden werden – und den Anwälten des „Spiegel“ gelang es nachzuweisen, dass alle in dem Artikel aufgeführten Informationen schon einmal anderswo veröffentlicht worden waren. Das angebliche Staatsgeheimnis war in militärischen Fachkreisen längst bekannt – und auch im Osten dürfte klar gewesen sein, dass die Abwehr ein einziger Bluff war. Die Geschichte deckte auf, dass Strauß’ Strategie im Ernstfall in den Untergang geführt hätte. Als klar wurde, dass er nicht nur überreagiert, sondern auch den Bundestag belogen hatte, indem er abstritt, mit den Ermittlungen etwas zu tun zu haben, war er nicht mehr zu halten: Strauß musste gehen – der „Spiegel“ hatte seinen Lieblingsfeind besiegt.

Und so, wie der Kalte Krieg offenbar noch längst nicht vorbei ist, hat auch die Spiegel-Affäre – in der Realität wie im Film – erschreckende Aktualität.

 

Stefan Aust für das ARTE Magazin

 

ARTE Gastautor

Stefan Aust

Stefan Aust, 1946 in Stade geboren, ist Journalist und Buchautor. Von 1988 bis 1996 leitete er die Sendung SPIEGEL-TV, von 1994 bis 2008 war er Chefre-dakteur des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“. Er ist Koautor des ARTE-Films „Die Spiegel-Affäre“

 

ARTE Plus

Biografie Rudolf Augstein

Rudolf Augstein, geboren 1923 in Hannover, macht nach dem Abitur 1941 ein Volontariat beim
„Hannoverschen Anzeiger“. Im Anschluss wird er zum Arbeitsdienst, ab 1942 zum Kriegsdienst eingezogen. 1945 verwundet, kommt er kurz in amerikanische Gefangenschaft. Im selben Jahr noch beginnt er, als Journalist für das von der britischen Militärregierung lizenzierte „Hannoversche Nachrichtenblatt“ zu arbeiten. 1946 übernimmt er das Ressort Deutschland beim Nachrichten Magazin „Diese Woche“. Mit 23 Jahren wird er dessen Herausgeber sowie Chefredakteur und benennt es 1947 um in „Der Spiegel“

 

ARTE POLITKRIMI

Die Spiegel-Affäre

Fr · 2.5. · 20.15

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Kategorien: Mai 2014