THEATER

17 Tage Theater!

(c) Aki Tanaka

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Mannheim steht Kopf – beim bedeutendsten internationalen Theaterfestival im Juni, das Stücke aus aller Welt präsentiert. Das ARTE Magazin sprach mit dem Kurator Matthias Lilienthal, dem Enfant terrible der Szene.

Neuproduktionen, junge Positionen, aber auch etablierte Größen: Seit 1981 bringt das große Festival „Theater der Welt“ regelmäßig internationales Flair nach Deutschland, alle drei Jahre in eine andere Stadt. Vom 23. Mai bis 8. Juni lädt Festivalleiter Matthias Lilienthal Künstler von Tokio bis Santiago de Chile und Beirut ein, sich mit den lokalen Strukturen Mannheims auseinander-zusetzen – ein Großereignis mit 30 Produktionen in 17 Tagen. ARTE hat mit dem Berliner Dramaturgen über den spröden Charme der Rhein-Neckar-Metropole, sein diesjähriges Programm und über Strategien gesprochen, wie man einen frischen Blick auf die eigenen Realitäten gewinnen kann.

ARTE: Warum braucht unsere Gegenwart die Einmischung des Theaters?

Matthias Lilienthal: Wir sollten den Begriff der Globalisierung nicht den Investmentbankern überlassen, sondern unsere eigenen Erzählungen finden. Theater ist da immer für ein paar Störfeuer gut.

ARTE: „Theater der Welt“ leiteten Sie schon einmal 2002. Gibt es 2014 einen Wiedererkennungseffekt?

Matthias Lilienthal: Ja, 2002 waren wir gleichzeitig in Köln, Bonn, Düsseldorf und Duisburg, und Teil des Festivals war „X Wohnungen“, eine Mischung aus Kunst, Theater, Führung und Performance in den Wohnungen fremder Leute. Das setzen wir hier fort als „X Firmen“. Wir machen beispielsweise eine Tour durch die Industriestraße oder den Softwarekonzern SAP.

ARTE: Warum diesmal Firmen?

Matthias Lilienthal: Weil ich an Mannheim unter anderem total aufregend finde, dass es die deutsche Stadt mit der größten industriellen Wertschöpfung ist. Und Teil des Auftrags ist, die Krea-tivindustrie zu thematisieren. Ich versuche, die Theaterlandschaft hier um das Element der Performance, auch im öffentlichen Raum, zu ergänzen.

(c) Patricio Imbrogno

(c) Patricio Imbrogno

ARTE: Teil des Festivalprogramms ist zum Beispiel „The Conversationalist“, das auf dem viel beachteten Zukunftsroman „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace beruht. Was wird da zu sehen sein?

Matthias Lilienthal: Das deutsch-britische Performance-Kollektiv Gob Squad hat einen der Beziehungsdialoge aus dem Buch dramatisiert. Das Lustige ist: Sie spielen Tennis ohne Schläger und ohne Ball, das eigentliche Match besteht in den Texten. Über den Ausgang entscheidet ein Schiedsrichter. Das Stück zeigen wir im Tennisklub Grün-Weiss Mannheim. Ich bin darauf gekommen, weil die Metropolregion hier nicht zuletzt auch die Region der ehemaligen Tennisidole Steffi Graf und Boris Becker und deren Fans ist. Das wird hoffentlich ein intelligentes Spektakel.

ARTE: Ist es wichtig, an welchem Ort etwas gemacht wird?

Matthias Lilienthal: Kunst kann es nicht unabhängig von ihrem Ort geben. Ein Stück über Migration hat in Hannover eine völlig andere Wirkung als in einem Kreuzberger Hinterhof. Mannheim bietet mit seinen 100.000 Arbeitsplätzen in der Industrie eine Bevölkerungsstruktur, die unvermittelt von Multimillionären durchbrochen wird. Es ist eine raue und herzliche Stadt, aber manchmal wünsche ich mir etwas mehr an intellektuellen Debatten.

ARTE: Nach den Festivalstücken kann das Publikum immer Fragen stellen …

Matthias Lilienthal: Man kann mich auch für zu Hause buchen, dann stelle ich das Programm persönlich vor! Aber grundsätzlich gibt es keine falsche Rezeption. Das, was ein Zuschauer sieht und empfindet, ist immer richtig. Natürlich gibt es Schwerpunkte im Programm: Rassismus, Gender, der Mittlere Osten. Das bietet viel Gesprächsstoff.

ARTE: Kann man Theater auch anders vermitteln?

Matthias Lilienthal: Ja, wir haben zum Beispiel ein Hotelprojekt zusammen mit raumlaborberlin und ARTE Creative entwickelt. Dabei werden in Mannheim temporär Hotelzimmer an ungewöhnlichen Orten gebaut. Hier entsteht Theater im Kopf: Noch vor Jahren hätte ein Festival wie dieses exotische Welten angeboten. Jetzt bieten wir einen exotischen Blick auf die eigenen Realitäten.

Arno Frank für das ARTE Magazin

 

ARTE INTERVIEW

Matthias Lilienthal

Matthias Lilienthal, 1959 in Berlin geboren, war von 1992 bis 1998 Chef-dramaturg und stellvertretender Intendant an der Berliner Volksbühne unter Frank Castorf. 2003 bis 2012 leitete er das Berliner Theater HAU (Hebbel am Ufer). Ab der Spielzeit 2015/16 wird Lilienthal Intendant der Münchner Kammerspiele.

 

 

ARTE KULTURDOKU

Theater der Welt 2014

So · 25.5. · 17.35

 

ARTE Creative begleitet das Projekt 

Hotel Shabby Shabby und zeigt eine begleitende Webserie.

Mehr dazu unter arte.tv/shabby

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Kategorien: Mai 2014